Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Berlinale 2010

Der Trieb zielt aufs Risiko

Einer der deutschen Beiträge im Wettbewerb: BENJAMIN HEISENBERGS »Der Räuber«

Benjamin Heisenberg, geb. 1974 in Tübingen, studierte Bildende Kunst und drückte dann an der HFF in München gemeinsam mit Florian Henckel von Donnersmarck die Schulbank. Während des Studiums entstand sein aufregendes Debüt »Milchwald«, seinen Abschluss machte er mit »Der Schläfer«, der nach Cannes eingeladen war. Sein neuer Film »Der Räuber« wurde als österreichisch-deutsche Koproduktion gedreht. Basierend auf realen Ereignissen, folgt er einem Mittzwanziger, der nach sechs Jahren aus dem Gefängnis kommt. Schnell fällt er in sein altes Verhaltensmuster zurück und überfällt mehrere Banken, zugleich sorgt er für Aufsehen, weil er beim Wiener Marathon einen österreichischen Rekord aufstellt.

ND: Sie bleiben mit der Kamera, außer weniger Minuten vor Schluss, sehr dicht an Ihrem Protagonisten.
Heisenberg: Wir halten uns an die Hauptfigur und verfolgen, wie sie sich bewegt, wie der Räuber läuft und flüchtet. Am Anfang ist der Bildausschnitt tunnelhafter, der Film fragmentierter, aus dem Lauftraining geht es im Umschnitt oft direkt zu einem Überfall. Wenn der Räuber dann auf der langen Flucht ist, wird er als Teil der Landschaft, in erweiterten Panoramen, wahrgenommen. Da ändert sich die ganze Herstellung des Films in der Musik und im Schnitt, weil sich bei ihm trotz der Weite ein klaustrophobisches Gefühl einstellt. Mit dem Übergang von der Stadt ins Land verliert er zuletzt einen wichtigen Rückhalt und wird vom Raubtier zum gejagten Wild.

Ist es auch Ihrer Abneigung gegen das gängige Mainstream-Kino geschuldet, dass Sie die Deutung der Motive des Bankräubers völlig dem Zuschauer überlassen?
Ich habe keine Abneigung gegen das Mainstream-Kino, aber bestimmte voraussehbare Erzählformen finde ich langweilig. Der Räuber ist für mich weniger psychologisch interessant denn als Phänomen. Als Zuschauer beobachte ich ihn mit Faszination und kann ihn bis zu einem gewissen Grad verstehen. Er kommt aus einem bürgerlichen Umfeld, seine Eltern waren vielleicht Ärzte oder Lehrer. Er hat sich diese Kraft zum Laufen nicht angeeignet, weil er Kindheitserlebnisse oder Traumata verarbeiten musste – er ist damit auf die Welt gekommen. Er ist niemand, der auf Anerkennung aus ist. Für ihn sind der Sport und das Ausrauben von Banken Mittel, um das Stressniveau zu erreichen, bei dem er sich selbst spürt.

Was dann gegen jede Resozialisierungsmöglichkeit spricht, an die wir so gerne glauben wollen?
Es gibt psychologische Gründe für ein Scheitern der Resozialisierung, etwa, wenn die Leute in ihr altes Umfeld zurückkommen. Und es gibt Charaktere, die zur Resozialisierung einfach nicht fähig sind, sie brauchen das Risiko oder auch den Konflikt mit der Gesellschaft. Der Räuber ist so ein Mensch. Er ist seinen Trieben unterworfen. Das brauche ich nicht groß zu erklären. Ich muss dem Zuschauer nur begreifbar machen, dass er diesen Wunsch hat, sich bis ins Letzte zu verausgaben. Es ist seine Form der Rebellion gegen die Gesellschaft.

Rebellion durch Bankraub – das erinnert an die RAF. Ihr Held ist aber völlig unpolitisch?Es widerspricht damals wie heute dem normalen Selbstverständnis der Gesellschaft, wenn man eine Bank ohne jedes Gefühl von Schuld, nicht mal mit großer innerer Anspannung ausraubt. Das ist anarchisch, weil es die Bank entweiht, sozusagen einen Schrein der kapitalistischen Gesellschaft. Politisch finde ich außerdem bedeutsam, dass ihm das Geld egal ist. Diese Lockerheit und Freiheit, sich bestimmte Dinge einfach herauszunehmen, hat mich sehr an bestimmte Filme der Nouvelle Vague erinnert.

Zugleich ist er sehr verletzlich.
Er ist aggressiv und zugleich sehr verletzlich, er kann nachdenken und planen, aber er kommt dann sehr schnell in Konflikt mit seiner Natur.

Die mangelnde Möglichkeit, sich zu entscheiden, ist ein Motiv, das sich in Ihren Filmen immer wieder findet. Was interessiert Sie an diesem Phänomen?
Die Frage, inwieweit wir Herr unserer Entscheidungen sind, findet sich in all meinen Filmen, weil ich persönlich immer wieder darauf stoße. Ich konnte mich auch gut mit dem Räuber identifizieren, der große Aggressionspotenziale hat, die ich auch von mir kenne. Jemand, der Marathon läuft, braucht viel Disziplin, er muss jeden Tag seine Kilometer abspulen. Solche Leute können totale Maniacs sein, haben ungeheure Energie, sind aber im Zusammenleben nicht so angenehme Zeitgenossen. Das macht ihr Schicksal manchmal tragisch. Der Räuber verliebt sich und weiß, dass das keine Chance hat. Ein Teil kämpft dann mit dem anderen, und er weiß, welcher verlieren wird. Aber er fühlt diese Liebe und die damit zusammenhängenden Wünsche mindestens so stark wie seine Aggression, und das zerreißt ihn schier. Deswegen kann für solche Menschen der Tod auch eine Erlösung sein.

Interview: Katharina Dockhorn

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
16. - 17. Juni 2012

nd-Pressefest / Fest der Linken

Wir laden ein zu Musik, regen Markttreiben, zu Polittalks, Lesungen, Diskussionen...
nd-Newsletter

Täglich gut informiert.

Jetzt hier kostenlos abonnieren!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.