20.02.2010

Haiti am Haken

GastkolumneVon Norman Paech

Der 1938 in Bremerhaven geborene Rechtsprofessor publiziert zu V
Der 1938 in Bremerhaven geborene Rechtsprofessor publiziert zu Völker- und Menschenrechten. ND-

Es gibt Länder, die straft Gott doppelt und dreifach: einmal durch die Natur und doppelt durch die Menschen. Verheerende Hurrikans und Erdbeben suchen diese Insel regelmäßig heim. Aber zu einer echten Katastrophe konnten diese Naturereignisse sich erst auswirken, nachdem Jahrhunderte des Kolonialismus dieses Land zu einem der ärmsten der Welt zugrunde gerichtet haben.

Als Christopher Kolumbus 1492 auf dieser Insel, die er Hispaniola nannte, die erste spanische Kolonie errichtete, war er fasziniert von ihrem natürlichen Reichtum. Der zog auch französische Siedler an, die 1691 die Kolonie Sainte Domingue gründeten. Sie wurde für die Europäer die reichste Kolonie. 450 000 Sklaven arbeiteten auf ihren Plantagen. Keine lieferte mehr Zucker, Baumwolle, Kaffee oder Indigo. Aber als sich die Sklaven 1791 erhoben, Napoleons Truppen vertrieben und 1804 die Republik Haiti ausriefen, war das Land ökonomisch und ökologisch völlig zerstört. Ein Drittel der Bevölkerung war in den Kämpfen umgekommen. Keine der Kolonialmächte wollte den neuen Staat anerkennen, sie belegten ihn mit einem Embargo. Die vertriebenen Franzosen verlangten Entschädigung und erzwangen 1824 mit einem Kriegsschiff die Zahlung von 150 Millionen Francs. An dieser Schuldenlast hat Haiti bis 1947 getragen.

Armut und Korruption waren die Folge. Als 1915 US-Präsident Wilson Haiti besetzen ließ, begann die zweite Kolonisierung. Sie endete auch nicht mit dem Abzug der US-Truppen 1934. Sie setzte sich fort in der Diktatur der Duvaliers, die von 1957 fast dreißig Jahre lang unter dem Schutz der USA das Land bis auf die Gräten abnagten. Zwei Prozent haben Plantagenwirtschaft und die Brennholzrodungen der Armen von den einst üppigen Wäldern übrig gelassen. 80 Prozent der Menschen leben jetzt unter der Armutsgrenze. Als Präsident Préval der Forderung des IWF nachkam und hochsubventionierten Reis aus den USA ins Land ließ, raubte er den Bauern die Lebensgrundlagen. Sie strömten in die Städte und erhoben sich 2008 gegen die steigenden Lebensmittelpreise zu Hungerrevolten.

Ist Haiti noch zu retten? Nur durch den Aufbau einer »Entwicklungsdiktatur«, eines »Protektorats« nach dem Vorbild des Kosovo, heißt es jetzt. Eine Art fürsorgenden, humanitären Kolonialismus, wie man ihn für »versagende Staaten« allgemein diskutiert. Und natürlich Aufstockung der nichtsnutzigen UNO-Truppe und des US- Kontingents auf 50 000 Soldaten – zur Sicherheit der Bevölkerung. Doch Sicherheit ist nicht das Problem, wie Kenner des Landes und der Situation sagen. Wer nicht unmittelbar für Medizin, Wasser, Nahrung und Unterkunft sorgt, sollte das Land sofort verlassen: das Militär und manch überflüssige NGO. Frankreich sollte die 22 Milliarden US-Dollar zurückzahlen, die Präsident Aristide 2004 als Reparationen für koloniale Ausbeutung gefordert hat. Und die USA sollten endlich die Navassa Insel zwischen Haiti, Jamaica und Cuba zurückgeben, auf der sie Jahrzehnte Guano unter grauenhaften Arbeitsbedingungen abbauen ließen. Das könnte mehr als ein Anerkenntnis für vergangene Ausbeutung, militärische Besetzung und politische Einmischung sein. Es könnte der Beginn einer eigenständigen und unabhängigen Entwicklung werden.

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