Zum Schichtwechsel schieben sich keine Scharen mehr durch die Drehkreuze an den Werkstoren. Das liegt nicht an der Gleitzeit der Beschäftigten, sondern an der Kurzarbeit. »14 Monate dauert die schon an«, sagt Ute Hass, Betriebsratsvorsitzende bei Daimler in Berlin. 1600 Arbeiter arbeiten in dem Werk weniger als normal. In Marienfelde lahmt vor allem die Produktion der V8-Zylinder- und V12-Zylinder-Motoren. Der Absatz für Luxusautos ist eingebrochen.
Das verunsichert die Belegschaft. »Wir hatten vor drei Jahren noch 3200 Beschäftigte«, berichtet Mustafa Efe, Produktionsarbeiter und ebenfalls im Betriebsrat. »Jetzt sind es nur noch 2800.« Der Gewerkschafter rechnet noch mit weiteren Entlassungen. Es rumort bei Daimler an der Gewerkschaftsbasis. Als vor drei Jahren ein neues Entgelt-Rahmen-Abkommen (ERA) eingeführt wurde, das die Tätigkeiten neu bewertet, sahen kritische Gewerkschafter darin eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Sie demonstrierten dagegen, monatelang. Vergeblich.
Dennoch hinterließ ihr Protest Spuren, denn die Aktivisten schlossen sich zu einer Gruppe zusammen, die sich »Alternative« nennt. Am 15. und 16. März sind Betriebsratswahlen, und die linken Gewerkschafter treten auf einer eigenen Liste an. Ein Novum in Marienfelde. Zwei weitere Gruppen zogen nach – auch die christlichen Metaller der CGM und Freie Betriebsräte stellen sich zur Wahl. »Werke in Baden-Württemberg haben uns um die Einheitlichkeit beneidet«, meint Ute Hass. In Sindelfingen und Untertürkheim gibt es schon länger eine Listenwahl und Fraktionen im Betriebsrat. Die »Alternative« treibe einen Keil in die Gewerkschaft und erschwere eine Meinungsbildung im Betriebsrat, erläutert Hass. Das wiederum richte sich zwangsläufig gegen die Interessen der Belegschaft.
Das sieht Mustafa Efe anders. Seit zehn Jahren gehöre er dem Betriebsrat an und habe miterlebt, wie die IG Metall Schmusekurs fahre und den Unternehmern mehr und mehr Zugeständnisse mache. Er hält eine kämpferische Linie dagegen und will die Kürzungen nicht mehr länger tatenlos hinnehmen. Arbeit sei ein menschliches Grundbedürfnis, deshalb will er den sozialpartnerschaftlichen Kurs der IG Metall verlassen. Die jüngsten Einschnitte wertet er als »Angriffe des Kapitals«.
Wenn der 44-Jährige solche Sätze am späten Nachmittag im Café Kotti in der Adalbertstraße sagt, dann scheint das Werk in Marienfelde weit weg zu sein. Das rote Poloshirt der IG-Metall trägt der Gewerkschafter stolz wie ein Fußballtrikot. Gelernt hat Mustafa Efe bei Siemens, seit neunzehneinhalb Jahren arbeitet er bei Daimler. Die Betriebsratswahl ist ihm wichtiger als eine Bundestagswahl – weil die Arbeiter die Produktionsmittel in der Hand hätten. Efe steht für den Klassenkampf.
Ute Hass sitzt in ihrem Schreibtisch im Bau 76 auf dem Daimler-Werksgelände und wirkt zufrieden, wenn sie über den frischen Tarifabschluss redet. Vor zwei Wochen am 18. Februar haben in Nordrhein-Westfalen die IG Metall und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall 2,7 Prozent mehr Lohn ausgehandelt, zudem konnte die Beschäftigung für das kommende Jahr gesichert werden. Baden-Württemberg hat den Abschluss bereits übernommen, und »Berlin wird folgen«, versichert sie.
Der Vorwurf seitens der Opposition, dass die IG Metall nicht mehr kämpferisch sei, lastet schwer. Das wäre das Ende einer Gewerkschaft, meint Ute Hass. »Aber wenn ich mir die gelben Blätter anschaue, dann kann ich darin auch keine Lösungen sehen.« Sie meint damit die Handzettel der »Alternative« mit Forderungen wie »Krankenrückkehrgespräche beenden« oder »Arbeitsbedingungen wie in Bau 70 nicht hinnehmen!« Sie fordert längere Takte in der Fertigung und jede Stunde fünf Minuten Pause. Damit zieht die Liste in den Wahlkampf.
Für Ute Hass gilt das Augenmerk den kurzarbeitenden Kollegen: »Wir müssen neue Beschäftigung nach Berlin holen.« Doch Daimler krebst in der Krise. Noch immer, auch wenn Mercedes-Benz zuletzt wieder mehr Autos absetzen konnte. Im Januar gab es ein Absatzplus von 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Neue Produktionen für das Werk in Marienfelde haben sich daraus aber noch nicht ergeben. Die »Alternative« steht dem ohnmächtig gegenüber. Mit zwei Vertretern ist ihre Gruppe derzeit im Betriebsrat vertreten – zwei Stimmen von 23. An der Betriebsratschefin kritisiert die Opposition, dass sie der Belegschaft wichtige Informationen aus den Gesprächen mit den Unternehmervertretern vorenthielte. Sie bemängeln fehlende Transparenz.
An der Basis müsse man halt viel diskutieren, findet Efe. Das gehört zu seinem Demokratieverständnis. Er widerspricht vehement, dass ausgerechnet die »Alternative« es sein solle, die den Gewerkschaftsfrieden zerstöre. Obwohl er sich mit der IG Metall noch immer verbunden fühlt, hat er angefangen, ihrer Bürokratie zu misstrauen. Efe sagt das unbestimmt, begründet es mit Privilegien innerhalb des Gewerkschaftsapparates, wogegen es eine Opposition an der Basis schwer habe, gehört zu werden. Bei einer Listenwahl gehe es um Themen, und nicht um die Personen, hofft Efe.
Dass sich bislang nur die Etablierten durchsetzen konnten, hält Ute Hass für unbegründet. Nach jeder Wahl hätten sie etliche neue Leute im Betriebsrat gehabt. Das sei nie ein Problem gewesen. Nun sieht die Betriebsratschefin jedoch harte Arbeit auf sich zukommen: Die Fraktionen werden sich künftig getrennt beraten.
Aber gerade in den Verhandlungen mit den Unternehmern müsse der Betriebsrat handlungsfähig sein, meint sie. Dann gelte es nämlich, schnell zu entscheiden – ob weiter verhandelt oder demonstriert werden soll. »Wir können auch mit den Säbeln rasseln und die Belegschaft vors Tor holen, jederzeit«, sagt Ute Hass. Wenn linksradikale Heißsporne jedoch dauernd den Ausnahmezustand proben, wäre das einfach schlechte Gewerkschaftsarbeit. Dann nutze sich der Protest ab. Die Verhandlungen würden damit vor die Wand gefahren, der Einfluss der IG Metall auf das Unternehmen würde darunter leiden.
Ute Hass malt ein Szenario aus. Sie kann sich beim besten Willen einfach nicht vorstellen, wie ein revolutionäres Gehabe in reale Gewerkschaftspolitik münden könne.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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