Eisenbahner in weiten Teilen Belgiens haben am Dienstag die Arbeit niedergelegt. Dieser spontane Warnstreik richtete sich gegen die schlechten Arbeits- und Sicherheitsbedingungen bei der Staatsbahn SNCB. Durch die Blockade der Bahndepots in Braine-le-Comte, Mons, Liège, Ath, Saint-Ghislain, Charleroi, Namur, La Louvière, Ottignies, Tournai und Louvain fiel auf vielen Strecken in der südlichen Hälfte Belgiens der morgendliche Berufsverkehr aus.
Obwohl der Streik nicht von den Bahngewerkschaften CGSP und SLFP organisiert worden war, stellten diese sich hinter die Streikenden und ihre Forderungen. Sie kritisieren den Personalmangel bei der Bahn, wodurch viele Lokführer und das Sicherheitspersonal überlastet und übermüdet seien, die ihnen zustehenden freie Tage oft nicht nehmen könnten. Es fehle vor allem an Lokführern und neues Personal werde nicht so gründlich geschult wie vor Jahren, erklärt Michel Jacmain von der Eisenbahnergewerkschaft SLFP. Statt früher 18 Monate dauert heute die Ausbildung eines Lokführers nur 12 Monate.
Die Gewerkschaften fordern die Einstellung von 6000 Eisenbahnern, um Engpässe zu beseitigen, doch die SNCB hat für 2010 nur 600 vorgesehen. Für mehr fehle das Geld, heißt es offiziell. So fordert die SNCB seit Jahren vom Staat vergebens zusätzliche 3,4 Milliarden Euro, um ihrer Rolle als öffentlicher Dienst gerecht zu werden.
Entsprechend wird auch zu wenig in Sicherheitstechnik investiert. So ist zwar die Strecke, auf der sich am Montag das Unglück ereignete, mit einem System ausgestattet, das bei einem rotem Stoppsignal alle Züge automatisch bremst. Doch dies erfordert, dass alle Loks über die entsprechende Technik verfügen. Bei dem Zug, der das Unglück vom Montag auslöste, war das jedoch nicht der Fall, erklärte der stellvertretende Leiter des staatlichen Bahninfrastrukturunternehmens Infrabel, Luc Lallemand, den Medien gegenüber. Damit schob er den »Schwarzen Peter« der Bahn zu, die zu wenig Züge entsprechend ausgestattet habe. SNCB-Vizechef Marc Descheemaecker musste einräumen, dass es zu dem tragischen Unglück nicht gekommen wäre, wenn diese Sicherheitstechnik in dem Zug installiert gewesen wäre.
Doch die Eisenbahner wollen von dieser wechselseitigen Schuldzuweisung zwischen Infrabel und SNCB nichts wissen und betonen, dass beide Seiten für die völlig inakzeptable Situation verantwortlich seien. Die Ausrüstung der Strecken und Züge mit dem automatischen Bremssystem ziehe sich aus Kostengründen seit Jahren hin und soll nach letzten Planungen erst 2013 abgeschlossen sein. Anfang 2010 waren erst ein Viertel der Haltesignale auf den Strecken und nur zwei Dutzend der rund 1000 Lokomotiven in Belgien mit dieser Technik ausgestattet. Nach einer internationalen Übersicht steht das Land mit der Sicherheit seiner Bahn in der EU an 13. Stelle.
Bei dem schweren Zugunglück in der Nähe von Brüssel mit 18 Toten suchen inzwischen Ermittler nach der Unfallursache. Vor Ort sicherten am Dienstag Fahnder letzte Spuren. Die belgischen Behörden ermitteln gemeinsam mit EU-Experten. Nach Angaben der EU-Kommission könnte die Aufklärung mehrere Monate dauern. Die Aufräumarbeiten an der Unfallstelle sollen frühestens heute beginnen. Durch die Sperrung der sechsspurigen Strecke fielen am Dienstag Schnellzüge wie der Thalys zwischen Brüssel und Paris sowie der Eurostar zwischen Brüssel und London aus.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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