Im nächsten Monat, ist sich Kartik Satyanarayanan von Wildlife SOS in Indien sicher, wird die jahrhundertealte Tradition, gefangene Bären vor Schaulustigen auftreten zu lassen, endgültig der Vergangenheit angehören. Dann will die Organisation, die unterstützt wird von Tierschutzgruppen aus Australien, Frankreich und Großbritannien sowie vom einheimischen Ministerium für Umwelt und Forsten, den letzten »tanzenden« Kragenbär in ihre Obhut nehmen.
Doch die indischen Tierschützer und ihre ausländischen Helfer sprechen schon jetzt von einem außergewöhnlichen Sieg, denn seit 2002 sind nahezu 600 »Tanzbären« in die inzwischen entstandenen vier Bärenrettungszentren des Landes aufgenommen worden. Sie wurden ihren Besitzern, die die Berufsbezeichnung »Kalandar« tragen, gegen eine Entschädigung von 50 000 Rupien (etwa 750 Euro) abgekauft.
Mit dem »Bärentanz« verdienten sich die Kalandars, ähnlich den Schlangenbeschwörern, bis Dezember 2009 ihren Lebensunterhalt, obwohl dieser Broterwerb seit 1972 gesetzlich verboten ist und Verstöße mit bis zu sieben Jahren Gefängnis geahndet werden sollten. Doch die Ordnunghüter drückten bislang gegen ein kleines Bakschisch meistens die Augen zu. So blieb das Wildschutzgesetz, unter das auch die laut internationalem Artenschutz gefährdeten Kragenbären fallen, ein Papiertiger. Illegaler Handel mit Kragenbären oder Bärenprodukten – ihre Galle z. B. wird in der traditionellen chinesischen Medizin als Mittel gegen Fieber und zum Entgiften des Organismus geschätzt – ist verboten.
Die Bärenführer lagen nie auf der sprichwörtlichen Bärenhaut, sondern wanderten mit ihren Tieren quer durchs Land und unterhielten Schaulustige gegen einen Obolus mit den »Künsten« der Tiere. Die tanzten, rauchten, schlugen Purzelbäume und machten Handstand. Das alles wurde ihnen im Babyalter durch Foltermethoden eingebläut. Zunächst wurden ihnen die Krallen gezogen und Eckzähne ausgeschlagen. Mit einem heißen Eisen brannte man ihnen ein Loch durch die Nase, durch das ein Führseil gezogen wurde. Auf heißen Kohlen brachten ihnen die Bärenführer das »Tanzen« bei. Meist töteten Wilddiebe das Muttertier, um an die Jungen heranzukommen. Sie wurden dann auf dem Schwarzmarkt verhökert.
Relativ unbehelligt zogen die Kalandars mit ihren meist unterernährten, chronisch kranken und geschwächten Tieren bis zum Jahre 2000 umher. »Rund zehn Jahre brauchten wir, diese barbarische Praxis zu beenden und den Bären und der Kalandar-Gemeinschaft eine zweite Chance fürs Leben zu geben«, erklärte Geeta Seshmani vom Wildlife SOS. Sie sprach von einem »historischen Augenblick in Indiens Tierschutzbemühungen«, auch wenn sie vermutet, dass 20 bis 25 Bären nach Nepal gebracht wurden, wo es noch kein Tanzverbot gibt. Auch tief im indischen Landesinnern könnte es noch Kalandars geben, die sich nicht von ihrem Tier trennen wollen oder noch nichts von der Entschädigungssumme gehört haben.
Das Geheimnis des Bären-Erfolgs liegt nämlich darin, dass die Tierschützer sich eingehend mit den Lebensbedingungen der Kalandars befassten und erkannten, dass der Quälerei nur ein Ende bereitet werden kann, wenn man das Los der Besitzer und deren Familien verbessert. Man hätte ihnen einen Bärendienst erwiesen, unter Polizeieinsatz einfach die Tiere wegzunehmen. Deshalb riefen die Tierfreunde ein Rehabilitationsprojekt ins Leben, das die einstigen Bärenführer zu Motorrikschahfahrern, Teppichwebern oder Geflügelhaltern umschult, ihnen einen Neustart als Verkäufer in einem eigenen Kiosk oder als Wächter in den Bärenzentren ermöglicht. Auch die Kalandar-Frauen besuchen Jobtrainingskurse, und die Kinder gehen zur Schule.
»Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der Tierwohlfahrt. Derartige Schutzprojekte haben normalerweise keine solche Erfolgsrate«, meinte Laurence van Atten vom britischen International Ani-mal Rescue begeistert. Immerhin wurden 1995 noch 1200 »Tanzbären« an der Nase herumgeführt. Van Attens Kollege Alan Knight ergänzte, das Leben hunderter Bären zu verändern sei an sich schon erstaunlich, aber zugleich der Tierquälerei den Boden zu entziehen, sei von großer Tragweite auch für ähnliche Vorhaben. Einig sind sich SOS-Aktivisten und ausländische Helfer, dass ihre Arbeit keineswegs beendet ist. Sie müssen sich nun ständig um die geretteten Bären kümmern, sie füttern, veterinärmedizinisch betreuen, ihnen in einem 90 Hektar großen Schutzreservat bei Agra ein artengerechtes Zuhause schaffen und sie daran gewöhnen, sich wieder als Bären zu benehmen. In die freie Natur können sie nicht entlassen werden. Dort könnten sie nicht überleben.
Preis: 19,95 €
Preis: 9,95 €
18:00 Uhr, Friedrichsdorf (Hessen)