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Regisseur Noah Baumbach hat sich vorgewagt auf ein Gebiet, das ungefähr das Gegenteil ist von solchen auftrumpfenden Filmen wie »Shutter Island«. In dem einen triumphiert die hochgestochene Machart des, sagen wir mal, Groß-Kinos, im anderen geht es um nicht viel. Aber das mit zunehmender Wucht nach trägem Anfang. Es geht ums Leben oder Überleben der sogenannten kleinen Leute halbwegs in Würde.
Die Protagonisten, für die der Name »Greenberg« als Titel herhält, haben nichts Besonderes an sich, sie leisten nichts Außergewöhnliches, sie leben. Arm. Ärmlich geht's zu. Ihre Sprache ist die der kleinen Leute. Juden vielleicht, es wird sehr nebenbei erwähnt, es spielt keine Rolle, und sie sind, selber verletzt, bereit, andere zu verletzen. Verletzte Menschen verletzen andere, wird einmal gesagt. Unterschicht. Das ist ein hartes Wort.
Baumbachs Film handelt von den Unterschichten. Die fixierten Kerle, die schlagartigsten Frauen, ganze Kerle eben, das alles kommt in »Greenberg« nicht vor. Auch die schönste Sprache nicht. Und hat einst Gerhart Hauptmann, der Dichter, durch seine Kunst die lässige Sprache seiner Protagonisten, einfache Weber, in die Hochsprache der Kunst sicher und mit sprachlicher Raffinesse herübergerettet, so wird in Baumbachs Sprache nicht gefackelt, nichts beschönigt, nichts geschenkt. Sie ist direkt, kennt keine Winkelzüge, biedert sich nicht an, das Ordinäre, es gehört dazu. Zum Glück ist der Film nicht synchronisiert.
Worum geht es, wenn gestritten wird? Wie überall, um nichts und alles. Aber dann wird schon klarer, dass es immer ums Ganze geht, um die nackte Existenz womöglich. Was Alltagsgewäsch ist, bleibt auch in der Übersetzung Alltagsgewäsch. Plötzlich kippt alles, weil das Alltagsgewäsch Wichtigeres überlagerte, vertuschte.
Es geht um viel, besonders um die Liebe. Übergangslos kündigt eine der Protagonistinnen an, dass sie schwanger sei, es ist nicht klar, von wem. Da geht denn doch der Liebhaber und Hauptdarsteller erst mal nach Hause. Und sie, das Mädchen, wollte nur was Lustiges erzählen. Aber was meiner Meinung nach die Darstellerin Greta Gerwig da leistet, ist in keinem Kino der Welt besser und ergreifender zu sehen.
Ihr Freund bringt sie zur Abtreibung und macht ihr Mut. Die Szene ist großartig, die Schauspielerin zeigt, wie jemand, der nicht weiß, wie er es sagen soll, dann sich aufs einfachste ausdrückt und das Komplizierte sagen kann. Man hat bei diesem Film immer ein bisschen Angst, das Paar könne scheitern, weil man sich nicht versteht. Eine Spannung der feinsten Art.
Der großartige Ben Stiller spielt den Unterschichtenhelden durch, alle Variationen, als spiele er nicht. Er wankt, begleitet aber die Freundin, wenn es zur Abtreibung in die Klinik geht. Mindestens drei Verursacher stehen zur Disposition, teilt das Mädchen ihm mit. Aber sie will es nicht wissen, wer es war.
Der Film nimmt das so hin, als müsse das so sein, müsse so geredet werden. Kein Wort mehr. Halt, ich irre mich, ich glaube, mich besser zu erinnern, sie sagte, sie habe das Geld nicht gehabt für eine Schwangerschaftsunterbrechung.
Manchmal stockte einem der Atem. Der kranke Hund übrigens, der den ganzen Film hindurch japsend auf dem Fußboden lag, genest kurz vor Schluss. Und dann gibt es am Ende noch eine Auseinandersetzung zwischen Brüdern, in dem sie sich die Meinung geigen. Aber damit leben können. Es ist so schön, dass man es eigentlich nicht erzählen kann. Das Leben ein Traum? Ein bisschen? Ein Chaos? Ich denke.
Das vormals schwangere Mädchen macht wie der genesende Hund auch weiter kein Aufhebens mit der nun mindestens vor einer Woche erfolgten Abtreibung und geht wie alle zur Tagesordnung über.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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