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Ein Berlinale Shop in den Potsdamer Platz Arkaden hat von 9.30 Uhr bis 20 Uhr geöffnet +++ www.berlinale.de: Prominente übermitteln in Videoclips ihre Berlinale-Anekdoten +++ Spielfilmdebüts aus verschiedenen Sektionen konkurrieren um den Preis für den besten Erstlingsfilm (50 000 Euro) +++ Neuerscheinung: »Die Berlinale« (Verlag Süddeutsche Zeitung)
Foto: ND/Camay Sungu
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Rund 500 neue Spiel- und Dokumentarfilme kommen jährlich in die deutschen Kinos. Aber die meisten davon verschwinden, selbst in Metropolen, schnell wieder von den Spielplänen: Wer nicht am ersten Wochenende gute bis überdurchschnittliche Besucherzahlen aufweist, fliegt bei einem solchen Überangebot erbarmungslos raus. Das Gesetz des Stärkeren hat sich längst auch an der Kinokasse durchgesetzt – wobei »stark« nicht unbedingt die künstlerische Qualität des Films meint, sondern das für ihn aufgewandte Werbebudget, den Lärm, mit dem für ihn getrommelt wird. Wer kaum Geld aufwendet, weil er zu wenig hat, steht im Kino oft auf verlorenem Posten. So gehen gute Filme Woche für Woche erbarmungslos unter; und nur wenige Schutzräume sind übrig geblieben ...
Der wichtigste Schutzraum, den es hierzulande für die siebente Kunst gibt, ist die Berlinale mit alljährlich rund 300 neuen Filmen. Und: »Kino ist mehr als Film« (Wolfgang Kohlhaase), ist leises und lautes Gedankenspiel; es kann Vergnügen sein und harte Arbeit, Entspannung, Anregung, Aufregung. So gibt es in den Berlinale-Sektionen »Forum« und »Panorama«, und erst recht im Kinder- und Jugendfilmfest »Generation«, das manchmal leider im Schatten der großen »Geschwister« steht, nach nahezu jedem Film Publikumsdiskussionen, Streitgespräche. In den letzten neun Jahren, seit Dieter Kosslick die Berlinale leitet, ist das Festival offener, moderner, streitbarer, flotter geworden. Zu den Leistungen, die seit 2001 unbestreitbar erreicht wurden, zählen die verstärkte Präsenz des deutschen Kinos, die Etablierung eines Talente Campus für Nachwuchsfilmer aus aller Welt, die Neupositionierung des European Film Marktes und die Schaffung eines Co-Produktions-Marktes, auf dem in diesem Jahr Partner für 37 ausgewählte Filmprojekte von Ungarn und Israel über Chile und Argentinien bis nach Australien vermittelt werden sollen. Das »Forum« hat seine Tore längst auch für die Grenzbereiche des Films zur Videokunst, bildenden Kunst und Musik geöffnet: »Forum expanded«, die entsprechende »Abteilung« der Berlinale, zieht ein vorwiegend junges Publikum an, das an der Avantgarde, am Experiment interessiert ist.
Nicht zuletzt entstand vor rund fünf Jahren der World Cinema Fund (WCF), der mit jährlich 400 000 Euro bisher über 60 Kinoprojekte aus zahlreichen Ländern der Erde, vorrangig aus Lateinamerika, Afrika, den Staaten des Mittleren Ostens und Zentralasiens gefördert hat. Wenn, wie bei der Berlinale 2009, ein WCF-geförderter Film wie »La teta asustada« (Peru) den Goldenen Bären gewinnt, ist das Glücksgefühl groß, denn die Investition in die Zukunft hat sich auf schönste Weise ausgezahlt.
Zu Kosslicks Lieblings-Erfindung avancierte aber vielleicht das »Kulinarische Kino«, das 2010 zum vierten Mal, diesmal unter dem Titel »In The Food For Love«, stattfindet. Im Kino des Martin-Gropius-Baus laufen elf Filme über die Beziehung des Essens zu Liebe, Natur und Umwelt. Gleich danach servieren fünf Sterneköche ein Menü, das von den Filmen inspiriert ist. »Wir zeigen Filme, die Appetit machen, und kochen dazu«, so der Festivaldirektor, »wir zeigen aber auch Filme, die den Appetit verderben, Filme, die die Augen öffnen für die katastrophale Lage der Ernährung in der Welt ...« – Zur Zuversicht, mit solchen Aktivitäten die Welt wenigstens ein bisschen bessern und bekehren zu helfen, passt eine weitere Neuheit der diesjährigen Berlinale: Das Festival will umweltbewusster sein als in den Jahren zuvor. Weniger Benzin verbrauchen, weniger Papier verwenden, mehr davon recyceltes.
Wie jedes Jahr wird sich am Potsdamer Platz die große weite Kinowelt versammeln. Dieter Kosslick erwartet auf dem Roten Teppich unter anderem Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley und Gérard Depardieu, Isabelle Adjani, Ben Stiller, Julianne Moore und Annette Bening, dazu Tobias Moretti, Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu, die im deutschen Wettbewerbsbeitrag »Jud Süß – Film ohne Gewissen« die Hauptrollen spielen. Auch Künstler, die einst bei der DEFA gearbeitet haben, sind unter den Ehrengästen. Wolfgang Kohlhaase erhält einen Goldenen Ehrenbären für sein langjähriges Wirken im deutschen Film. Rainer Simon ist im Rahmen der Retrospektive zum 60. Jubiläum des Festivals zu einer Wiederaufführung von »Die Frau und der Fremde« eingeladen, der 1985 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Und die Sektion »Generation« würdigt den Kinderfilmregisseur Helmut Dziuba mit seiner schönsten Arbeit »Sabine Kleist, sieben Jahre...«.
Aus Anlass ihres runden Geburtstages macht die Berlinale zehn Abstecher in die Berliner Kieze – nach Ost und West. Von Weißensee bis Zehlendorf, von Friedrichshagen bis Steglitz präsentieren prominente Filmemacher und Schauspieler wie Wim Wenders, Andreas Dresen, Hans Christian Schmid, Christian Petzold und Senta Berger Beiträge aus allen Sektionen des Festivals. Dass die Berlinale so noch näher an den »normalen« Kinogänger rückt, könnte zu einer schönen Tradition werden.
Einmalig dürfte der große »Metropolis«-Abend am Brandenburger Tor werden. Die rekonstruierte und vervollständigte Fassung von Fritz Langs legendärem Meisterwerk aus dem Jahre 1927 wird hier – neben seiner Premiere im Friedrichstadtpalast – vor hoffentlich tausendfachem Publikum laufen. Kosslick: »Ohne Kino gibt es zwar Film, aber Kino gibt es ohne Kino eben nicht. Zum 60. Geburtstag der Berlinale wollte ich diese Erkenntnis sinnlich transparent machen: die Schönheit des Kinos, wenn der Vorhang aufgeht und der Film beginnt. Wir präsentieren daher einen riesigen symbolischen Kinovorhang. Dafür stand uns Christina Kim zur Seite, eine koreanisch-amerikanische Designerin. Ihre Installation ›Vorhang auf! – The Curtain‹ wird vor einer Leinwand am Brandenburger Tor stehen, auf die wir die Uraufführung der restaurierten Fassung von ›Metropolis‹ live übertragen. Ein Vorhang ganz aus recycelten Film- und Berlinalematerialien.« Womit sich der Kreis sowohl zu großen Filmtraditionen als auch zum Umweltbewusstsein schließt...
Und was ist zu wünschen? Dass jeden Tag, wie es Regisseur Egon Günther so gern sagt, der »Lappen hochgeht« – für starke, relevante, mutige, innovative, berührende Filme. Und dass möglichst viele von ihnen anschließend ihre Chance in den »normalen« Kinos unseres Landes bekommen. Denn auch die 60. Berlinale, der »Ausnahmezustand für Filmfreunde«, dauert nur ganze zehn Tage. Jene emotionale Begeisterung aber, die während dieser Zeit alle Beteiligten und Gäste erfasst, wenigstens hin und wieder auch im Kinoalltag aufleben zu lassen, den Film also als Kunstform im Kino zu erhalten, ist eine Aufgabe, die bleibt.
Tuan Yuan. China, R: Wang Quan'an. Ein Taiwanese kommt nach China zurück und begegnet seiner alten Liebe.
Howl. USA, R. Rob Epstein. Ein Gedicht von Allen Ginsberg bringt dem Beat-Poeten einen Prozess wegen Obszönität ein.
The Ghost Writer. Frankreich/Deutschland. R: Roman Polanski. Thriller nach »The Ghost« von Robert Harris um den Memoirenschreiber des britischen Ex-Premiers Adam Lang – u.a. mit Pierce Brosnan.
Eu cand vreau sa fluier, fluier. Rumänien, R: Florin Serban. Drama in einer Jugendstrafanstalt.
Submarino. Dänemark, R: Thomas Vinterberg. Zwei Brüder und ihr dramatisches Wiedersehen.
San qiang pa an jing qi. China, R: Zhang Yimou. Thriller aus Kaiserzeit.
Greenberg. USA, R: Noah Baumbach. Einen bindungslosen Hedonisten ereilt die Liebe – mit Ben Stiller.
Der Räuber. Dt., R: Benjamin Heisenberg. Nach authentischem Fall: Marathonläufer raubt Banken aus.
En ganske snill mann. Norwegen, R: Hans Petter Moland. Schwarze Komödie um einen Ex-Häftling, der zur Rache an seinem Verräter gedrängt wird – mit Stellan Skarsgard.
Caterpillar. Japan, Regie: Kôji Wakamatsu. Von einer Frau wird erwartet – zu Ehren von Kaiser und Vaterland –, dass sie ihren kriegsversehrten Mann aufopferungsvoll pflegt.
Bal. Türkei, R. Semih Kaplanoglu. Vater-Sohn-Geschichte um einen Imker.
Shekarchi. Iran, R: Rafi Pitts. Die Geschichte eines Amokläufers.
Shahada. Dt., R: Burhan Qurbani. Episoden um junge Muslime in Deutschland.
Kak Ya Provel Etim Letom. Russland, R: Alexej Popogrebsky. Drama auf einer Forschungsstation in der Arktis.
Na Putu. Bosnien-Herzegowina, R: Jasmila Zbanic. Das Leben eines Paars aus Sarajevo erleidet Risse, als der Mann sich Muslimen anschließt.
Jud Süß – Film ohne Gewissen. Dt., R: Oskar Roehler. Ferdinand Marian, Hauptdarsteller des antisemitischen Films »Jud Süß« (1940), und die späte Erkenntnis, Werkzeug Goebbels' gewesen zu sein.
Rompecabezas. Argentinien, R: Natalia Smirnoff. Eine Hausfrau, ein Reicher und Puzzeln als Leidenschaft.
En Familie. Dänemark, R: Pernille Fischer Christensen. Eine Frau zwischen Karriere und Vater-Pflege.
The Killer Inside Me. USA, R: Michael Winterbottom. Ein Polizist als sadistischer Serienmörder.
Mammuth. Frankreich, R: Benoît Delépine. Tragikomödie mit einer Motorradreise in die Vergangenheit – mit Gérard Depardieu, Isabelle Adjani.
Shutter Island. USA, R: Martin Scorsese. Psychotrip eines Ermittlers – mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Emily Mortimer, Max von Sydow.
Please Give. USA, R: Nicole Holofcener. Junges Paar hofft aufs Ableben der alten Nachbarin.
The Kids Are Alright. USA, R: Lisa Cholodenko. Familiendrama – mit Julianne Moore, Annette Benning.
My Name Is Khan. Indien, R: Karan Johar. Politik und Liebe – mit Kajol Devgan und Shah Rukh Khan.
Exit Through the Gift Shop. Großbritannien, R: Banksy. Die Welt der Graffiti-Künstler.
Otouto. Japan, R: Yoji Yamada. Drama einer Geschwisterliebe.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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