|
Foto: Joachim Hiltmann
|
An die übergroßen, naiven Augen Arno Wyzniewskis erinnert sich, wer die DDR-Verfilmung des Romans »Kleiner Mann, was nun?« von 1967 gesehen hat. Da hatte Hans Falladas Vorlage schon 35 Jahre auf dem Buckel, war sein literarischer Durchbruch, wurde noch im selben Jahr verfilmt, nochmals dann 1973 durch Peter Zadek, der den Stoff auch für die Bühne adaptiert hatte.
Dass er nach wie vor Brisanz hat, beweisen zwei Inszenierungen aus letzter Zeit, die eine von Luk Perceval in München. Die andere stammt von Gil Mehmert, erlebte ihre Premiere am Altonaer Theater und läuft nun als Koproduktion im Theater am Kurfürstendamm. Dass sie gut zwei Stunden lang trotz revuehaft kurzweiliger und temporeicher Regie nicht in Fahrt kommt, ist Fazit des Abends. Freilich aktualisiert Mehmerts und Volker Bürgers Bearbeitung die Vorlage, spürt Parallelen zum Bedrohtsein menschlicher Würde anno 2010 auf.
Vor unveränderlicher Nachtkulisse voll gleißender Reklame ragt als Pappkamerad ein cooler Typ mit Sonnenbrille auf. Sex, Cinema, Mode, Hotel, Video Cabins werden beworben, dazwischen torkelt Pinneberg, klingelt irgendwo vergeblich, rutscht auf etwas aus, pinkelt dem Pappmann ans Bein. Will sich mit einer Plastiktüte erdrosseln, weint, bis Lämmchen ihn heimholt. »There was a boy« klingt dazu als Song, und auch vieles sonst illustriert die Band am linken Rand. Ihr sei am Morgen immer schlecht, sagt Lämmchen, ahnungsvoll und ebenso verkrampft wie sie macht ihr Pinneberg einen Heiratsantrag. Und muss sich von ihren Eltern deftig examinieren lassen.
Denn Arbeitertochter und Angestellter, kann das zusammengehen? Und hat er einen Tarifvertrag? Bei einer larmoyanten Witwe findet das Paar ein möbliertes Zimmer, wie alle übrigen Handlungsorte sparsam skizziert. Ehrlich wollen die Eheleute sein, weshalb versteckt da Pinneberg draußen, im Alltag, seinen Ring?
Noch ist seine Welt in Ordnung. Zwar verlor er den Job, findet Neuanstellung, soll dort jedoch die Cheftochter ehelichen. Dass er bereits verheiratet ist, darf nicht herauskommen, bloß nicht arbeitslos werden. Atemlos rasch wechseln die Spielorte dieser szenischen Revue, von der Wohnung mit wässriger Erbsensuppe zur schikanösen Arbeitsstelle, wo die Mitarbeiter unter Leitung des Betriebsrats Solidarität predigen, sich dann aber zurückhalten, als Pinneberg den Posten verliert, weil er die lispelnde Marie ausschlägt. Auch seine im leichten Gewerbe tätige Mutter will an dem jungen Paar nur verdienen, ihr zwielichtiger Galan schafft dem Sohn Arbeit als Verkäufer und damit neue Drangsal durch Kollegen und Chef. Was der sozialen Schärfe bedürfte, fällt in dieser reich besungenen Version amüsant aus und flach wie der Flachbildfernseher, den Pinneberg zu teuer kauft und so den Abstieg einleitet.
Viele inszenatorische Details schlagen zu Buch; manche Anspielung trifft: Einsparungen auf Kosten der Arbeitsplätze, amerikanischer Film-Widerling, Sex-Sekte. Dass Pinnebergs Fall kaum je berührt, erst gegen Ende der Dialog zwischen Lämmchen und dem Galan Relief einbringt, ist schade.
Untadelig steht die Leistung des Schauspielerseptetts in gut 15 Rollen exklusive dem Einsatz als Musiker. Franziska Hackl ist beherzt zupackendes Lämmchen, Dominic Oley sympathisch gutmütiger Pinneberg, Peter Franke brilliert in vier Partien und singt auch noch gut. Ob diese Inszenierung Fallada bedient und das Stück nicht prinzipiell andernorts besser aufgehoben wäre, bleibt offen.
Bis 7.3., Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/207, Charlottenburg, Kartentelefon 88 59 11 88, Infos unter www.komoedie-berlin.de
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Tabula rasa auf der Bühne Musiktheater-Passion feiert im Radialsystem Premiere
Preis: 10,80 €
Preis: 120,00 €
Werbung:
Werbung: