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Foto: ND/Burkhard Lange
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VORDENKER. So heißt das Buch, das der Karl Dietz Verlag Berlin herausgegeben hat – eine Anthologie zum heutigen 60. Geburtstag von ANDRÉ BRIE. Der Band (143 S., brosch.) enthält Beiträge u.a. von Peter Brandt, Daniel Cohn-Bendit, Horst Klinkmann, Bernd Rump, Friedrich Schorlemmer, Karsten D. Voigt. Die Texte nehmen das persönliche Jubiläum des Europa-Politikers der LINKEN zum Anlass für übergreifende Gedanken übers – Denken.
ND veröffentlicht die Vorbemerkungen des Herausgebers THOMAS FLIERL.
Der Titel und der Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches im aktuellen parteipolitischen Kontext mögen provozierend wirken. Die Partei, die André Brie seit 1989/90 so viel zu verdanken hat – als konzeptioneller und damit notwendig streitbarer Stratege des Bruchs mit der stalinistischen Vergangenheit der eigenen Vorgängerpartei, als drängender Erneuerer einer demokratisch-sozialistischen Linken, als erfolgreicher Bundeswahlkampfleiter der PDS, zuletzt als geachteter Europaabgeordneter – hat ihm 2009 ein erneutes Mandat als Europarlamentarier versagt. Die Partei, die sich pragmatisch erst ganz Oskar Lafontaine anvertraute, und sich nun, nach dessen unerwartetem Rückzug, eine neue, wohl ausbalancierte, doppelquotierte Doppelspitze geben wird, benötigt keine »Vordenker«, liest man auch in diesem Buch – »Vorturner« ja, »Vordenker« nein. Der brüske Umgang Gregor Gysis mit Dietmar Bartsch, der dem gemeinsamen Parteiprojekt im Wege gestanden haben soll, belegt: Die Solidarität der Kerngruppe der alten PDS (des legendären »Hungerstreikkomitees«) ist dahin. Anfragen, Texte beizugeben, wurden – mit einer Ausnahme – unter Hinweis auf die labile aktuelle Situation vorm Rostocker Parteitag abgesagt.
Die alte PDS ist Geschichte, und das ist gut so, denn nun kann und muss sich die demokratisch-sozialistische Linke bundesweit und gesamteuropäisch etablieren. Auch bereitet sich ein Generationswechsel in den maßgeblichen Gremien der Partei DIE LINKE vor, es gewinnen die Frauen mehr Einfluss, es sind die kulturellen und politischen Differenzen in der Partei nicht mehr automatisch nach ihrer Herkunft in Ost oder West zu ordnen.
Bei all diesen tatsächlichen Erfolgen hat die neue Linke aber noch nicht die Gretchenfrage beantwortet, wie sie es zukünftig mit den (und speziell mit ihren, oder zumindest den ihnen nahestehenden) Intellektuellen halten möchte.
Man kann ja durchaus der Auffassung sein, dass der politische Erfolg der PDS in den 90er Jahren wesentlich damit zusammenhing, dass wichtige Repräsentanten diesen charakteristischen intellektuellen Anspruch verkörperten – mit dem gescheiterten Staatssozialismus radikal zu brechen und sich dennoch nicht den herrschenden Verhältnissen zu unterwerfen, aufrecht zur eigenen Biografie mit ihren Brüchen zu stehen und dennoch sich dem Neuen, Unbekannten zuzuwenden, sich den gesellschaftstheoretischen Grundfragen zu stellen und dennoch Politik für den Alltag zu machen. Was hieße dies eigentlich für die zukünftige Entwicklung der Linken?
Das mediengeprägte Bild vom PDS-»Vordenker« Brie benötigt offenbar eine Entzifferung. Es scheidet die Geister vor allem in der eigenen Partei. Karsten Voigt (SPD) erklärt »Vordenken« so: »Wer Vordenker sein will, muss zuerst einmal nachdenklich sein können. Vordenken ist nämlich nichts weiter als eine auf die Zukunft ausgerichtete Form des Nachdenkens. Vordenken verursacht Dissonanzen mit dem Denken in hergebrachten Kategorien. Ob diese Dissonanzen kognitiv genutzt werden, hängt von der Bereitschaft zum Umdenken ab. Diese Bereitschaft ist in Parteien erfahrungsgemäß dann gering, wenn als Prinzipientreue gepriesen wird, was als Lernunfähigkeit angesichts politischer Veränderungen zu kritisieren wäre.«
Erstaunlich, dass der Linken immer noch der/die »Intellektuelle« ein Fremdwort ist: »Das deutsch-englische Internetwörterbuch empfahl: mentor, mastermind, experimenter, thought leader, forward thinker. Das deutsch-französische Internetwörterbuch kennt keine Vordenker. Prophet, fiel meinen Kollegen nach meinen wortreichen Erklärungen ein, Philosoph – aber all diese Beschreibungen passen wohl nicht zu dem Menschen, der hier gemeint ist. Ist ein Vordenker also ein deutsches Phänomen?« (Katrin Schüttpelz: Anleitung zum Umgang mit einem Vordenker.) Die politische Linke, speziell in Deutschland, muss einen positiven Begriff des Intellektuellen erst noch gewinnen.
Dem gelehrten Dünkel allerdings gilt jedes Vordenken als Häresie, als Anmaßung eines neuen Einheitsdenkens: lieber orthodox Nach-Denken als riskant Vor-Denken. Zu sehr wirkt hier die intime Kenntnis des gebrochenen Partei intellektuellen nach, feiert der abstrakte Pluralismus seinen resignativen Sieg über den klaren Gedanken.
Wie ist Intellektualität in der Politik, wie ist sie für linke Politik möglich? Wie kaum ein anderer kennt André Brie dieses Spannungsverhältnis, die wenigen glücklichen Momente einer Resonanz und die vielen bizarren Momente des Auseinanderklaffens – das Einverständnis und das Unverständnis mit den anderen und mit sich selbst dabei.
War die geistige und politische Erneuerung der PDS in den 90er Jahren an eine bestimmte Denk- und Habitusform geknüpft, so leidet die Erneuerung der politischen Linken in Deutschland vor allem an ihrem Pragmatismus, bei dem die Spannung zwischen Vision und Alltag verlorengegangen ist. Diese Erneuerung habe, so Tilman Fichter, »nur dann eine Chance, wenn SPD, Linkspartei und Grüne, aber auch die Gewerkschaften sowie das Gros der parteiunabhängigen Linksintellektuellen diesen pragmatischen Politikstil selbstkritisch hinterfragen und überwinden.«
Auch Dieter Klein stellt genau dies in den Mittelpunkt seines Beitrages im Buch. Gerade »in der Situation der Krise verschwand die Dimension einer realitätsnahen Vision aus dem linken Diskurs. Der Ort Nirgendwo wurde nicht in die Auseinandersetzung mit der irrationalen Welt der Finanzmärkte und mit den noch weit größeren Bedrohungen durch die Destabilisierung des Klimas und der Biodiversität hineingeholt.«
»Wenn einzelne linke Projekte den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur noch entsprechen, wenn sie miteinander durch den Einstieg in eine Große Transformation zu einer gerechten solidarischen Gesellschaft sozialökologischer Nachhaltigkeit verbunden sind? Wenn linke Programmatik und Politik realitätsnahe Visionen und machbare Alltagspolitik zu radikaler Realpolitik zusammenführen müssen? Wenn dies auch den Abschied von vielen gewohnten linken Denkmustern einschließt? Dann bedarf die Linke dringlich widerspruchsbereiter Geister vom Typ des André Brie. Dann braucht die Linke jene, die jenseits von bloßer Reform und ferner Revolution auf beider Verbindung als emanzipatorische Transformation bestehen ... André Brie stürzt sich stets reichlich in die Widersprüche der Gesellschaft und der eigenen Partei hinein. Er sieht sich nach eigener wissenschaftlicher und politischer Ansicht dazu verpflichtet – passend zu seinem streitbaren Charakter. Er bedient sich dabei (fast) immer der Kultur des Argumentierens – und wurde nicht immer mit einer Kultur der Toleranz belohnt, oft mit dem Gegenteil. Solche Reaktion auf das Wort ihrer kritischen Köpfe kann sich eine linke Partei nicht mehr leisten. Sie konnte es nie, aber heute schon gar nicht.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 9,90 €
Preis: 3,50 €
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