Von Angelika Nguyen
04.03.2010
Film

Entschleunigt

Uli Gaulke: Pink Taxi

Alla
Alla

Am Anfang war die Neugier auf Moskau. Regisseur Uli Gaulke, Jahrgang 1968, trieb es nach früheren Dokumentationen in vielen Teilen der Welt diesmal zur einstigen sowjetischen Hauptstadt. Wie haben sich Perestroika und Kapitalismus ausgewirkt? Wie kommen die Menschen damit zurecht, vor allem: die Frauen? In einer Frauentaxifirma schließlich fand Gaulke Marina, Alla und Viktoria, etwa Mitte 50, drei Taxifahrerinnen von »Pink Taxi«. Entstanden sind drei behutsame Porträts.

Marina mit den Grübchen ist die fröhlichste, die charmanteste der drei, Viktoria die patente mit dem besten Schutzpanzer, Alla die bittere, die traurigste. Die Fahrzeit vertreiben sich die Frauen in Gesprächen mit ihren Gästen, die laut Geschäftsordnung ausschließlich Frauen sind. Der Name »Pink Taxi« ist bei der Taxifirma nämlich Programm: Pink, Rosa – die Farbe der Weiblichkeit. Frauen fahren Frauen. In 22 Taxis unter den drei Millionen Autos in der Metropole Moskau. Die Fahrerinnen arbeiten 48 Stunden hintereinander und ruhen sich hinterher 48 Stunden aus. Ein Knochenjob, nichts für Zarte.

Der Regisseur nutzte ganz bewusst die Stärken weiblicher Kommunikation. »Da Frauen nun mal mehr Gefühle zeigen können als Männer, widme ich ihnen meine ganze Aufmerksamkeit.« Das Taxi bezeichnet Gaulke als Entschleunigungsmaschine in dieser rasanten Stadt. Die sozialen Schranken zwischen den einfachen Dienstleistenden, den Fahrerinnen Marina, Alla und Viktoria, und denen, die sich ein »Pink Taxi« leisten können – Anwältinnen, Managerinnen oder gar eine Ölbarontochter –, sind im Taxi kaum zu spüren, die Frauen reden offen miteinander. Themen der Gespräche sind die Arbeit, Damenunterwäsche, Flugpreise und natürlich Männer.

Gaulke besuchte die Frauen auch in ihren Wohnungen, sprach mit ihren Familien, zeichnet ein eindrückliches Bild von ihrem Leben. Auffallend dabei ist die Abwesenheit von Männern. Allas Mann starb, Marinas ging mit ihrer Nichte davon und Viktoria hat dem »ganzen Liebeszeug« abgeschworen. Liebe sei nur ein kurzer Moment. Iti samusch, sagen die drei, »einen Mann heiraten« bedeute wörtlich: »sich hinter einem Mann verstecken«. Das wollen sie nicht mehr. Geblieben sind die Kinder, die Wodkaabende in Marinas verräucherter Datsche, das selbst verdiente Geld, das Spotten – und die Sehnsucht.

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