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Von Birgit Gärtner 05.03.2010 / Inland
Kulturbeitrag

»Ich würde so gern vergessen«

Hessische Sinti und Roma berichten über ihre Kindheit in der NS-Zeit und ihr Leben nach 1945

Seit Mitte der 30er Jahre wurden Sinti und Roma von den Nazis in speziellen Konzentrationslagern interniert, die es in vielen deutschen Städten gab, so in Frankfurt-Riederwald. Später waren diese »Zigeunerlager« Sammelstätten für die Deportationen in die Todeslager im besetzten Polen. Allein aus Hessen wurden etwa 1000 Sinti und Roma verschleppt, zwei Drittel überlebten den Faschismus nicht.

In dem Buch »Flucht, Internierung, Deportation, Vernichtung«, herausgegeben vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma Hessen, berichten Überlebende der Nazi-Zeit dem Sozialpädagogen Josef Behringer ihre bewegenden Lebens- und Leidensgeschichten. Der Sammelband ist ein wichtiger Beitrag wider das Vergessen – und ein eindringlicher Appell an Toleranz und Solidarität heute.

So unterschiedlich ihr familiärer Hintergrund auch ist, eines eint die 24 von Behringer interviewten Personen: Alle sind Sinti oder Roma, und sie wurden von den deutschen Faschisten verschleppt und interniert. Sie selbst waren noch halbe Kinder, als der Genozid an den Sinti und Roma begann.

Die Väter der Interviewten waren Arbeiter, etwa auf dem Bau oder bei Opel in Rüsselsheim, Handwerker, Kammerjäger oder Beschäftigte bei der Post. Die Mütter waren Hausfrauen, arbeiteten in Fabriken oder verkauften Kurzwaren, und einige der Befragten kamen aus Schaustellerfamilien.

Zeuge von Folter und Mord

»Am 16. Mai 1940 war meine Kindheit zu Ende«, sagt der Sinto Michael Böhmer, der als 10-Jähriger nach Auschwitz verschleppt wurde. »Meine Jugend war über Nacht zu Ende«, sagt auch Sintezza Amanda Meyer, die dieses Schicksal als 14-Jährige ereilte.

Eindrucksvoll schildern die 14 Zeitzeuginnen und 10 Zeitzeugen ihre Erlebnisse. Sie berichten von unvorstellbaren Gräueltaten in den KZ, von Zwangsarbeit, von abenteuerlichen Fluchten, von Verfolgung und Denunziation, aber auch von schlichter Mitmenschlichkeit, die einigen von ihnen das Leben rettete. Sie erzählen, wie sie mit ansehen mussten, wie Eltern und Geschwister gefoltert oder in die Gaskammer geschickt wurden, wie Geschwister und Verwandte an Hunger und Krankheiten elendig zu Grunde gingen.

Berichtet wird aber auch von der Zuversicht nach 1945, nahe Angehörige doch einmal wiederzusehen. »Man hat die Hoffnung, die kommen noch«, erinnert sich die Sintezza Alwine Keck. Doch irgendwann musste der Traum schließlich begraben werden, die Mutter, den Vater, die Schwester, den Bruder, den geliebten Mann oder die geliebte Frau jemals wiederzusehen.

Thematisiert wird auch der Schock, als in den 50er Jahren der Mord an den Sinti und Roma von den westdeutschen Behörden verharmlost und der faschistische Terror gegen diese Minderheit entschuldigt wurde. Lügen und Täuschen, Stehlen und Betrügen wurden wieder als »typische« Verhaltensweisen von »Zigeunern« präsentiert.

Alte, neue Vorurteile

So stellte der Bundesgerichtshof 1962 fest: »Zigeuner neigen zu Diebstählen«, und ihnen wohne ein »naturgemäßer Okkupationstrieb« inne. Damit wurden den Sinti und Roma nicht nur ihnen zustehende Wiedergutmachungsansprüche streitig gemacht. Vielmehr wurden die rassistischen Stereotypen nahtlos in die Nachkriegsgesellschaft integriert.

Die 24 Überlebenden erzählen von den Nächten, in denen das Erlebte sich in die Träume einschleicht, von Tagen, an denen die Erinnerung so stark ist, dass sie ein normales Leben unmöglich macht. »Ich würde so gerne einmal alles vergessen«, sagt Böhmer. »Aber wie soll das gehen?« Nicht nur bei ihm kommen die Bilder immer wieder zurück. Denn: die Hoffnung stirbt zuletzt – die Erinnerung stirbt nie.

Josef Behringer: Flucht, Internierung, Deportation, Vernichtung. Hrsg. Landesverband Deutscher Sinti und Roma Hessen, Eigenverlag, 252 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 25,50 Euro

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