Von Jan Freitag
27.02.2010
Reportage - Hamburg-Südafrika

»Der Weg ist das Ziel«

Vier Monate durch 21 Länder bis nach Südafrika

Man muss sich Bernd Volkens als bodenständigen Menschen vorstellen: Gutbezahlte Festanstellung, langjährige Beziehung, Immobilienbesitzer in der Stadt, Wochenende auf dem Land, Handwerker, Heimwerker und sehr gesellig – der Hamburger aus Dithmarschen führt das geordnete Leben eines 40-Jährigen mit juveniler Restenergie. Davon hat Kay Amtenbrink zwar noch ein bisschen mehr, aber auch als lebensfroher Single ist sein Alltag vor allem Arbeit plus Eigentumswohnung. Aus der Elbmetropole, sagt der gebürtige Ostwestfale, »will ich so bald nicht mehr weg«.

Nun gut, dafür muss er erstmal wieder dort sein. Und genau dafür würden weder er noch sein gleichaltriger Kumpel, der mit dem Häuschen, zurzeit die Hände ins Feuer legen. Denn vor wenigen Tagen starteten beide eine abenteuerliche Reise mit ungewissem Ausgang. In ihrem ausgebauten Kleinbus fahren sie fast vier Monate lang durch 21 Länder die Ostküste Afrikas entlang zur Fußball-Weltmeisterschaft am Kap der Guten Hoffnung. Wenn nichts dazwischenkommt sind das annähernd 20 000 Kilometer mitten durch Krisengebiete und Urlaubsparadiese, über Autobahnen, Sandstraßen und Schotterpisten, mit 70 Pferdestärken, Allradantrieb, großem Wagemut und einer »gehörigen Portion Angst«, wie Kay Amtenbrink freimütig gesteht. Alles für den Fußball. Wenn das keine echten Fans sind.

Eine Schnapsidee mit Folgen

Auf jeden Fall aber sind es ungewöhnlich spontane Fußballbegeisterte. Denn als die zwei Hobbykicker vor fünf Monaten im Clubheim des FC St. Pauli vom Live-Erlebnis WM zu träumen begannen, war die Reise eine reine Schnapsidee. »Nach dem Training waren wir uns nur einig, dass wir da hinwollen«, erinnert sich Bernd Vokens an jenen lauen Spätsommerabend unter Teamkollegen, »aber nicht im Flugzeug«. Doch schon am Tag darauf, das letzte Bier pochte noch schmerzhaft in den Schläfen, wuchs der irrsinnige Einfall zum schlüssigen Konzept. Und Tag für Tag wurde es konkreter.

Die beiden Freunde markierten fortan Reiserouten, studierten Einreisebestimmungen, sondierten politische Verhältnisse, dazu Liquidität, Motivation, Gesundheit und nicht zuletzt die eigene Belastbarkeit, psychisch wie physisch. Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben, alles irgendwie berechenbar, eine gewaltige Aufgabe und die Uhr tickte unerbittlich. Dagegen lief der Ticketerwerb geradezu spielerisch. Schließlich lebt Kay Amtenbrinks Schwester in Kapstadt und die hat problemlos für alle Gruppenspiele und ein Achtelfinale vor Ort Karten ersteigert, 24 insgesamt, mehr als beide nutzen können. Vorher indes mussten ihr Bruder von Typhus über Malaria bis Gelbfieber neun Impfungen über sich ergehen lassen. Sogar das Nähen kleiner Wunden hat er gelernt, während sich sein Copilot eher in den Grundkenntnissen jeder Art Reparatur am Herz des Unternehmens übte – dem Bus. Außerdem sind für fast jeden Grenzübertritt Visa nötig. »Ein Mordsaufwand«, stöhnt Volkens. Am Anfang von allem aber, beteuert der Kfz-Journalist in ihm, »stand natürlich das Auto«.

Im Internet ersteigerte der bastelfreudige Oldtimer-Fan einen VW-Bulli namens »T3 Synchro«. Allradantrieb, versteht sich, mit Küche, Kühlschrank, Kojen, fast allem Komfort. Immerhin Jahrgang 1992 zwar, mit furchteinflößenden 350 000 Kilometern auf dem Tacho und reichlich Macken unter der Motorhaube, aber durchaus belastbar. Und für 5400 Euro geradezu ein Schnäppchen. Dachten beide jedenfalls. Doch bis der Diesel langstreckentauglich wurde, wüstengängig gar, dazu einigermaßen gemütlich und diebstahlsicher, sollte noch viel Zeit ins Land gehen. Und annähernd der Kaufpreis an Sanierungskosten.

Überhaupt – die Finanzen. Bis zum Start blieben sie ein Dauerthema. Allein die Reisespesen könnten fünfstellig werden – pro Person. Mindestens. Und das bei vollem Verdienstausfall, 15 Wochen lang. Anders als der freiberufliche Grafiker Amtenbrink, musste der angestellte Redakteur Volkens zudem um seine stabile Zukunft bangen. »Der Verlag wollte mir erst keinen unbezahlten Urlaub geben«, erzählt er von den zähen Verhandlungen mit dem Arbeitgeber. Fast wollte er die Festanstellung schon aufgeben, die Kündigung war längst im Kasten für »meinen großen Traum.« Dann bekam er doch noch grünes Licht.

Unterwäsche wird unterwegs gekauft

Und so kann sich das Duo zweier Globetrotter, die fast jeden Erdteil persönlich kennen, seit zwei Wochen voll auf die Odyssee durch unbekanntes Gebiet konzentrieren. Gerade erst ist ihr signalfarbenes Prachtstück annähernd reisefertig aus der Werkstatt gerollt – direkt zum Stadion ihres Vereins, nach St. Pauli, dort wo sie Fußball spielen und feiern, wo sie beim vorigen Heimspiel der Profis gegen Karlsruhe bis in die Nacht Abschied gefeiert haben und jetzt etwas verloren im Schnee stehen, zwei drahtige Viertagebartträger mit reisefreundlich geschorenen Köpfen, die ahnen, dass hier bald das Heimweh hinweht aus ihrem rollenden Zuhause auf Zeit in der Ferne. Der Boden ist noch voller Werkzeug, die Schranktüren fehlen, es gibt noch einiges zu tun, deshalb verschiebt sich die Abfahrt auf Montag. »Endgültig«, sagt Amtenbrink und bittet zur Besichtigung ins Innere. Es riecht nach frischem Diesel, gebrauchten Polstern und vielen tausend Kilometern Fahrt. Außen kleben die Flaggen aller Nationen, in denen sie unterwegs Station machen, in Eintracht nebeneinander, darunter eine Silhouette auf gelbem Grund: Afrika.

Wenn an seiner Südspitze das Eröffnungsspiel startet, 11. Juni, wie in Deutschland 20.30 Uhr Ortszeit, wollen Kay Amtenbrink und Bernd Volkens im Stadion sitzen. Der Grund der Reise, einerseits. Andererseits geht es um so viel mehr als das. Es geht um fremde Länder, Leute und Landschaften, um Erfahrungen und Erlebnisse, ein Gefühl von Wohlstandsverslust, ja selbst Entbehrungen, persönliche Konflikte, um Gefahr. »Extremsituationen zu meistern ist doch wertvoller als den Anpfiff pünktlich zu erleben« – das sagt mit Kay Amtenbrink ausgerechnet einer, dessen halbe Freizeit um Fußball kreist. »Wir werden uns sicher richtig zoffen, aber das gehört dazu«, fügt der Copilot übers Miteinander auf engstem Raum hinzu. Es dürfte kaum leichter werden, wenn seine Freundin Maria Pineiro am Roten Meer zusteigt.

Ihnen allen geht es auch um Abstand zur Zivilisation, um Langsamkeit und Stille, »ein Leben ohne iPhone«, das sich die 37-jährige Portugiesin aus Heidelberg für zehn Wochen erhofft. Dafür ist gar nicht allzu viel Gepäck nötig. Zwei Hosen, drei Paar Schuhe, »im Grunde nur das, was wir am Leib tragen«, sagt Amtenbrink, der daheim, rings ums szenige Schanzenviertel, penibel auf gepflegtes Äußeres achtet. Den Rest – Unterwäsche, Tagesbedarf – kaufe man eben dem Weg. Das Ziel: Freiheit dank Reduktion, Durchatmen ohne Ballast. Ein Fußball ist natürlich trotzdem an Bord.

Und viel Realitätssinn. Durch unsicheres Gebiet – Sudan, Ägypten, die Wüste – geht es, wenn möglich, im Konvoi, wenn nötig auf Umwegen und falls es sein muss, so Volkens, »schlafen wir auch mal im Hotel«. Wenngleich das Budget da Grenzen setzt. Hauptsache sicher, das war schon vor ein paar Wochen die Devise, als sie die ursprüngliche Strecke umständlich ändern mussten. Das Auswärtige Amt hatte Europäer vor Reisen durch die Westsahara gewarnt: Entführungsgefahr, besonders in Mali und Mauretanien. Jetzt geht es nicht wie geplant durch alle fünf afrikanischen WM-Teilnehmerländer. Ein Jammer, klagen beide. Denn ursprünglich hatten sie auch auf Unterstützung ihres Abenteuers durch die Fußballverbände vor Ort gehofft, Solidarität für ihre Art Völkerverständigung auf Rädern. Doch auch die Ostpassage ist nicht ganz ungefährlich, gerade im Sudan, sagt der Afrikaerfahrene Amtenbrink, der den Kontinent zum 19. Mal bereist, »müssen wir stur aufs Gas drücken und so selten wie möglich halten«. Schließlich ist selbst die schönste Nebensache der Welt keine Gefahr wert.

Das WM-Finale wird Bernd Volkens ebenso verpassen wie seine Freundin, die mit Fußball nichts am Hut hat. Wenn er Ende Juni im Flieger sitzt, wird der Bus wohl gerade nach Hamburg eingeschifft. Per Container. Für einen Verkauf hängen zu viele Zollbeschränkungen daran. Und Erinnerungen darin. An eine Schnapsidee und ihre Folgen.

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