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Von Irene Constantin 08.02.2010 / Feuilleton

Wellness-Oase fürs Auge

Händels Frühwerk »Agrippina« an der Deutschen Staatsoper

Poppaea (A. Prohaska) und Lesbo (D. Schmutzhard)
Poppaea (A. Prohaska) und Lesbo (D. Schmutzhard)

Dass Georg Friedrich Händel, René Jacobs, die Akademie für Alte Musik Berlin und ein paar Sänger auch noch mitspielen, wurde in Vorberichten zur Nebensache. Denn die Kostüme zu »Agrippina« entwarf Christian Lacroix, einer der exquisitesten und heikelsten unter den Großmeistern der Haute-Couture. Viele seiner Entwürfe sind barock-inspiriert; die Oper liebt er schon lange. Ironie des Schöpfer-Schicksals: Regisseur Vincent Boussard wollte es eher schlicht. So entstand ein fantasieanregender Mix aus perfekt unkorrekt sitzender schwarz-weißer Herrengarderobe, dem hautengen schwarzen Damenkostüm für Agrippina, gleißenden Roben für Poppaea, und Kaiser Claudius sowie sein Diener durften doch, leicht britisch inspiriert, im barocken Faltenwurf schwelgen.

Bei allem Hype: Christian Lacroix entwarf wunderbare Kostüme, mit und in denen die Sänger spielen konnten, die über die Stellung und das Seelenleben der Figuren erzählten, ihre Kulturgeschichte gleich mit. Geradezu verklärt wurde der Anblick überdies vom Nicht-Bühnenbild Vincent Lemaires. Ein Regen transparent glitzernder, bis auf den Boden hinabhängender Perlenschnüre und vor dem Orchestergraben ein gläserner Laufsteg, das wars. Der Rest war Sache des perfekten Lichtdesigners Guido Levi. Eine Wellness-Oase für das Auge dies alles, optischer Urlaub vom Müll auf der Bühne, von Grabbeltisch-Mode und Sperrholz-Mobiliar.

»Agrippina« ist ein Frühwerk Händels. Uraufgeführt in Venedig, hatte es sensationellen Erfolg. Gibt es doch nichts unterhaltsameres als eine schöne Intrige – wenn sie anderen passiert. Zum Beispiel dem römischen Kaiser Claudius. Seine liebende Gattin Agrippina erfährt, oder lässt von zwei Verehrern, deren jedem sie alles verspricht, verbreiten, der Kaiser sei auf der Rückkehr vom siegreichen Britannien-Feldzug wegen Schiffbruchs umgekommen. Sie sollten doch gleich ihr Söhnchen Nero zum Kaiser ausrufen. Peinlich nur, dass der Kaiser plötzlich auftaucht und seinem Lebensretter Ottone den Thron verspricht. Zudem hat er es nicht eilig, an den heimischen Herd zurückzukommen; es drängt ihn, seiner angebeteten Poppaea einen Besuch abzustatten. Die wiederum will weder ihn noch sein schmachtendes Stiefsöhnchen Nero sondern Ottone. Da er nun stört, wird aus dem Lebensretter flugs ein Staatsverräter … Und so weiter. Zustände wie im alten Rom. Nein, wie im neuen Rom. Librettist der Oper war Vincenzo Grimani, Kardinal und Gegner des Papstes. Was er zu Papier gebracht habe, flüsterte man im Teatro San Giovanni Grisostomo – das der Familie Grimani gehörte – sei der Wirklichkeit beim Heiligen Stuhl durchaus nahe. Das Publikum amüsierte sich königlich, 27 Vorstellungen folgten der Premiere. Apropos neues Rom: Dass Kaiser Claudius obenrum Berlusconi ähnelte, muss man nicht für Zufall halten.

Grimani und Händel hatten im Gewande der strengen Opera Seria eine Art Buffa hervorgebracht, lange bevor diese erfunden war. Die Charaktere kannte man in Venedig, und einen Hauch Commedia dell'arte hat Christian Lacroix mit Claudius-Pantalone und Poppaea-Colombina bis auf die Bühne der Lindenoper geweht. Aber eine schlichte Musikkomödie mit ausschließlich unmoralischem Personal wäre unter Händels und Grimanis Ansprüchen geblieben. Die Gegengewichte im Charaktergemisch der Figuren sind die selbstlose Mutterliebe Agrippinas, der Mut Poppaeas, sich kaiserlichen Annäherungen zu widersetzen und die Liebe Ottones, der für Poppaea auf den Thron verzichtet. Eine solche Konstellation ermöglichte Händel die Vielzahl und feine Abstimmung der unterschiedlichen Affekte der Arien bis zum glücklichen Ende, bei dem jeder alles hat, was er will – jedenfalls für den Moment. Der römische Feuerschein leuchtete schon am Bühnenhintergrund.

René Jacobs und die Akademie für Alte Musik bewiesen, dass Händel schon bei der »Agrippina« seine volle kompositorische Meisterschaft erreicht hatte. Andererseits war zu hören, wie viel interpretatorische Freiheit die Alte Musik solchen Kennern des Metiers lässt. Die staubigen Secco-Rezitative waren dezent farbig instrumentiert. Jacobs ließ sie sehr kantabel singen, so dass sie den Musikstrom nicht abreißen ließen und als Miniatur-Psychogramme die Figuren genauso belebten wie die gleichnishaften Arien. In der vollen Orchesterbesetzung entfaltete Jacobs einen üppigen, fast romantisch rauschenden Klang. Vincent Boussard vertraute der narrativen Opulenz der Musik, verschonte die Darsteller mit allzu viel Spielspaß während der Arien, ließ aber die wichtigen Aktionen symbolkräftig und drastisch ausspielen. Keine Kunst, wenn Händel den aufgeregt animierten Claudius, falstaffisch-komisch Marcos Fink, kaum atmen lässt in seinen abgehackten Rhythmen und ihn bis in schwärzeste Basstiefen führt. Nerone, pubertierend langgliedrig gespielt und von Arie zu Arie leuchtkräftiger gesungen von Jennifer Rivera, ist ein falsches Miststück von Muttersöhnchen. Musikalisch hat ihn Händel eher verwöhnt. Poppaea ist eine angebetete Kostbarkeit und auch so gekleidet. Anna Prohaska ließ ihre licht timbrierte Stimme glitzern und funkeln, sah so staksbeinig aus wie Sophie Rois als Opernsängerin aussehen würde. Ihr Geliebter Ottone hatte in Bejun Mehta eine großartige Counterstimme zu Gebot, kraftvoll tragend, modulations- und pianofähig, überwältigend. Neil Davis, der wundersame Dominique Visse und der junge Daniel Schmutzhard belebten das Ensemble mit den skurrilen kleinen Rollen. Agrippina sang perfekt, sah perfekt aus, trat perfekt auf, aber Alexandrina Pendatchanska gab mit ihrer, nur durch einen fasziniert komponierten Albtraum irritierten Opernfigur doch eher die makellos coole Geschäftsfrau als die glamouröse faszinierend heimtückische Kaiserin.

Weitere Vorstellungen gibt's am 9., 12. und 14. Februar. Freue sich, wer schon eine Karte hat, denn die Abende sind ausverkauft.

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