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Die Familie Abad Mitte der 60er Jahre, vorn rechts der kleine Héctor
Foto: Abbildung aus dem Buch
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Es geht um Mord. Und um zwei Männer, Vater und Sohn. Der Vater ist in den Siebzigern Professor für Sozialmedizin, in Medellín, Kolumbien. Ein Träumer ist er, auch ein aktiver Menschenrechtler, er will Unglaubliches: sauberes Trinkwasser für die Armen, Milch für ihre Kleinen und weniger Gewalt – und das in der Metropole der Kokainbarone.
Er glaubt an die Kraft von Aufklärung, Hygiene, Prävention, glaubt an das merkwürdige Gut Gleichheit und an den Zusammenhang von Elend und Epidemien. Er macht sich Feinde mit diesem Glauben. Der Erzbischof hetzt: Dieser Mediziner, Héctor Abad senior, zerstöre die Moral in tumben, »noch nicht urteilsfähigen Geistern«, seine Schriften, »voll von einem gottlosen Gift«, provozierten den allgemeinen Aufstand. An einem Augusttag 1987 wird Héctor Abad senior getötet. Die Täter schießen in Kopf, Hals, Brust, mitten am Tag, auf einer Straße der Stadt. Ein Auftragsmord ist billig damals in Medellín, knapp 250 Dollar; die Täter werden nicht gefasst.
Rund zwanzig Jahre nach dem Mord erzählt der Sohn nun die Geschichte des Vaters, in einem Text der Trauer und Verklärung. Teils Biografie, teils Zeitporträt, ist das Buch, kein rundes Buch, es hat Schwächen. Die Passagen über den politischen Eifer des Seniors gehören dazu, das Übermaß an Anekdoten, der glorifizierende Ton einer Heiligenlegende. Doch das torsohafte Werk erlaubt unterschiedlichen Zugang, es bündelt gleich mehrere Stoffe, und diese Vielfalt macht die Lektüre reizvoll.
Abad, Jahrgang 1958, schildert zum einen eine typische Geschichte, typisch für Land und Region: Der Senior sei nur einer von Tausenden ermordeten Vätern in »diesem für den Tod so fruchtbaren Land«. Zum Verständnis von Kolumbiens grauenvoller »Gewaltkultur« leistet der Autor leider wenig (Fernando Vallejo, auch García Márquez waren da weiter). Doch seine Offenheit überrascht, das Eingeständnis einer Niederlage. Abad junior kann nicht in den Spuren des Vaters weitergehen, er will kein Märtyrer werden, er nicht. Mut und Optimismus würden nicht vererbt, sagt er zu Menschenrechtlern. »Vor Ihnen steht der lebende Beweis: der Sohn eines mutigen, optimistischen Mannes, der Angst hat und nicht an eine Wendung zum Guten glaubt.«
Ungewöhnlich ist die Vater-Sohn-Geschichte. Der Ältere verwöhnte das Kind, demonstrativ, fast unerschütterlich zeigte er Toleranz und Vertrauen. Und das Kind? »Der Junge, ich, liebte den Herrn, seinen Vater, mehr als einen Gott.« Wenn der Professor auf Reisen war, durfte das Dienstmädchen daheim nicht die Laken wechseln – damit Vaters Geruch im Bett erhalten blieb. Als »animalisch« beschreibt Abad junior diese Bindung in der Rückschau. Nur einmal, in der Jugend, versuchte er dem Übervater zu entkommen. Die beiden reisten in einem angejahrten Cadillac von Texas nach Mexiko, Vater schlief, der Jüngere fuhr, er beschleunigte auf 120 Meilen, »ich wollte mich umbringen«, aber dann, in einer Ziegenherde, bremste er jäh.
Der Text im Ganzen bedient einen zentralen literarischen Topos – Schreiben als Waffe der Erinnerung. »Es ist eine der traurigsten Paradoxien meines Lebens: fast alles, was ich geschrieben habe, habe ich für jemanden geschrieben, der mich nicht lesen kann, und so ist dieses Buch nichts anderes als der Brief an einen Schatten.« Solange wir von diesem Vater lesen, meint Abad, sei das Vergessen aufgeschoben. Trostreiche und trügerische Hoffnung, der Autor vertraut ihr nicht wirklich: An einer Stelle zitiert er Borges' »Epitaph« mit der Anfangszeile Ya somos el olvido que seremos, »Wir sind schon das Vergessen, das wir werden«. (Der Vater soll das Sonett am Tag seines Todes abgeschrieben haben, man fand den Zettel in einer Tasche.)
Dieser »Brief« berührt – vor allem deshalb, weil er um Scheitern und Vergeblichkeit kreist.
Héctor Abad: Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Berenberg Verlag. 199 S., geb., 24 €.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 15,90 €
Preis: 14,95 €
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