Die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet traf sich Ende vergangener Woche in »La Moneda« mit ihrem konservativen Amtsnachfolger Sebastian Piñera, um den Umgang mit den Folgen der Naturkatastrophe zu besprechen. Unter anderen Bedingungen hätte das Treffen wohl mehr Medieninteresse auf sich gezogen. Immerhin liegt der heftig geführte Wahlkampf zwischen den Lagern Bachelets und Piñeras noch nicht weit zurück. Am 17. Januar erst hatte sich Piñera mit einem dünnen Vorsprung von drei Prozentpunkten gegen Eduardo Frei, den Kandidaten des Mitte-Links-Bündnisses Concertación, durchgesetzt. Damit kehrt die chilenische Rechte in den Präsidentenpalast zurück – zwei Jahrzehnte nachdem die Concertación, eine Koalition von Sozial- und Christdemokraten, die Diktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) abgelöst hatte.
Im Wahlkampf hatten sich beide Seiten harte Auseinandersetzungen geliefert, und es bedurfte keiner besonderen Fantasie, die Fortsetzung der Konflikte zwischen dem neuen Präsidenten und einer starken Opposition vorauszusagen.
Doch 40 Tage nach dem Sieg des Konservativen wurde Chile von einem der schwersten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Nicht nur dass sich die Stadt Concepción nahe dem Epizentrum 3,04 Meter nach Südwesten verschob und Santiago de Chile 27 Zentimeter in dieselbe Richtung rückte. Auch die politischen Verhältnisse gerieten ins Wanken. Die Zahl der Toten wird derzeit offiziell auf 497 beziffert, die Regierung schätzt die Schäden an der Infrastruktur auf 4,8 Milliarden Dollar. Das ganze Ausmaß der Zerstörungen ist indes noch gar nicht erfasst. In der ersten Phase nach der Katastrophe beschränkt sich die von der Regierung erbetene internationale Hilfe auf das Nötigste: den Wiederaufbau der Telekommunikation, die Errichtung von Feldhospitälern und andere medizinische Hilfsmaßnahmen.
Vor diesem Hintergrund gewann die Erklärung Michelle Bachelets gesteigerte Bedeutung: Die politischen Differenzen zwischen den Lagern, erklärte sie, spielten nun »eine zweit-, dritt- oder viertrangige Rolle«. Es gehe in erster Linie darum, die Folgen des Erdbebens zu bewältigen. Die Staatschefin versicherte, »dass der staatliche Beistand für die am stärksten betroffenen Regionen weiterhin gesichert ist«. Mit Piñera sei sie übereingekommen, dass die Regierungsübergabe so unkompliziert wie möglich geregelt wird. »Meine Regierung wird ihre Verantwortung bis zum letzten Tag wahrnehmen«, erklärte Bachelet, »sie wird aber auch alles Denkbare unternehmen, um die Regierungsübernahme durch die neue Führung so reibungslos wie möglich zu organisieren, denn für Chile ist dies die Stunde der Einheit und der Solidarität.« Bachelet scheidet trotz großer Popularität aus dem Amt, da sie laut Verfassung kein zweites Mal in Folge kandidieren durfte.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Westerwelle übergab in Chile Hilfsgüter 880 Millionen Euro für Wiederaufbau nötig
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