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Von Atlanta Athens 10.03.2010 / Außer Parlamentarisches

Immer Ärger mit dem Q-Wort

Eine Replik auf Kirsten Achteliks Beitrag »Viele Geschlechter«

Kirsten Achtelik hat in ihrem Artikel in der vergangenen Woche verschiedene Wirkungsfelder queeren Aktivismus aufgezeigt, die in engem Zusammenhang mit »Queertheorien« von Philosophinnen wie Judith Butler und anderen entstanden sind. Allein über diesen Zusammenhang lässt sich das Phänomen des queeren Aktivismus jedoch längst nicht eingrenzen.
Queer and Rebel: Plakat zu den Bauwagentagen, Berlin, Oktober 20
Queer and Rebel: Plakat zu den Bauwagentagen, Berlin, Oktober 2009

Das Wort »queer«, ein Import aus den USA, wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland von verschiedenen Interessensgruppen in Anspruch genommen. Unterm Strich lässt sich sagen, dass dabei ein Kampf um Bedeutungen geführt wird. Kirsten Achtelik hat das in ihrem Text bereits angedeutet.

Was aber ist queer und was macht queeren Aktivismus aus? Wer diese Frage stellt, wird äußerst unterschiedliche Antworten erhalten. Manche benutzen queer einfach als Synonym für schwul-lesbisch. Manch andere genügen sich mit dem Verweis auf eine bestimmte Form von Partys. Für wieder andere ist es vor allem der Protest gegen Geschlechternormen, wie ihn Achtelik beschrieben hat. Und dann ist da auch noch ein Verständnis von queerem Aktivismus, der sich dem Kampf gegen die gesellschaftlichen Normen in ihrer Breite widmet.

Dieses ist besonders unter linken Queer-AktivistInnen verbreitet. Da geht es neben Geschlechternormen etwa auch um Themen wie Rassismus oder Kapitalismus. Im Großen, aber auch im Kleinen, sprich: innerhalb der eigenen Zusammenhänge.

Linke Queer-AktivistInnen grenzen sich gleichzeitig aber auch von einer als zu »Mainstream« empfundenen schwul-lesbischen Szene ab. Der wird vorgeworfen, sich heute zu sehr auf den Errungenschaften der modernen LSBT-Bewegung – das Kürzel steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender – auszuruhen. Der Rückzug ins gemütliche Szeneviertel und das Streben nach dem nur ganz persönlichen Glück wird als zu wenig empfunden.

Diese Queer-AktivistInnen beziehen sich eher auf die Tradition der Kämpfe der modernen LSBT-Bewegung. Als deren Geburtsstunde gilt der Aufstand von Stonewall. Dabei lieferten sich Schwule, Lesben und Transgender 1969 in New York mehrtägige Straßenkämpfe mit der Polizei, um gegen die ständigen Schikanen und Gewalt von Seiten der »Sicherheitskräfte« zu protestierten.

Die neue Bewegung jedoch geriet in den 1980er Jahren, als plötzlich Aids auf den Plan trat, in eine schwere Legitimitätskrise. Der wenigen Anerkennung, die bis dato für die eigene Lebensweise errungen werden konnte, wurde mit dem verbreiteten Bild von den Schwulen, die durch ihre als »pervers« geltenden sexuellen Praktiken den tödlichen Virus übertragen, ein jähes Ende gesetzt.

In dieser gesellschaftlichen Atmosphäre formierten sich Gruppen wie ACT UP oder Queer Nation, die sich gegen die grassierende Homophobie wandten. Stattdessen wurde Respekt für Menschen eingefordert, die mit Aids leben, und deutlich gemacht, dass man sich nicht »zurück in den Schrank« sperren lassen würde.

Queer wurde hier als Begriff neu angeeignet. Gegen die feindlich gesinnte Hetero-Mehrheitsgesellschaft wappneten sich so Aids-AktivistInnen, indem sie das Schimpfwort in positive Selbstzuschreibung »drehten«. Queeren Aktivismus gab es also schon vor den butlerschen Theorien vom sozial konstruierten Geschlecht.

Weil jede Bewegung aber an ihre regionalen Gegebenheiten gebunden ist, bleibt der Begriff queer in Deutschland problematisch. Er ist eben nicht aus eigenen Kämpfen geboren, sondern bleibt ein sprachliches Importprodukt. Darin liegen gleichzeitig seine Schwäche und Stärke. Für eine feste Definition taugt er eigentlich nicht. Dafür lässt er sich aber mit eigenen Bedeutungen auffüllen und ist nicht starr. Wer oder was queer ist oder sein sollte, darüber werden die Auseinandersetzungen daher weitergehen.

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