Völlig zu Recht erregt sich die Republik über die Reaktion des Außenministers Guido Westerwelle auf das Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Der GröliVaZ (Größte liberale Vorsitzende aller Zeiten) ließ, um jede Diskussion über eine Erhöhung der ALG-II-Sätze im Keim zu ersticken, verlauten: »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein« – und wohin die geführt hat, weiß ja jeder! Um zu erklären, was er meint, führte er einen Tag später aus: »Wenn man in Deutschland schon dafür angegriffen wird, dass derjenige, der arbeitet, mehr haben muss als derjenige, der nicht arbeitet, dann ist das geistiger Sozialismus.«
Welchen Zusammenhang der Bundesguido zwischen »spätrömischer Dekadenz« und »geistigem Sozialismus« sieht, bleibt dunkel. Er meinte vielleicht, dass die »sozialistische« Idee, das arbeitslose stadtrömische Proletariat mit staatlichen Getreidespenden am Leben zu halten, in den Untergang geführt habe. Mich interessiert daran auch weniger, mit welchen krausen Vorstellungen Westerwelle den Sozialismus verbindet. Ich kann nichts dafür, dass er die Gelegenheit verpasst hat, sich von Dahrendorf erklären zu lassen, was Sozialismus ist. Eine Aufklärung darüber, dass im Zentrum aller sozialistischen Vorstellungen – egal, wie sozialdemokratisch oder wie totalitär pervertiert – der arbeitende, nicht der untätige Mensch steht, wäre sicherlich vergebliche Liebesmüh.
Aber was zu viel ist, ist zu viel! Ausgerechnet den späten Römern Dekadenz zu unterstellen, ist eine Gemeinheit, die nur mit entschiedenem Widerspruch beantwortet werden kann. Die adligen und reichen Römer der späten Republik – okay, die waren wirklich dekadent. Das hat schon Sallust so gesehen und Cäsar hat ihnen dafür dann ja auch gezeigt, wo der Hammer hängt. Aber diese Flamingozungenesserinnen und Flamingozungenesser würden heute sicher FDP wählen und sich jedenfalls nicht bei der Getreideausgabe in die Schlange stellen. Und die Klüngel an den Kaiserhöfen von Tiberius bis Caracalla – ja, von denen könnten heute sogar noch russische Oligarchinnen und Oligarchen lernen, was richtig saugeile Dekadenz ist. Aber auch die wären heute eher bei der FDP als bei der Linkspartei. Und Rom ging es nie so gut wie zu der Zeit, als die ihren Spaß hatten.
Nur: Von denen spricht der oberste Archäologe Deutschlands ja nicht. (Das ist er wirklich: Das Deutsche Archäologische Institut untersteht dem Auswärtigen Amt!) Nein, er nimmt die späten Römer aufs Korn – also jene wackeren Männer und Frauen, die, geistig-moralisch gestärkt durch die Bekehrung zum Christentum und organisatorisch fit gemacht durch die Staatsreformen Diokletians (eine Art spätantiker Gerd Schröder), zwischen 300 und 700 nach Christus unter den größten erdenklichen Schwierigkeiten wenigstens die Osthälfte des römischen Reiches vor dem Untergang in den Wirren der Völkerwanderung gerettet haben.
Diese Diskriminierung einer untergegangenen Zivilisation ist unerträglich. Herr Minister: Nehmen Sie das zurück! Nicht nur die Türken, die Russen, die Griechen und die Italiener, auch wir haben den späten Römern viel zu verdanken. Karl der Große jedenfalls hat sich sehr bemüht, als einer von ihnen zu erscheinen. Und von Karl ist es letztlich doch nur noch ein ganz kleiner Schritt zu Bismarck und den Kanzlern und Außenministern der Bundesrepublik Deutschland. Wenn die alle dekadent waren, dann sollten wir uns schnellstens darum bemühen, es auch zu werden.
Fritz Felgentreu, Jahrgang 1968, ist promovierter Klassischer Philologe, lehrt lateinische und griechische Literatur und ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.
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