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Von Wolfgang Schmidbauer 06.03.2010 / Menschen & Leben

Die traumatisierte Stadt

Am 11. März vor einem Jahr hielt Winnenden den Atem an

Im Spätherbst 2009 war ich als Vortragender in Winnenden eingeladen. Der Ort bei Stuttgart teilt mit Erfurt die Erschütterung durch einen Schul-Amoklauf mit zahlreichen Todesopfern. Mein Auftritt hatte damit nichts zu tun. In Sichtweite der durch diese Tragödie bekannten Realschule stehen hier, in einem Vorort von Stuttgart, die verschachtelten Gebäude der Paulinenhilfe, eines Berufsbildungswerkes, das von der Württemberger Königin Pauline gegründet wurde und sich auf Hörbehinderte spezialisiert hat. Ich hielt mein Referat und beantwortete viele Fragen zum Helfersyndrom, so gut ich konnte; es war ein anregender Tag. Dolmetscher für Gebärdensprache übersetzten Vortrag und Diskussion simultan.

Abends stieg ich, beschenkt mit zwei Flaschen Paulinentröpfchen vom hauseigenen Weinberg, in den Zug. Vor zwei Jahren hätte ich Winnenden vor der Einladung nicht gekannt, den Ort nachher gewiss auch bald wieder vergessen und mich nur noch an meine Gastgeber erinnert. Jetzt aber dachte ich darüber nach, ob es etwas wie eine traumatisierte Stadt geben kann. Denn in den Gesprächen am Rand der Tagung ging es immer wieder darum, was da geschehen war und wie man es verstehen könnte. Es ging um Bürger einer schwäbischen Kleinstadt, die keinen Krankenwagen sehen, kein Martinshorn hören können, ohne dass Panik an die Türen ihres Bewusstseins klopft.

Die Gebäude der Realschule stehen heute leer. Der Unterricht findet in Containern statt. Im Stadtrat werde diskutiert, was mit dem Haus geschehen solle, sagte mir ein leitender Mitarbeiter der Paulinenpflege, der die Familie des Täters kennt. Noch viele Jahre werden alle Menschen hier wissen, was sie an diesem Tag getan und gedacht haben, wo sie waren und wie das Entsetzen in ihr Erleben trat.

Die leer stehenden Gebäude in Winnenden wurden zum Symbol. Sie standen nicht nur für das traumatische Geschehen, sondern auch für die Hilflosigkeit der Politik, mit ihm umzugehen. Es ist, als ob sich Erinnerungszwang und Vergessenswunsch gegenseitig paralysieren. In der Folge wird dann gar nichts mehr entschieden. Die Verantwortlichen erstarren, halten still, als würde jede entschlossene Aktion die Schmerzen der Traumatisierten beleben. Alle scheinen an einen Kompromiss der Vermeidung zu glauben – während wir doch wissen, dass Vermeidung ein Trauma fixiert und ihm mehr Macht einräumt, als es haben sollte. Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Diesen Satz hat Thomas Mann als einzigen in dem Textgebirge des Zauberbergs hervorgehoben.

Fast möchte man sich zurückwünschen in eine abgehärtete Zeit, in der das Leben keinen Bogen um die Stätten des Todes macht. Wenn in einer Schule gemordet wird, gleicht das durchaus einem Ereignis, das wir aus der Geschichte kennen: der Schändung einer heiligen Stätte, beispielsweise durch einen Mord vor dem Altar.

Ein historisches Beispiel ist die Pazzi-Verschwörung in Florenz. Am 26. April 1478 sollten während der feierlichsten Momente eines Hochamtes die Brüder Giuliano und Lorenzo Medici von Verschwörern der rivalisierenden Pazzi-Familie erdolcht werden, von denen sich einige als Kleriker verkleidet hatten. Ein Bischof und im Hintergrund der Papst waren in die Mordpläne eingeweiht. Das Attentat gelang nur halb: Giuliano Medici verblutete vor dem Altar; Lorenzo konnte sich retten.

Die Florentiner haben ihren Dom damals nicht leer stehen lassen, nicht renoviert, nicht neu geweiht. Santa Maria del Fiore war durch das vergossene Blut geschändet, aber nicht unbrauchbar. Der Bischof ordnete einen Bußgottesdienst an; danach benutzte das Volk seine Kirche wieder.

Etwas von diesem Glauben in die Macht des Rituals wünscht sich auch der weltlich denkende Therapeut, der täglich mit den bösen Folgen menschlicher Ignoranz angesichts seelischer Verletzlichkeit zu tun hat. Es hilft nicht, die Stätte des Traumas zu meiden, zu glauben, dass ein Extrem moralischen Versagens durch Bauarbeiter getilgt werden kann. Denn dies scheint gegenwärtig die vorherrschende Praxis: Die traumatisierte Schule wird geschlossen, renoviert, umgebaut, als könnte man durch Mehrscheibenisolierglas, Wärmedämmung, Fussbodenheizung und blitzblanke Toiletten den Schrecken vertreiben.

Die »Generalsanierung Gutenberg-Gymnasium«, so das Baustellenschild vor der Schule in Erfurt, dauerte drei Jahre. Die zu DDR-Zeiten verschmälerten Flure wurden wieder breit, die Gymnasiasten haben jetzt neue Klassenzimmer, eine moderne Sporthalle und eine schöne Aula. Alles ist neu seit jenem 26. April 2002, als ein 19-jähriger ehemaliger Schüler 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss.

Ersetzen heute technische Maßnahmen den bewegenden Ritus? Oder geht es darum, die Notwendigkeit einer politischen Aktion zu verschleiern? Mir hat noch nie jemand plausibel machen können, weshalb Deutschlands Schützen großkalibrige Automatikwaffen haben müssen. Für den Sport sind sie nutzlos, aber sie entgrenzen die Gefahren der Kränkungswut. Sie sind ein Symbol für eine obsolete Form der Männlichkeit. Wenn es sie nicht gäbe, wären die sinnlos wütenden jungen Männer nicht aus der Welt. Aber sie könnten kein Blutbad mehr anrichten.

Die leere Schule bestätigt ebenso wie die aufpolierte, wie wenig die Entscheidungsträger zur Kenntnis nehmen wollen, was geschehen ist. Sie tun, als könnte eine Tragödie wegrenoviert werden, und vermeiden es, der nächsten durch entschlossenes Handeln vorzubeugen.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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