Wie wird jemand Vorsteher eines Gästehauses von Al Qaida? Und wieso fährt so jemand Jahre später plötzlich ein Taxi in Sana’a?
Abu Jandals Familie stammt aus Jemen, aber er wurde in Saudi-Arabien geboren. Dort erhielt er seine religiöse Ausbildung und sein Wertesystem. Mit 19 ging er nach Bosnien, um dort zu kämpfen, absolvierte sein militärisches Training. Danach war er kurz in Somalia, später stellte er in Jemen eine Gruppe zusammen, die er nach Tadschikistan führen wollte. Sie wurden aber an der Grenze abgewiesen. 1996, zur selben Zeit, war Osama Bin Laden aus Sudan geworfen worden und nach Afghanistan zurückgekehrt. Er hörte von dieser Gruppe junger Männer von der arabischen Halbinsel und lud sie zu sich ein. Abu Jandal war zuerst nicht begeistert von der Idee: Er wollte kämpfen, in Tschetschenien zum Beispiel.
Wann immer Sie Abu Jandal im Taxi im Gespräch mit seinen Kunden filmten, erzählt er denen wilde Geschichten. Und wenn er den jungen Männern, die ihn nach Al Qaida befragen, von den Tagen mit Osama Bin Laden erzählt, seinem Ersatzvater, leuchten seine Augen. Einmal sagt er, damals habe er sich ganz oben gefühlt, heute habe er nichts mehr.
Mit den Szenen im Taxi wollten wir zeigen, was für ein unzuverlässiger Erzähler er ist. Man weiß nie ganz genau, woran man bei ihm ist. Für die jungen Männer ist er ein Held, weil er Osama kennt. Aber ich weiß, dass er den jungen Männern davon abrät, den Hetzreden in den Moscheen zu folgen und sich unüberlegt in den bewaffneten Kampf zu stürzen.
Nach dem 11. September wurde Abu Jandal von den US-Amerikanern verhört. Er selbst sagt, er habe dem FBI in diesem Verhör nichts erzählt, was den arabischen Geheimdiensten nicht ohnehin schon bekannt war. Wenn das stimmt, warum nahm die US-Regierung seine Aussage so ernst, dass sie in Afghanistan erst einmarschierte, nachdem das Verhör beendet war?
Dieses Verhör durch US-Amerikaner ist das zentrale Ereignis in Abu Jandals Leben. Er muss sich bis heute dafür verteidigen. Von der jüngeren Generation von Al Qaida hat er sogar Todesdrohungen erhalten – es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt. Aber er ist kein Renegat, er hat nicht aufgehört, an die Dinge zu glauben, deretwegen er sich Al Qaida einst anschloss. Ich glaube, es war der erste Schock über den 11. September 2001, der ihn zu dieser Aussage bewegte.
Schock? Auf so etwas hatten die Terroristen doch hingearbeitet?
Abu Jandal saß seit 2000 in Jemen im Gefängnis, in Zusammenhang mit dem Attentat auf die USS Cole, mit dem er wohl nichts zu tun hatte. Er hatte jeden Kontakt zu Al Qaida verloren. Wahrscheinlich wäre er ohnehin nicht der Mann gewesen, dem dort Geheimnisse anvertraut wurden – dafür erzählt er viel zu gerne Geschichten. Und dann konfrontierte man ihn damit, dass alle diese Leute, die er in Afghanistan kennen gelernt und beherbergt hatte, am 11. September beteiligt waren. Wenn er heute behauptet, er habe die US-Amerikaner, die ihn in Jemen verhörten, mit Informationen an der Nase herumgeführt, die vor Ort bereits allgemein bekannt waren – dann ist das ein Versuch, sein Gesicht zu wahren.
Nach dem Verhör durch die US-Amerikaner schwor Abu Jandal seiner Vergangenheit ab, durchlief ein Rehabilitierungsprogramm und bekam von der jemenitischen Regierung das Taxi gestellt, mit dem er von nun an seinen Lebensunterhalt verdiente. In Saudi-Arabien ist die Rückfallquote bei solchen Programmen offenbar recht hoch. Wie sieht es mit dem jemenitischen Programm aus?
Die Erfolgsquote ist besser als die des saudischen Programms. Denn das Stammes- und Gefolgsschaftsprinzip funktioniert in Jemen noch sehr gut, Loyalität ist wichtig. Ich glaube nicht, dass so ein Programm die Überzeugungen der Männer ändert. Aber es ändert ihr Verhalten. Mir sind nur zwei Fälle von Männern bekannt, die hinterher doch wieder nach Irak gingen.
Interview: Caroline M. Buck
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert.
Rund 3000 Menschen haben beim Einsturz entführter Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center, in das Pentagon in Washington und beim Absturz eines weiteren Flugzeuges ihr Leben gelassen. Weltweit haben die Menschen die Attentate und den Einsturz des World Trade Centers im Fernsehen und über das Internet live mitverfolgt.
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