08.03.2010

Ein Leben in der Heimlichkeit

Angela Romero engagiert sich für Frauen ohne Papiere / Veranstaltung zum Frauentag im Nachbarschaftshaus Urbanstraße

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Angela Romero

ND: Es wird geschätzt, dass allein in Europa rund sechs Millionen Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus leben. Gibt es eine genaue Zahl für Berlin?
Romero: Das ist sehr schwer zu sagen. Da die sogenannten Illegalen nicht gemeldet sind, haben wir keinerlei statistische Erhebungen. Allerdings gibt es in Berlin viele Initiativen und Gruppen, die sich für papierlose Menschen einsetzen. Das spricht sich schnell herum, daher ist Berlin ein Anlaufpunkt für »Illegale«. Unser Verein »Papeles« betreut derzeit rund 25 Frauen.

Wie sieht die Hilfe aus?
Wir treffen uns jeden dritten Samstag im Monat in einer Wohnung. Insgesamt gibt es fünf Betreuerinnen. Vorrangig helfen wir bei der Finanzierung und Vermittlung von Wohnraum. Das ist eines der Hauptprobleme, mit denen Papierlose gerade am Anfang zu kämpfen haben. Weil sie keine Papiere haben, können sie sich nirgends anmelden. Auch die Kaution ist für die meisten nicht bezahlbar. Daher ziehen sie als Untermieter ein oder wohnen in anonymen Studentenheimen. Vor acht Jahren hatten wir acht Wohnungen in unserem Bestand, die wir den Frauen zur Verfügung gestellt haben. Heute sind es leider nur noch zwei.

Woran liegt das?
Es gab Nachbarn, die sich beschwert haben, dass in den Wohnungen viele Frauen ein und aus gehen. Denn die papierlosen Frauen haben wiederum andere aufgenommen oder Besuch empfangen. Das ist anscheinend bei den Nachbarn nicht gut angekommen. Das führte dazu, dass wir die Wohnungen aufgeben mussten, es war dort nicht mehr sicher.

Zum anderen finanzieren wir uns ausschließlich durch Spenden. Das Geld reicht also oft nicht aus. Ohne die Spenden zweier Frauen, die uns jeden Monat 500 Euro überweisen, könnten wir unsere ehrenamtliche Arbeit gar nicht ausführen. Ihnen gilt unser Dank.

Ihr Engagement gilt strafrechtlich als Beihilfe zur Illegalität.
Für mich ist es ein Verbrechen, wenn man jemanden umbringt, nicht wenn man Menschen hilft. Man darf nicht vergessen, dass alle Flüchtlinge ihre Heimat nicht verlassen würden, wenn nicht die finanzielle Not sie dazu treiben würde. Sie kommen hierher, um zu arbeiten, damit sie ihre Familien in ihrem Herkunftsland unterstützen können. Wenn sie in Europa ankommen, stoßen sie auf erhebliche Probleme und Behinderungen. Der Mythos Europa verliert dann schnell an Zauber, an seine Stelle tritt die harte Realität. Zum Glück gibt es Menschen, die sich durch die Gesetzgebung nicht einschüchtern lassen und Menschen in Not helfen.

Wir arbeiten eng mit anderen Organisationen zusammen, z. B. mit der Antirassistischen Initiative Berlin oder mit dem Büro für medizinische Flüchtlingshilfe. Oft wissen Frauen nicht, wo sie medizinische Hilfe bekommen können, denn sie haben Angst, gemeldet zu werden.

Wie sieht es mit den Kindern der papierlosen Frauen aus, können sie zur Schule?
Genau wie bei Ärzten, die »Illegale« behandeln, können auch Schulleiter wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt belangt werden. Hinzu kommt, dass die Kinder nicht unfallversichert sind und die Kitas und Schulen sie deswegen nicht aufnehmen. Wir kennen allerdings Kitas und Schulen, die uns unterstützen und darüber hinweg sehen.

Wie bestreiten die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Papierlose Frauen arbeiten vorwiegend in privaten Haushalten, etwa als Putzhilfe oder als Kinderbetreuerinnen. Im Gegensatz zu Beschäftigungen in der Öffentlichkeit ist die Gefahr vor Entdeckung und Razzien gering. Allerdings werden sie wegen ihres Status' auch schlechter bezahlt. Oft können die Frauen erst nach zwei Jahren anfangen, Geld an ihre Familien zu schicken. Dafür verzichten sie auf jeglichen »Luxus«. Sie gehen weder ins Kino oder ins Restaurant noch kaufen sie sich unnötige Sachen. Alles wird gespart. Wir kaufen von den Spendengeldern zwei Jahreskarten für den öffentlichen Verkehr, so können wir zumindest zwei Frauen die Fahrtkosten ersparen.

Wie erreichen Sie die Frauen?
Sie erreichen uns. Alles funktioniert über Mundpropaganda. Statuslose bleiben in der Regel unter sich und leben isoliert, daher hilft man sich gegenseitig. Die Veranstaltung heute im Nachbarschaftshaus Urbanstraße ist zwar nicht ausschließlich für Papierlose. Aber vielleicht erfährt dann die ein oder andere mehr über unser Engagement und kann dadurch auch helfen. Fragen: Nissrine Messaoudi

Spenden an: Netzwerk Selbsthilfe e. V., Stichwort: »Papeles!«, Konto: 302 98 02, Bank für Sozialwirtschaft AG, BLZ.: 10 020 500. Info: www.papierefueralle.de; Veranstaltung Nachbarschaftshaus Urbanstraße: »Ansichten-Einsichten: Vorbilder auch mal anders!«, heute 13-18 Uhr, Urbanstraße 21.

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