Jules Cathomas bereitet das Essen im Maiensäss zu.
Foto: Heidi Diehl
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Dass wir an diesem frühen Morgen alle ein bisschen mehr als sonst frühstücken, beweist nur, dass wir von unseren handwerklichen Fähigkeiten eher mäßig überzeugt sind. Denn das nächste richtige Essen wird es erst geben, wenn wir das Haus gebaut haben, in dem es zubereitet werden soll. Noch ein Brötchen und eine Flasche Wasser als eiserne Reserve in den Rucksack – dann geht's los.
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»Heute basteln wir ein Gasthaus«, empfängt uns Markus Isenmann gutgelaunt am Ortsrand von Brigels im schweizerischen Graubünden. Er verteilt Stöcke, Schaufeln, Sägen sowie Schneeschuhe, und nach einer kurzen Erklärung, wie man mit dem ungewohnten Fußschmuck umzugehen hat, stapfen wir los. Ohne diese Riesensohlen an den Schuhen würden wir bis zu den Knien im lockeren Schnee versinken. Schnell haben wir unseren Rhythmus gefunden, es könnte stundenlang so weitergehen. Doch nach gut einer halben Stunde stoppt Markus: »Wir haben unseren Bauplatz erreicht«. Zu sehen ist nichts als ein riesiges Schneefeld, das in der Sonne glitzert, als hätte jemand Unmengen winziger Diamanten darüber verstreut.
Markus scheint dafür keinen Blick zu haben. Stattdessen zeichnet er einen großen Kreis. »Hier bauen wir unser Iglu«, verkündet er zuversichtlich. »Die nächsten Stunden werden wir sägen, graben und stapeln.« Die wichtigste Vorarbeit, nämlich den Schnee zu einem kompakten Baumaterial zusammenzupressen, hatte er bereits am Vortag erledigt.
»So müssen die Blöcke aussehen«. Markus, der sich vor fünf Jahren mit seinem Unternehmen VivaTrail selbstständig machte und seitdem als Wanderleiter Touristen die Schönheit seiner Heimat nahebringt, zeichnet ein Muster in das »Rohstofflager«. »So sägt ihr sie zurecht«, zeigt der 42-Jährige und reicht die höllisch scharfe Schneesäge weiter.
Aller Anfang ist schwer, aber macht unglaublichen Spaß – und Stunden später haben alle den Dreh (fast) raus, und das Iglu nimmt Form an. ND-Fotos: Diehl
Foto: Heidi Diehl
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Jetzt sind wir dran. Was bei ihm so leicht aussah, erleben wir Eleven anfangs als schweißtreibende Schinderei. Doch bald schon beginnt es Spaß zu machen, und als die erste Reihe Blöcke steht, keimt Hoffnung, doch nicht hungrig ins Dorf zurücklaufen zu müssen. Von der Schwierigkeit, ein Iglu in Form zu bringen, ahnen wir ja noch nichts. Denn ab Runde zwei müssen die Schneeblöcke schräg nach innen geneigt werden, ansonsten wird es eine Röhre statt ein Iglu. Und halten muss das Ganze auch noch! Beides erweist sich schwieriger als gedacht. Selbst Markus, der schon so manches Iglu gebaut hat, gibt zu: »Heute ist der Schnee nicht gut, zu grobkörnig, das kommt, wenn er tagsüber durch die Sonne antaut und dann nachts wieder gefriert.« Dennoch, dank seiner Hilfe wächst das »Gasthaus« Runde für Runde. Eifrig wird gesägt, geschippt, geschleppt, gestapelt. Bis wir merken: Das Ding hat zu geringe Neigung nach innen. Das Iglu würde die Form einer Kathedrale annehmen, bis wir den Schlussstein setzen können. Die Sonne hat inzwischen längst den Zenit überschritten, der Magen signalisiert: Fertig werden! Also entscheiden wir uns für eine Cabriolet-Variante und reden uns ein, dass ein Raclette unterm Sternenhimmel ohnehin viel romantischer sei als unterm Dach.
Ist es dann auch. Als Markus und seine Frau Ursula ihre schweren Rucksäcke auspacken, verwandelt sich der Schneeblock in der Mitte des Iglus in ein »Tischlein deck dich!«. Käse, Gurken, Pellkartoffeln, Perlzwiebeln, Maiskölbchen, Brot, sogar Wein und natürlich die Racletteförmchen nebst Öfchen holen sie hervor. Wir lassen es uns schmecken, Mond und Sterne ersetzen die Kerzen. Satt, stolz und glücklich treten wir den Heimweg durch die Nacht an.
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Auch den nächsten Abend verbringen wir gewissermaßen in einem selbstgebastelten Gasthaus. Es gehört den Familien von Jules und Maurus Cathomas und steht in Brigels-Dorf. Das war nicht immer so, denn bis vor vier Jahren stand das Maiensäss – so nennt man die winzigen hölzernen Berghütten auf halber Alphöhe, in denen die Bauern im Frühjahr Zwischenstation machten, wenn sie das Vieh auf die Sommerweide trieben – noch rund 400 Meter höher und war schon fast zerfallen. Die Cousins kauften die Hütte, nahmen sie Stück für Stück auseinander, sanierten sie aufwändig und bauten sie im Tal original wieder auf. Heute dient sie als lebendiges Museum. Nicht nur Fremden zeigen die Brüder gern, wie die Menschen früher lebten und arbeiteten, sondern nehmen oft auch die Kinder der Region mit auf eine Zeitreise, um ihnen die Traditionen ihrer Vorfahren zu zeigen.
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Chiara spielt Troccas wie die Alten.
Foto: Heidi Diehl
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Das Bergbauerndorf Brigels liegt rund 1300 m.ü.M. mitten im romanischen Sprachgebiet. Für rund 0,5 Prozent aller Schweizer ist Rätoromanisch, das vor allem in Graubünden gesprochen wird, Muttersprache. Entstanden ist sie aus der Vermischung von Latein, das die Römer mitbrachten, als sie im 15. Jahrhundert die Herrschaft in der Region übernahmen, und der Sprache der hier schon immer lebenden Räter. Die Kinder wachsen heute zweisprachig auf, in der Schule wird bis zur 4. Klasse ausschließlich auf Rätoromanisch unterrichtet, erst dann kommt Deutsch als erste Fremdsprache dazu. Neben der Sprache wird ebenso das kulturelle Erbe intensiv weitergegeben. Auch dank Menschen wie Jules Cathomas, einem Mann wie aus dem Geschichtsbuch entstiegen.
Eine bessere Lektion in rätoromanischer Traditionspflege kann man nicht bekommen, als ihn in dem 219 Jahre alten Maiensäss zu besuchen. Sehr oft ist seine Nichte Chiara hier. Auch sie scheint einem Bilderbuch entstiegen zu sein – genau so stellt man sich Heidi, die Heldin aus den weltberühmten Büchern der Schweizer Autorin Johanna Spyri, vor. Selbst Jules ruft die 8-Jährige so. Heidi-Chiara liebt die alten Geschichten, weiß, wie man früher Käse und Butter machte, kocht sogar mit Onkel Jules für die Gäste aus Deutschland ein Arme-Leute-Menü, wie es die Bergbauern im 18. Jahrhundert täglich aßen. Zum Beispiel »Fermentins en latg«, eine Suppe aus Milch, Mehl und Salz. Diese oder das etwas nahrhaftere »Truffels e pulenta barsa« – in der Pfanne gebratene Kartoffeln mit Mais und etwas Speck – aß man zum Frühstück. »Buglia dad Aunghels« hingegen – eingeweichtes altes Brot in Sahne überm Herdfeuer gekocht – gab es nur zu besonderen Anlässen. Was für unsere Gaumen gewöhnungsbedürftig ist, gehört für Chiara und erst Recht für den Schäfer Jules längst wieder zum Alltag. Weil sie es so wollen und mögen.
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Das Mädchen, das so sehr das Heidi-Klischee verkörpert, dass sie vor einem Jahr sogar schon zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August in Berlin als Heidi für ihr Land Werbung machte, pflegt auch im Alltag Hobbys, die weit jenseits von Gameboy oder Computer liegen. Eines davon hört auf die Namen Michelle, Zilli und Zilla. Für ihre drei Ziegen steht sie freiwillig jeden Morgen frühzeitig auf, um sie noch vor der Schule zu füttern und mit ihnen zu spielen. Außerdem hört und liest Chiara gern die Märchen und Geschichten aus der Surselva, wie die Region, in der sie lebt, auch genannt wird. Und sie interessiert sich für die alten Spiele, die heute kaum noch einer kennt. Wie Troccas, ein Kartenspiel, das Schweizer Söldner im 18. Jahrhundert aus Frankreich mitbrachten. Chiara und Jules versuchen, es uns beizubringen, wenn auch mit mäßigem Erfolg, dafür mit umso mehr Spaß. Chiara kennt alle Tricks, die mit den 78 Karten möglich sind und spielt einen Trumpf nach dem anderen aus.
Erst spät am Abend steigen wir wieder über die Schwelle vom Maiensäss und so zurück vom 18. ins 21. Jahrhundert.
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20:30 Uhr, Wustrau bei Neuruppin