Was an der Küste die Werften sein mögen und anderswo die Automobilindustrie, ist in Nordhessen und dem westlichen Thüringen das Salz. 5700 Menschen arbeiten in der Kali-Industrie, die im Wesentlichen aus dem Kasseler Konzern K+S (Kali und Salze) besteht. Das ist viel in einer Gegend, die mit guten Arbeitsplätzen nicht gerade gesegnet ist.
Dass diese Arbeitsplätze ein starkes Argument sind, musste auch der Runde Tisch zur Kenntnis nehmen, der seit etwa zwei Jahren über die Salzabwasser-Problematik um den Konzern berät und Anfang der Woche seine »Empfehlung« abgab. Vor dem Versammlungsraum demonstrierten zahlreiche Kali-Beschäftigte aus der Region: Die Arbeitsplätze bei K+S dürften unter keinen Umständen gefährdet werden.
Am Runden Tisch »Werra« geht es um fundamentale Umweltbelastungen. Derzeit entstehen durch den Kaliabbau pro Jahr rund 14 Millionen Kubikmeter Salzlauge als Abwasser, die entsorgt werden müssen. Bisher wird die Hälfte davon direkt in die Werra gepumpt, die andere Hälfte mit Hochdruck in den Boden gepresst. Damit soll bis spätestens 2020 Schluss sein, fordert der Runde Tisch, dem Vertreter aus Kommunen, Verbänden und Politik aus fünf Bundesländern angehören, mit einer Mehrheit von 20 zu drei Stimmen: Die Lauge soll künftig direkt in die Nordsee geleitet werden, statt über die Werra und die Weser über hunderte Kilometer bis an die See zu fließen (ND berichtete).
Doch nun schert das Land Niedersachsen aus: Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) erklärte, er halte die Pipeline für »völlig unrealistisch« – und äußerte die Sorge, eine Kali-Einleitung werde statt der beiden Flüsse das vielfach geschützte Wattenmeer verschmutzen. Sander forderte K+S auf, stattdessen mehr für die Schadstoffvermeidung vor Ort zu tun. Er sei sich sicher, dass »gemessen an den geschätzten Kosten einer Pipeline von 500 Millionen Euro eine weitgehende Reduzierung der Belastung an der Quelle machbar ist«. Die Baukosten müsste das Unternehmen hauptsächlich selbst tragen.
Das CDU/SPD-regierte Thüringen und das schwarz-gelbe Hessen befürworten im Gegensatz zum schwarz-gelben Niedersachsen den Bau einer Pipeline – auch nach dem skeptischen Votum von Hans-Heinrich Sander. Hessens Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) etwa glaubt, das letzte Wort sei noch nicht gefallen – »ungeachtet der derzeit skeptischen Haltung Niedersachsens und von K+S«. Das Thema bleibe auf der Tagesordnung.
K+S gehört mit seinen zahlreichen Standorten in Europa sowie Nord- und Südamerika zu den weltweit führenden Kaliherstellern. Für den wichtigen Standort in Mitteldeutschland ist das Unternehmen auch bereit, Kosten zu tragen: Auf etwa 360 Millionen Euro belaufen sich die Investitionen, die K+S in den nächsten Jahren tätigen will – auch für besseren Umweltschutz. Bis 2015 soll so die Salzlast in der Werra halbiert werden.
Dem Pipeline-Vorhaben gegenüber zeigt sich K+S derzeit skeptisch. Eine Totalverweigerung aber scheint es nicht zu geben: Schon vergangenen Oktober hatte ein K+S-Standortmanager die Fernleitung als Option beschrieben – so sie denn ökologisch sinnvoll sei und alle Beteiligten sie wollten.
Dem ist nun nicht so, und so dürfte die Diskussion um das laugige Abwasser noch eine Weile weitergehen. Dass eine Lösung gefunden werden muss, ist indes unvermeidlich. Sollte über das beschlossene 360-Millionen-Programm bis 2015 hinaus keine Perspektive aufgezeigt werden, die Salzbelastung im Fluss deutlich zu senken, würde wohl bereits 2011 keine erneute Genehmigung mehr erteilt, die zweite Hälfte des Abwassers tief in den Boden zu pressen. So warnte zumindest Hessens DGB-Chef Stefan Körzell vor zwei Wochen beim Neujahrsempfang der hessischen Afa-Gruppe der SPD.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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