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Leonardo DiCaprio in »Shutter Island«
Foto: Berlinale
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Dies sind Geschichten über Menschen, die nicht gerettet werden. Man fragt sich bei allen drei Filmen irgendwann, ob sie es denn überhaupt gewollt haben. Ja, aber anders, als es zum Greifen nah vor ihnen stand. Also vorsätzlich untergehen? Nein, das sicherlich auch nicht, doch irgendwann haben diese Menschen die Angst davor verloren.
Schockierend, diese Folgerichtigkeit der Selbstzerstörung, und es sieht so gar nicht nach griechischer Tragödie, sondern ganz nach banalem Alltag aus. Überwintert die Tragödie in irgendeinem Jugendstraflager in Rumänien oder im Säufermilieu einer Kopenhagener Vorstadt?
Das Erschreckende ist, dass es niemanden mehr erschreckt – da geht jemand zugrunde, aber uns berührt das genauso wenig wie die lange Reihe der Obdachlosenzeitungsverkäufer, die in der Berliner S-Bahn an uns vorbei ziehen. Hinter jedem Elend steckt eine Geschichte, gewiss, aber nicht jede will man wissen, nicht jede würde man ertragen. Und wer kann heute schon sagen, dass ihn solch unaufhaltsame Niedergang niemals treffen wird? Dieser Glaube herrscht wohl nur noch bei der FDP und auch dort vielleicht nicht mehr lange.
Wieviel eigene und wieviel fremde Schuld steckt in jeder Elendsexistenz? Und was sind das für Fesseln, die solch ein Leben ganz unten festgezurrt halten? Auf dem Festival des osteuropäischen Films in Cottbus war schon seit Jahren zu besichtigen, was für einen ungeheure Kraft der rumänische Film entwickelt, so auch hier in »Eu cand vreau sa fluier, fluier« von Florian Serban. Vielleicht weil in Rumänien die europäische Freiheitsperspektive auf zweierlei gestoßen ist: auf Euphorie und auf Erschrecken über jene neuen Brutalitäten, die den alten keineswegs nachstehen.
Ein rumänisches Jugendstraflager. Der Alltag darin verläuft fast gemächlich, der Direktor beschränkt sich auf Krisenmanagement. Die jugendlichen Kriminellen haben ohnehin ihre eigenen Hierarchien. Angekommen ist die neue Zeit mit Sozialarbeit und Praktikanten, die Fragebögen verteilen. Silviu ist achtzehn, ein großer kräftiger Junge mit dem vorwurfsvollen Blick des zu früh verlassenen Kindes.
In einigen Tagen soll er entlassen werden. Da bekommt er Besuch von seinem jüngeren Bruder, erfährt, dass die Mutter aus Italien gekommen sei, um ihn abzuholen. Über die Mutter heißt es im Film, sie arbeite an der Rezeption. In deutschen Feuilletons sprach man umstandslos von Prostitution, was auch einiges sagt über das Bild der Europäer voneinander.
Silviu hasst seine Mutter, ihr gibt er die Schuld an seinem zerstörten Leben. Aber den Bruder soll sie nicht mitnehmen! In dem stillen, melancholisch blickenden Jungen konzentriert sich alle Energie auf einen Punkt: der Mutter ein Versprechen abzupressen und gleichzeitig die junge hübsche Praktikantin »zum Kaffee einzuladen«. Ein Spiegel des neuen Rumänien. Man muss sich mit Gewalt nehmen, was man haben will.
Etwas anderes hat Silviu nie erlebt. Welch starker Wille bei gleichzeitig vibrierender Sensibilität! Jedoch in Zeiten sozialer Verwahrlosung, die sich mit Freiheit verwechselt, entwickelt dies eine selbstzerstörerische Dynamik. Was oberflächlicher angelegt ein bloßer Entführungsthriller hätte werden können, offenbart sich so als Seelenlandschaft des heutigen Rumänien. Wenn du willst, dass ein Mädchen dich liebt, dann halte ihr eine Glasscherbe an den Hals! Ein starker Film über verlorene Seelen.
Ebenso Thomas Vinterbergs »Submarino« über zwei Brüder in Kopenhagen, Kinder einer Alkoholikerin – triste Bilder der Lieblosigkeit, Verwahrlosung und Gewalt als Normalität. Vinterberg als einer der frühen Dogma-Filmer (»Das Fest«) ist ein Meister des kühlen Minimalismus.
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Am Anfang sehen wir die Brüder anstelle ihrer dauertrunkenen Mutter ein Baby versorgen, ihren jüngsten Bruder. Sie mühen sich, aber sie selbst hat niemals jemanden versorgt und behütet in dieser Atmosphäre aus Schmutz, Alkohol, Brüllerei und Schlägen. Das Baby stirbt, die Brüder sehen sich viele Jahre nicht mehr wieder. Der ältere, Bodybuilder und Trinker ist soeben erst aus dem Gefängnis gekommen. Der jüngere hat einen Sohn, er ist rauschgiftsüchtig. Alles wiederholt sich?
Ein bedrückender Schicksalskreis und ein Film, der uns das unerbittlich nahe rückt, was wir uns gern weit vom Leibe halten. Was wird aus denen, die keine Chance haben? Aber Chance worauf? Geld, Sicherheit und Erfolg? Nein, das interessiert die beiden Brüder wenig. Sie suchen nach etwas, das sie nie hatten und darum auch nie bekommen werden. Es könnte poetisch sein, wenn es nicht so selbstzerstörerisch wäre. Ein Film wie ein tiefer Nadelstich.
Mit Spannung erwartet, obwohl außer Konkurrenz startend, Martin Scorseses »Shutter Island«. Aus lauter Verlegenheit, in welche Schublade man dies Werk denn stecken solle, hat man es bereits als »Gruseldrama« betitelt. Die Ankunft der Bildzeitungsrhetorik im bürgerlichen Feuilleton!
Scorsese, der seit »Taxi-Driver« immer wieder jene drängenden Träume filmte, wie sie mitten in unscheinbarstem Alltag geträumt werden, hat hier einen Insel-Alptraum nach der Romanvorlage von Dennis Lehane inszeniert. Was ist Wahrheit, was Lüge? Was Vernunft, was Wahnsinn? Und was für eine Geschichte wird hier erzählt? Die des US-Marshals Teddy Daniels (eindrucksvoll erwachsen, also voll müder Entschlossenheit: Leonardo DiCaprio), der auf eine Insel kommt, um in einem psychiatrischen Gefängniskrankenhaus zu ermitteln. Eine Frau ist aus ihrer Zelle spurlos verschwunden. Aber nicht nur der Fall wird immer rätselhafter, sondern auch die Grenzen der Realität verschwimmen.
Wie manipulierbar ist der Mensch? Experimentiert man hier im Jahr 1954, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, mit militärischen Einsatzmöglichkeiten von Psychopharmaka, wie es Daniels vermutet? Plötzlich ahnt er, dass man ihn hier in eine Falle gelockt haben könnte, weil er zuviel davon weiß.
Scorsese zeigt uns einen virtuosen Totentanz im Dämmerlicht einer untergehenden Zivilisation. Wahrheit? Eine Frage der Dosis! Das Personal dieser Insel-Anstalt: erstklassig besetzt, von Ben Kingsley als komplett undurchschaubarem Anstaltsleiter bis zum bedrohlichen Max von Sydow als altem Arzt mit stark deutschem Akzent. Und plötzlich tauchen die Kriegsbilder Daniels' wieder auf, der bei der Befreiung Dachaus – und der spontanen Erschießung der gesamten SS-Wachmanschaft –- dabei war. Reale Erinnerung oder manipulierte Alpträume? Ist dieser Daniels in Wirklichkeit ein anderer?
Dieser Regisseur ist erfahren genug, den Schleier, der über der uns ratlos machenden Bilderwelt liegt, nicht ganz fortzuziehen. Es bleibt großes Unbehagen inmitten einer Kultur spürbar, in welcher der Einzelne immer mehr als etwas erscheint, das man sich passend züchtet.
Scorsese beweist sich mit »Shutter Island« wiederum als Visionär der noch ungeträumten Möglichkeiten unserer weiteren Menschwerdung – oder der weiteren Entmenschlichung.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 14,95 €
Preis: 120,00 €
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