Von Peter H. Feist
25.02.2010

Macht euch ein Bild von mir

Kunst als Herrschaftsstrategie im Deutschen Historischen Museum Berlin

Gerhard Schröder in seinem Büro im Kanzleramt vor dem
Gerhard Schröder in seinem Büro im Kanzleramt vor dem Baselitz-Gemälde »Fingermalerei III – Adler«,

Diese Ausstellung sollte unbedingt sehen und dazu die kurzen Aufsätze im Katalog lesen, wer sich Gedanken über die Zusammenhänge von Kunstentwicklung und Gesellschaft macht. Sie bekräftigt die in letzter Zeit unter Fachleuten ohnehin rasch zunehmende Überzeugung, dass Kunstwerke mit mehreren Eigenschaften, nicht nur ihren rein ästhetischen, wirken und deshalb geschaffen werden, und dass außer den Künstlern, die kraft ihrer Begabung Kunstwerke schaffen können, auch andere Menschen in ihren Rollen als Betrachter, Beurteiler, Auftraggeber, Vermittler, Käufer in ganz erheblichem Maße über das Aussehen der Kunstproduktion und den Verlauf der Kunstgeschichte mitbestimmen.

Der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Prof. Wolfgang Ullrich von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, der seit über zehn Jahren zu dem Thema forscht, wurde vom Deutschen Historischen Museum Berlin als Kurator dieser Ausstellung gewonnen und er führt gemeinsam mit einem Dutzend Autoren, die meist bei ihm studierten, im Pei-Bau vor Augen, wie seit einigen Jahrzehnten Akteure der deutschen Wirtschaft und Politik vor allem neuere und neueste Kunst als ihr Statussymbol einsetzen. Kurze Rückblicke bis in die frühe Neuzeit verdeutlichen die Traditionen solcher Praktiken. Neben einigen Beispielen von Skulptur, Malerei, Grafik und Video sind es vor allem Fotografien, teilweise in imponierender Größe, die das Verhältnis von Mächtigen zur bildenden Kunst dokumentieren, bzw. selbst als ein Zweig der heutigen bildenden Kunst fungieren.

Legenden zufolge suchten schon im klassischen Altertum Herrscher ihr Ansehen bei Untertanen und Rivalen dadurch zu erhöhen, dass sie durch Hochachtung vor Künstlern beweisen wollten, ebenso begnadete Ausnahmemenschen zu sein wie diese. Den Künstlern konnte das nur recht sein – bis heute. Auf verschiedenste Weise wurde das Sammeln und dann Präsentieren von neuer oder alter Kunst zu einer der wirksamsten Möglichkeiten, Anderen zu imponieren und sich selbst hervorzuheben – als mächtig, reich, fromm, gebildet, großzügig, wagemutig, traditionsbewusst, zukunftsorientiert usw. Das reicht von fürstlichen und großbürgerlichen Sammlungen bis zur Deutschen Bank und ihrer Deutschen Guggenheim in Berlin. Die Mannigfaltigkeit dieser Absichten und Arten des Umgangs mit Kunst zu belegen, ist der beherrschende Ertrag der Ausstellung.

Wir werden u.a. an Görings monströse Privatsammlung geraubter und gekaufter alter Kunst in seinem Landsitz Carinhall erinnert. Etwas entstellt und oberflächlich wird das Bestreben der DDR behandelt, Kunst nicht zum Statussymbol für Einzelne, sondern eher für eine ganze neue Gesellschaft zu machen, was logischerweise zu einer Konfrontation mit der alten Gesellschaft in der Bundesrepublik führte. In der begann dafür der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI ab 1951 im Verbund mit Politik und Publizistik, das Lob der abstrakten und sonstigen »freien« Kunst gegen die Bedrohung aus dem Osten ins Feld zu führen. Während veröffentlichte Meinung heute ständig – nicht nur in Bezug auf Kunst – versucht, »Instrumentalisierung« als einen Missbrauch hehrer Werte schlechtzureden, sind in Wahrheit Kunstwerke und der Umgang mit ihnen wie zu allen Zeiten sehr wohl und ganz bewusst auch Instrumente einer Beeinflussung von Verhalten, also auch einer Machtausübung.

Die Ausstellung verdeutlicht, wie stark die Rolle von bildender Kunst für die Selbstdarstellung von deutschen Politikern und Wirtschaftsbossen in den letzten Jahrzehnten zunahm und bei deren Vermittlung durch Pressefotografie und Fernsehen unumgänglich wurde. Kein Mächtiger oder Machthungriger ohne Kunst im Hintergrund. Regierende leihen sie sich aus Museen. Manchmal ist das Dargestellte wichtig, zum Beispiel ein Bismarck-Porträt, häufiger sind bloße Auffälligkeit oder absichtlich vage Aussagen. Die Ausstellung enthält sich einer parteinehmenden Wertung, aber die Aktivitäten Gerhard Schröders, der unter Umständen mit schockierenden Regelverstößen für sich wirbt, und die Pressekonferenzen der SPD-Oberen vor der Willy-Brandt-Statue Rainer Fettings, deren Geste nachgeahmt wird, geben einfach am meisten her. Bei Helmut Schmidt verband sich persönlicher Kunstsinn mit einer Bekundung seines Willens zur Einheit deutscher Kultur, wenn er in den 80er Jahren sein Porträt für die offizielle Galerie gewesener Bundeskanzler von Bernhard Heisig aus der DDR malen ließ, der ihn seinerseits auch als einen aufmerksamen Betrachter seiner Gemälde porträtierte (»Atelierbesuch«, 1986). Schröders Vorlieben für Baselitz, Lüpertz und Immendorf nachzuvollziehen, fällt schwerer.

Es können gar nicht alle Stichworte aufgezählt werden, denen beim Nachdenken über die heutige Kunstsituation nachzugehen wäre, und die in den Katalogessays auftauchen – Attribut, Symbol, Werbung, Corporate Design einer Firma, die suggestive, emotionale Wirkung von Farben und deren Verbindung mit politischen Zielen (»Rote«, »Grüne«), Inszenierung, Gestik, Körpersprache usw. Jeder ein absolutistischer Herrscher oder ein Kunstliebhaber.

Wir erfahren, wie die Mächtigen über das Bild bestimmen wollen, das die Öffentlichkeit, Wähler oder Kunden, von ihnen haben soll, und wie sie ihrerseits von den Leuten mit den Kameras dirigiert werden. Wir erfahren, wie Künstler davon profitieren können, dass sie für Bilder von Mächtigen ausgewählt werden, oder wie sie sich unter Umständen das Recht verschaffen, ihren Modellen die Posen vorzuschreiben und mit den Porträts so frei zu manipulieren wie die international agierenden fotografierenden Aktionskünstler Michael Clegg & Martin Guttmann. Karikaturen enthält die Ausstellung nicht, aber über misslungene Herrscherposen kann man sich durchaus amüsieren. Das ist ein Grund mehr, diese Ausstellung nicht zu versäumen.

Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie, Berlin, Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Unter den Linden/ Hinter dem Gießhaus, bis 13. 6., tägl. 10-18 Uhr, Eintritt 5 €, Jugendl. frei, Katalog.