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Von Hansgeorg Hermann, Athen 27.02.2010 / Ausland

Der Raub der Venus

Athener Debatten über den jüngsten deutsch-griechischen Streit

Im Herzen der »Exarchia«, jenes Athener Stadtviertels, in dem trotz der sehr guten Wohnlage eine von materiellem Reichtum unbelastete Minderheit griechischer Kapitalismuskritiker zu Hause ist, gibt es eine Bar mit dem Namen »Revolt«. Dieses bis auf den Namen ziemlich unauffällige Lokal hat schon oft gewaltige Diskussionen unter gesetzten, weißhaarigen Intellektuellen der Nachkriegsgeneration und ihren ungeduldigen jungen Schülern erlebt. Dass die Disputanten, wenn es um Herrschaftsformen ging, sich in den vergangenen Jahren dann und wann nach Mitternacht im Einvernehmen voneinander verabschiedet hätten, ist dem Wirt Giorgos Delvizopoulos nicht in Erinnerung.

Am vergangenen Mittwoch war es dann doch so weit. Die Titel der deutschen Politikillustrierten »Focus« und der griechischen Tageszeitung »Eleftheros Typos« sorgten für außerordentliche Einigkeit unter zornigen Studenten, jungen Arbeitslosen, mittellosen Anarchisten und geschäftstüchtigen Kaffeehausbesitzern.

Wie soll einer das verstehen, fragten sich an besagtem Mittwoch nicht nur die Kunden des »Revolt«, wenn ihm eine Venus von Milo neben der Überschrift »Betrüger in der Euro-Familie« den Stinkefinger zeigt? Als Hinweis darauf, dass den Griechen das abgeht, was den Deutschen angeblich heilig ist – Ehrlichkeit vor allem? Und was sollten die Leute in Berlin lernen, wenn ihnen der »Eleftheros Typos« (Freie Presse) mit einem Foto der Siegessäule samt beigefügtem Hakenkreuz die Nazi-Vergangenheit der »Germanoi« einreibt? Was die Leute in der Exarchia nach dem Studium der beiden redaktionellen Kunstwerke schließlich doch noch amüsierte, fasste »Revolt«-Wirt Delvizopoulos am Abend beim Raki zusammen: »Hier gehen jene aufeinander los, die vor 70 Jahren Besatzer auf der deutschen und Kollaborateure auf unserer Seite gewesen wären.«

Sogar einem Berliner Arbeiter ist bekannt, da sind die Griechen ziemlich sicher, dass die echte Venus von Milo – in Griechenland korrekterweise Aphrodite von Milos genannt – Weltkulturerbe ist, dass ein französischer Konsul sie auf der Insel Milos fand, den Türken abschwatzte und in den Louvre bringen ließ. Dass sie als Symbol demnach nicht für die kriminelle Energie griechischer Oligarchen und ihrer Helfer in fast allen Regierungen taugt, sondern allenfalls für die Raubgier der Kolonialmächte des alten Europa – siehe Parthenon-Fries.

Was nun den »Eleftheros Typos« anbetrifft, so weiß jeder Bauer zwischen Thessaloniki und Heraklion, dass er das Sprachrohr der bürgerlichen Rechten ist, eine Art halbamtliches Organ der im Oktober abgewählten Regierungspartei »Nea Dimokratia«.

Die an sich berechtigte Forderung des Athener Bürgermeisters Nikitas Kaklamanis an die Deutschen, sein Land endlich für den von der Wehrmacht verübten allgemeinen Kriegsschaden (»Frau Merkel, Sie schulden uns 70 Milliarden«) sowie den Mord an den Einwohnern der Dörfer Kalavryta und Distomos zu entschädigen, fügt sich in diesen Rahmen. Kaklamanis, Parteifreund des ehemaligen Regierungschefs Kostas Karamanlis, erwähnt natürlich nicht, dass seine Leute – der damals weitgehend rechtsnational regierte Staat Griechenland – nach Kriegsende eben jene kommunistischen Partisanen in »Umerziehungslager« steckten, deren Familien in den erwähnten Dörfern für den Widerstand ihrer Männer gegen die Deutschen gebüßt hatten. Auch die Angehörigen der Gefangenen von Makronissos und anderen KZ-Inseln wurden nie entschädigt.

Unter dem Strich also nichts als ein letztlich belangloser Streit unter europäischen Rechten? Leider nicht, sagen in Athen jene, die den rechtsnationalen Herrschaftsanspruch seit dem Bürgerkrieg bekämpft haben. Nationalismus, geschürt von den Medien interessierter politischen Lager, gerät in der Krise erneut zu einer ernsten Gefahr – in Griechenland nicht anders als in Deutschland. Die Demokratie in Gefahr, die Freiheit gar?

Der italienische Gräzist Luciano Canfora hat den Umgang der Herrschenden mit den beiden Begriffen in seinem von der EU gesponserten Standardwerk »Geschichte der Demokratie« präzise beschrieben. An der Universität Bari lehrt er seine Schüler, dass selbst der große Perikles die seither schwer abgenutzte Vokabel »Demokratie« nur ungern in den Mund nahm und »alles auf die ›Freiheit‹ setzte«. Die Freiheit der wenigen Privilegierten seiner Zeit, wohlgemerkt. »In den reichen Ländern hat diese Freiheit gesiegt«, sagt Canfora, »mit all den schrecklichen Folgen, die das für die anderen bringt und noch mit sich bringen wird.«

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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