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06.02.2010

Das betende Tier

Zur Seele: Erkundung mit Schmidbauer

Dr. Wolfgang Schmidbauer arbeitet als Psychoanalytiker und Autor
Dr. Wolfgang Schmidbauer arbeitet als Psychoanalytiker und Autor in München

Es gibt ein äußerst bemerkenswertes, in der Tat einzigartiges Ereignis innerhalb des biologischen Systems – das Entstehen einer Beziehung, die jener Beziehung sehr ähnlich ist, die viele Männer und Frauen zu dem unterhalten, was für ihr Gefühl Realität ist und was sie Gott nennen. Ich meine die Ergebenheit des Hundes gegenüber dem Menschen. Hier ist ein Tier, das seine Anhänglichkeit und seinen Gehorsam vom Leittier des Rudels auf einen neuen Herrn übertragen hat; noch mehr: der nicht nur ein treuer Diener ist, sondern einer, der seinem Meister gegenüber eine kindesähnliche Verehrung und Liebe entwickelt.

So Alister Hardy in einem Text über den Menschen als das betende Tier. Wer die schönen Fresken im Kapitelsaal der Kirche von Santa Maria Novella in Florenz betrachtet, findet dort schwarzweiße Hunde, die mit gefletschtem Gebiss Heiden und Ketzer verfolgen. Es sind die Hunde des Herrn, domini canes; denn dieser Saal war ein Versammlungsraum des Dominikanerordens, dessen Mönche weißes und schwarzes Tuch tragen.

Die Funktion, Gruppen zu bilden und sie zu festigen, wirkt bis heute im Hintergrund der Religionen. Eine Fahne genügt nicht, die Soldaten zusammenzuhalten; sie muss auch etwas bedeuten. Das religiöse Symbol war ursprünglich immer ein Feldzeichen, wie es uns noch die Legende von Konstantin vermittelt: In diesem Zeichen wirst du siegen. Der Glaube hielt Gruppen zusammen und befähigte sie zu erstaunlichen Leistungen – die aus Ägypten geflohenen Stämme Israels besetzten das ihnen »gelobte« Land, die Araber eroberten in wenigen Jahrzehnten den Orient.

Ein zentrales Merkmal jeder Gruppe ist ihre Grenze, durch die sie sich von anderen Gruppen unterscheidet. Diese Grenze hat immer religiöse Qualitäten und ist in vielen Fällen geradezu eine Religion. Oft werden (jüngstes Beispiel war Jugoslawien) auch fast vergessene Glaubensunterschiede belebt, um Gruppen zu bilden und sie gegeneinander abzugrenzen.

In Mitteleuropa verblassen die religiösen Orientierungen allmählich. An ihre Stelle treten Gruppenkulturen, die sich auf Konsum und/oder Karriere zentrieren. Für den Jugendlichen aus frommem Elternhaus ergibt sich die Aufgabe, ein eigenes Urteil über die Glaubwürdigkeit dessen zu finden, das ihm die Eltern bzw. die Vertreter der institutionalisierten Religion vermittelt haben. Er wird aus der Kirche austreten oder sich von ihr distanzieren, um sich von den Eltern abzugrenzen. Umgekehrt wird der weitgehend areligiös erzogene Jugendliche möglicherweise die Grenze zu den Eltern dadurch scharf nachziehen, dass er sich einer fundamentalistischen Gruppe anschließt.

Wie aber können wir die Personen verstehen, die religiöse Gruppen schaffen? Es sind Menschen, die tiefe Verletzungen überlebt haben und diese nun einordnen müssen. Der vom Blitz der Epilepsie getroffene Saulus wurde ein Paulus, ohne den die Geschichte des Christentums vielleicht nicht geschrieben worden wäre. Bei Ignatius von Loyola war es eine schwere Verwundung, welche seine militärische Karriere beendete und ihn bewog, den Jesuitenorden zu gründen.

Grenzerfahrungen werden verarbeitet, indem die Betroffenen Halt suchen und sich anlehnen. Bei den meisten bleibt es dabei. Besonders Begabte jedoch wehren die entstehende Abhängigkeit durch eine energische Gegenreaktion ab: Statt sich einer Autorität zu unterwerfen, werden sie selbst zu einer.

Die Neigung des Menschen, angesichts seelischer Überforderung Zuflucht bei seinesgleichen zu suchen, ist vermutlich genetisch verankert. Zu lange hing unser Überleben davon ab, ob wir verlässliche Bindungen zu Eltern, Geschwistern und Kindern aufbauen konnten. Der Mensch erkennt den Menschen und lächelt ihn an, ohne das lernen zu müssen.

Der Religionsstifter schafft aus den Göttern seiner Umgebung etwas Neues. Dieses Neue wird überliefert, wenn Gruppen es brauchen können. Der erfolgreiche Religionsstifter erobert einen halben Kontinent; seine erfolglosen Zeitgenossen vergehen unbemerkt.

Zeitdeuter haben die rapide wachsende Eventkultur um Mekka oder Rom als Zeichen gedeutet, dass die religiöse Bindung erstarkt. Demgegenüber lässt sich festhalten, dass die eigentliche religiöse Kreativität schon seit vielen Jahrhunderten abnimmt und die wesentlichen Neuerungen der modernen Gesellschaften nichts mehr mit Religion zu tun haben.

Als das Rad erfunden wurde, hat es niemand angebetet. Es sprach für sich. Wissenschaft und Technik brauchen keine Verehrung. Die Behauptung, es gäbe in der Wissenschaft etwas wie eine heilige Inquisition und einen päpstlichen Bann, ist eine schiefe Metapher, die Opfern religiöser Intoleranz Unrecht tut.

Fundamentalismus signalisiert schwindende religiöse Bindungen. Nur wer seines Glaubens unsicher ist, muss andere um jeden Preis von ihm überzeugen. Je bedrohlicher die Unsicherheit, desto radikaler die missionarischen Anstrengungen. Dann liegt der heilige Selbstmord nahe. Die allgemeine Überzeugungskraft von Wissenschaft und Technik ist deren Schwäche. Sie ermöglichen keine Gruppengrenzen, formulieren keine Gruppeninteressen. Die Religion ist aus einer Kraft, die neue Welten erschließt, zu einer geworden, welche Verteilungskämpfe auf einer eng gewordenen Erde organisiert.

Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im selben Kopfe, sagte Schopenhauer. Sie sind dann wie Wolf und Schaf in einem Käfig, und zwar ist das Wissen der Wolf, der den Nachbarn aufzufressen droht. Das ist leider zu tröstlich, um wahr zu sein: Es kann auch geschehen, dass der Wolf das Schaf missioniert und mit einer Armee von Schafen seine Nachbarn überfällt.

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