Von Lilian-Astrid Geese
15.02.2010

Panorama Spezial

Josek – Rädchen mit Akte

Kawasaki ist Maler. Er kommt aus Japan. Beim Sarin-Anschlag auf die Tokioer U-Bahn vor 15 Jahren verlor er seine Frau und seine Tochter. Seitdem hat er nicht mehr gemalt, sondern lebt als »Adoptivsohn« des tschechischen Emigranten Borek (Antonin Kratochvil) in Schweden. Auch Borek verlor einst Frau und Tochter, als ihn sein Nebenbuhler, der angesehene Psychiater Pavel Josek (Martin Huba), an den Geheimdienst der CSSR verriet und der Bildhauer das Land verlassen musste.

Einfühlsam und ohne jede Larmoyanz zeigt Jan Hrebejks Film »Kawasakis Rose«, der einzige tschechische Berlinale-Beitrag 2010 und Eröffnungsfilm der Sektion Panorama, wie tief und über wie viele Generationen Diktaturen das Leben von Menschen prägen, wie viel Zerstörung sie noch lange nach ihrem Ende anrichten und wie schwer es ist, die Vergangenheit zu bewältigen. Lucie (Lenka Vlasáková) vergöttert ihren vermeintlichen Vater, den »berühmten Dissidenten« Josek. Wenn es jemanden gibt, der alles richtig gemacht hat, dann, so glaubt sie, dieser Mann, von dem sie nicht ahnt, dass auch er Informant der Staatssicherheit der CSSR war.

Willige Rädchen im Getriebe der Macht

Doch dann fällt seinem Schwiegersohn Pavel (Milan Mikulcik), der in schöner Symbolik als Kameramann an einer TV-Produktion über den »Helden« beteiligt ist, die Akte von »Doktor« in die Hände. Für ihn ist diese Entdeckung ein kleiner Triumph. Denn Josek und seine ihm bis zur Selbstaufgabe ergebene Gattin Jana (Daniela Kolarova) hatten für ihn, das Kind eines Kommunisten, immer nur Verachtung übrig. Nun erweisen sich diese Gutmenschen als ebenso willige Rädchen im Getriebe der Macht wie der jetzt greise oberste Chef des Geheimdienstes. Brillant und ungemein authentisch gespielt von Ladislav Chudik ist »Kafka« das personifizierte Böse, das sich jedoch nur entfalten kann beziehungsweise ungesühnt bleibt, wenn Menschen wie Jana mitmachen und die Geschichte der Joseks im Land dauerhaft verschweigen.

Ist Vergeben möglich? Das entscheide jeder für sich. Der Film lässt es offen. Der »Dissident«, der Eifersucht und politische Überzeugung nicht in Einklang miteinander bringen konnte, erhält am Ende einen bedeutenden Preis. Seine Dankesrede widmet er dem vertriebenen Borek. Dieser antwortet. Später. Im privaten Kreis. Er liest aus einem Wörterbuch vor: Die Synonyme für die Bezeichnung »Verräter«. Es sind viele mögliche Namen, mit denen er den Mann belegen könnte, der nicht nur ihn, sondern auch seine Tochter verriet. Aber will er das? Heute noch?

»Kawasakis Rose« basiert auf wahren Geschichten und erhielt bereits vor der Verfilmung den Sazka Award für das beste noch nicht realisierte Drehbuch (Petr Jarchovský). Es ist der erste tschechische Spielfilm, der sich mit dem Thema der Stasi-Zusammenarbeit auseinandersetzt und ist eine ungemein persönliche und politische Produktion. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne moralische Anklage, doch keineswegs indifferent. Spannung, gemalte Zwischentöne und eine Einladung, sich der eigenen Vergangenheit ebenso zu stellen wie der des Landes, in dem man gelebt hat und lebt.

Wieder am 16.2., 22.30 Uhr, Cubix am Alexanderplatz ; 20.2., 14 Uhr, International, Mitte

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