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Von Caroline M. Buck 13.02.2010 / Feuilleton
Berlinale 2010

Liebende in einem geteilten Land

Wettbewerb I: »Tuan Yuan« von Wang Quan’an

Lisa Lu und als ihr Mann Xu Caige
Lisa Lu und als ihr Mann Xu Caige

Der chinesische Autorenfilmer Wang Quan’an wollte immer Filme machen, die etwas mit dem Lebensgefühl seiner Generation zu tun haben. »Lunar Eclipse«, sein erster Spielfilm (Berlinale 2002) tat das im Rückgriff auf die erzählerischen Mittel eines internationalen Kunstkinos: aufgelöste Erzählstrukturen, Doppelgängermotive und ein kunstvoll verunklärtes Verhältnis der Figuren zueinander. Mit »Jing zhe« (Die Geschichte der Ermei), seinem zweiten Film (Berlinale 2004), machte Wang einen Schritt zurück und zwei große Schritte nach vorn und erzählte eine schlichte Geschichte in einem halb sorgfältig choreografierten, halb sichtlich dokumentarischen Stil. Titelheldin: eine Bauerntochter, die vor einer arrangierten Zweckheirat in die Kleinstadt flieht, wieder nur auf männliche Ausbeuter trifft, schließlich die ländliche Knechtschaft der städtischen vorzieht und zurückgeht, um den Mann zu heiraten, für den sie den Rest ihres Lebens schuften wird.

Mit »Tuyas Hochzeit« stand Wang 2007 erstmals im Wettbewerb der Berlinale – und gewann. Die Geschichte vom armen Bauern aus der Inneren Mongolei zeigt harte Lebenswirklichkeiten in einer zusehends industrialisierten Region, die im Westen gern als Ort großer Freiheit verklärt wird. Weil Wang sich damit zugleich der verschwindenden Lebensweise einer einst nomadischen Minderheit in einem politisch unruhigen Randgebiet Chinas annahm, wurde sein Goldener Bär – seit zwei Jahrzehnten der erste an einen chinesischen Film – in China allerdings mit mäßiger Begeisterung aufgenommen.

»Tuan Yuan« (Apart Together, wörtlich: Getrennt vereint) – Wangs mittlerweile vierter Film mit seinem deutschen Kameramann Lutz Reitemeier –, handelt von einer älteren Generation und einem Thema von noch ganz anderer politischer Brisanz. Nicht mehr um ländliche Geschlechterrollen geht es hier, sondern um rabiate städtische Veränderungen. Und nicht mehr um Wangs eigene Generation, sondern um die der Eltern und Großeltern. Um die Teilung Chinas nach dem Krieg und den Rückzug der chinesischen Nationalisten auf die Insel Taiwan. Um einen ehemaligen Soldaten aus Shanghai, der vor sechzig Jahren vor Maos kommunistischen Truppen aus Shanghai fliehen musste, weil er auf Seiten der Kuomintang gekämpft hatte. Der in Taiwan eine neue Heimat fand und nun eine der erst seit rund zwei Jahrzehnten zulässigen Veteranenbesuche in die Volksrepublik nutzt, um seine verlorene Liebe von einst zu suchen.

Die hat eine neue Familie mit einem Soldaten von der anderen Seite, hat Kinder, Enkel und eine Wohnung in einem jener teuren Skelettbauhochhäuser in Aussicht, die flächendeckend an die Stelle der traditionellen Niedrigbauten trat. Bezahlt, immerhin, von der Entschädigung für die alte Wohnung. Der Ehemann, nie viel mehr als ein Versorger offenbar, aber »ein guter Mann, der während der Kulturrevolution sehr leiden musste«, macht gute Miene zum bösen Spiel und willigt in die Scheidung ein. Nur dass die Gefühle dann doch stärker sind als der Verstand und am Ende alles beim Alten bleibt. Bis auf die moderne Wohnung, fern der alten Märkte.

Und die Einsicht, dass eine Wiedervereinigung nach so vielen Jahren selbst im privaten Kleinen nicht ohne Tücken ist. Wo man sich doch nicht mal mehr auf das Wetter einigen kann, das damals herrschte, am 10. Februar 1949, dem Tag des Rückzugs. Nur singen kann man noch gemeinsam und tut das auch reichlich, in zwei der schönsten Szenen des Films. Mit der Besetzung der Internationalen Jury und Wangs Film im Wettbewerb entstand in Berlin übrigens eine ähnliche Konstellation wie in Cannes mit der Bestallung von Isabelle Huppert zur Jury-Präsidentin, während dort ein Film von Michael Haneke im Wettbewerb lief: Jury-Mitglied Yu Nan war die Hauptdarstellerin von Wangs letzten beiden Berlinale-Filmen.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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