Von Burkhard Ilschner
11.02.2010

Politisches Unterhaltungsfernsehen

TV-Vierteiler »Väter und Söhne« über die Geschichte der IG Farben jetzt als DVD-Kollektion

Pakt mit dem Teufel: Bruno Ganz als Chemiefabrikant Heinrich Bec
Pakt mit dem Teufel: Bruno Ganz als Chemiefabrikant Heinrich Beck

Es kann keinen Schlussstrich geben«, begründet Autor und Regisseur Bernhard Sinkel in einem aktuellen Interview, was ihn vor 25 Jahren bewogen hat, sich filmisch mit der Geschichte der IG Farben auseinanderzusetzen, jenes deutschen Chemie-Konzerns, der maßgeblich an vielen Verbrechen des Hitlerfaschismus beteiligt war. »Väter und Söhne« hieß der 1986 erstmals ausgestrahlte vierteilige Fernsehfilm, der anlässlich Sinkels 70. Geburtstages jetzt – endlich – als DVD-Kollektion erschienen ist.

Es geht – kurz gefasst – um Werk und Familie eines fiktiven Chemiefabrikanten zwischen 1911 und 1947: Unternehmer Carl Julius Deutz (Burt Lancaster) dirigiert Firma und Familie patriarchalisch durch Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, verdient gut an Munitions- und Giftgas-Geschäften, wehrt sich aber vergeblich gegen die von Sohn Friedrich (Dieter Laser) und Schwiegersohn Heinrich Beck (Bruno Ganz) betriebene Kooperation mit der Konkurrenz und die folgende Fusion zur IG Farben. Nach dem Tode des Patriarchen steuern die beiden Deutz-Erben als IG-Führer den Konzern mal begeistert, mal zaudernd direkt in die Zusammenarbeit mit den Nazis, in neue Kriegsgeschäfte und vor allem in die Vernichtungsmaschine »IG Auschwitz«. Die Geschichte endet mit dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess gegen die IG-Führung unter Hinweis darauf, dass die dabei mit (zu) glimpflichen Strafen davon kam.

Sinkel präsentiert den brisanten Stoff als Familiensaga mit Herzschmerz und Eifersucht, Seitensprung und Intrigen, Trauer und Freude. Es ist diese Dramaturgie, die den Film so beeindruckend macht: Der Zuschauer sieht Männer, die für Profit und Macht buchstäblich über Leichen gehen, als verletzliche Menschen. Er wird Zeuge ihrer Stärken und Schwächen in fast allen Lebenslagen, er sieht, wie andere in ihrem Umfeld sie kritisieren, sich abkehren – ohne dass dies am Kurs der Gier und der Skrupellosigkeit letztlich etwas änderte. »Väter und Söhne« war und ist ein in Besetzung wie Kulisse opulentes Werk. Es ist ein aufrüttelndes, aber auch widersprüchliches Manifest. Es ist aber auch eine knapp neun Stunden währende Schmonzette, die sich wechselseitig immer wieder selbst erfindet und ad absurdum führt. Und es ist eine Anklage, die so entschlossen und so Zweifel weckend zugleich daherkommt, dass sie dem Zuschauer eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Geschichte der IG Farben geradezu aufzwingt: Unterhaltungsfernsehen als Motor politischen Interesses.

All dies macht »Väter und Söhne« zu einem wichtigen und eigentlich heute viel zu wenig beachteten Werk. Zwar liefen die vier Folgen 1986 im ersten ARD-Programm, zwar haben ARD, 3sat und WDR die Serie zwischen 1990 und 2000 je einmal wiederholt – aber knapp zehn Jahre lang hat es im sonst so wiederholungsträchtigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine weitere Ausstrahlung gegeben. Das hat prompt zu Spekulationen geführt. Schon 2006 erschien in einem Internet-Forum die Vermutung, die »immer noch existierende Firma IG Farben (könne) ihren Einfluss geltend gemacht und eine Wiederholung verhindert« haben.

Nährboden fanden solche Gerüchte in Veröffentlichungen wie der des ehemaligen Grimme-Direktors Lutz Hachmeister: Der hatte 1993 in einer Bilanz angedeutet, die Aufführung des Sinkel-Vierteilers im Grimme-Institut 1987 habe Sponsoren wie die damaligen Chemischen Werke Hüls AG verärgert. Sinkel selbst übrigens äußert im aktuellen (als DVD-Bonus beigefügten) Interview eine profanere These: Er bedankt sich nachdrücklich beim WDR, der ihm damals alle Freiheiten gelassen habe – und kritisiert, dass heutige Programmgestaltung so sendezeit-aufwändige Filme wie diesen Vierteiler jenseits aller Qualitätserwägungen zu blockieren scheine.

Apropos Qualität: »Väter und Söhne« glänzt dank hervorragender Besetzung durch viele szenische Highlights, die wiederholtes Anschauen unverzichtbar machen. Da gibt es leidenschaftliche Höhen und Tiefen im Familienleben des Deutz-Clans wie etwa die Auseinandersetzung des Patriarchen mit seinem abtrünnigen Enkel Georg (Herbert Grönemeyer) oder die Liebesaffäre von Georgs Mutter Charlotte (Julie Christie) mit dem Freund des Sohnes, Max Bernheim (Hannes Jaenicke). Nicht weniger beeindruckend sind etliche Szenen des politischen Geschehens, beispielsweise die patriotischen Bekenntnisse des jüdischen Konzern-Bankiers Bernheim (Martin Benrath als Vater von Max), der die Verfolgung durch die Nazis erst zu verdrängen sucht, ihr dann mit Stolz entgegen tritt – und schließlich doch ihr Opfer wird. Packend zeichnet Sinkel den genialen, aber auch zerrissenen Chemiker Heinrich Beck: Der ergeht sich in kindlicher Freude über wissenschaftliche Erfolge oder den Nobelpreis, wechselt zwischen strategischer Weitsicht hier und Zweifel dort bezüglich der Kooperation mit den Nazis, demonstriert zynisch entschlossene Mittäterschaft ebenso glaubwürdig wie dumpfe, alkoholertränkte Verzweiflung – die Rolle, der Elemente von Carl Bosch und Fritz Haber nachgesagt wurden, wäre in ihrer Intensität ohne ihren nicht minder genialen Darsteller Bruno Ganz schwer denkbar.

Aus heutiger Sicht wirkt es skurril, Beck in jener Auseinandersetzung mit Hitler zu erleben, in der der IG-Farben-Manager um die Sicherheit jüdischer Wissenschaftler bettelte, worauf der Führer ihn aus der Reichskanzlei werfen ließ: Im Film trifft Hans Brenner als Hitler auf jenen Bruno Ganz (als Beck), der 18 Jahre später selbst den Führer spielen sollte.

Die Familiensaga als Verpackung ist dabei eine geschickte Täuschung, wirkt sie doch gelegentlich verharmlosend – nur um diesen Eindruck sogleich durch brutal offene Darstellung der IG-Farben-Verbrechen zu zerstören. Am Ende aber bleibt die Abrechnung – historisch bedingt – unsaldiert: Sinkel erwähnt die Nürnberger Urteile und den wichtigen Anteil vieler IG-Farben-Führer am Aufbau der neuen BRD. Er betont, ehemalige IG-Farben-Teilfirmen wie BAYER, BASF oder Hoechst (heute Sanofi-Aventis) hätten aktuell jede einzeln mehr Macht als die alte IG auf ihrem Höhepunkt. Die Bonus-Dokumentation stellt heraus, dass die IG Farben als »AG in Abwicklung« bis heute nicht endgültig liquidiert ist.

Sinkel, Bernhard: »Väter und Söhne – eine deutsche Tragödie«, vier DVDs, herausgegeben von der Studio Hamburg GmbH.

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