In fröhlichem Gedenken an Otto Häuser, den Ziehvater des Ottokar Domma«, lautet die Widmung. Und die Illustrationen stammen von Hans-Eberhard Ernst, der auch einige Streiche des »braven Schülers« ins Bild setzte. Auf ein bekanntes Muster stellt man sich beim Lesen ein: Ein Mädchen namens Pino Pächfogel, das eigentlich Franziska heißt – jung genug, um noch etwas naiv zu sein, alt genug, um schon etwas durchzublicken –, kommentiert auf belustigende Weise Erlebnisse in Schule und Familie. Allerdings kommen die »Streiche« hier weniger von den Kindern, als von den Erwachsenen, die dermaßen mit sich selbst zu tun haben, dass ihnen für anderes kaum Kraft mehr bleibt. Nein, das ist kein »Ottokar«-Verschnitt, das ist eine ganz andere Geschichte.
Der Titel »Wie Opa und ich die deutsche Einheit feierten« mag von manchem zunächst ironisch verstanden werden, ist aber nicht so gemeint. Gefeiert wird am Schluss wirklich, und Pino hat Anteil daran, dass alles so gut ausgeht: Weil sie nicht nur Oma, Mama, Papa und Schwester Suse liebt, sondern auch Opa, auf den die anderen schimpfen. Denn Opa hat eines Tages einfach seine Reisetasche gepackt, ist mittels »Rentnerpass« zu seiner Tochter nach Rüsselsheim gefahren – und teilte nach einiger Zeit per Ansichtskarte mit, er gedächte auch dort zu bleiben. Hat seine Frau und seinen Sohn, seine Schwiegertochter, seine Enkel sitzen lassen, einfach so. Hat eigentlich vorweggenommen, was später Usus wurde: dass jeder zuerst an seine Lebenswünsche dachte und danach kam lange, lange nichts.
Anders erzählt, hätte es ein Buch über den Zerfall einer Familie werden können, über verlorene Gewissheiten, aufgegebenen Zusammenhalt. Aber Katrin Pieper gelingt es auf erstaunliche Weise, daraus eine Geschichte zu formen, die vergnüglich ist und Mut macht. Und das liegt wiederum an Pino, die weniger über Vergangenes und Künftiges nachdenkt als darüber, wie mit einem momentanen Problem umzugehen ist. Kein neunmalkluges Kind, sondern eines mit schlechten Noten, aber mit einem Gespür dafür, was gut und richtig ist. Mit genügend Abstand zu den Erwachsenen, um nicht unter ihren plötzlichen Eskapaden zu leiden und doch mit so viel Liebe zu ihnen, dass sie von dieser Liebe angesteckt werden. So einen pathetischen Gedanken darf man sich ruhig gestatten, auch wenn es im Buch ganz ohne große Worte und Grübelei abgeht. Auch wenn es vor allem heiter sein soll, es ist ein Lehrstück über den Wert menschlicher Bindungen, über Verständnis und Großzügigkeit.
Mauerfall in Berlin und Opa weiter in Rüsselsheim. Die verlassene Oma färbt sich aus Trotz die Haare blau und gründet mit anderen Rentnern einen »Vitalclub«. Zuerst verliert Mama ihre Arbeit, dann Papa, Schwester Suse will mit ihrem Freund »Elvis« für ein Jahr nach England. »Ich denke manchmal, dass die neue deutsche Einheit unser Familienleben ganz schön durcheinandergebracht hat, jedenfalls ist ziemlich viel Bewegung in den Laden gekommen, das ist bei den meisten Familien, die ich kenne, der Fall«, stellt Pino fest. Und der Leser, dem solcherlei Turbulenzen nicht fremd sind, wird sein Vergnügen haben an genau beobachteten Details, wird sich vielleicht ein wenig ins Schwankende einüben und irgendwie getröstet ins Offene schauen. »Wenn man uns so sah, hätte man denken können – alles ist wieder beim alten«, denkt Pino als sie am Schluss mit ihrem Opa und der ganzen Familie zusammensitzt. »Aber das wird’s wohl nicht mehr werden, dafür anders – mal sehen wie.«
Katrin Pieper: Wie Opa und ich die deutsche Einheit feierten. Illustrationen Hans-Eberhard Ernst. Individuell Verlag. 164 S., brosch., 9,80 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Das Bündnis Geist und Natur Neuer MEGA-Band erschienen - Was Marx bei Geologen suchte
Preis: 17,99 €
Preis: 60,00 €
Werbung:
Werbung: