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Von Jan Eik 17.03.2010 / Feuilleton
Beilage zur Leipziger Buchmesse

Der erfundene Feind

DETLEV CRUSIUS: Ein Thriller aus eigenem Erleben

Das ist weniger ein Roman als ein nüchterner Bericht – was der Rezensent eher als Lob denn als Tadel meint. Hier wird nichts beschönigt oder mit banaler Philosophie aufgeschwemmt, der Verfasser nennt Tatsachen, und die lesen sich in seiner schnörkel-, mitunter auch anspruchslosen Prosa abenteuerlich genug. »Absturz« ist ein Thriller höchst eigenwilliger Art, in dem kaum mehr als die Wahrheit steht, öfter etwas weniger.

Detlev Crusius (alias René Clausen im Buch), Jahrgang 1942, im Westen aufgewachsen, hat nach 1989 als EDV-Experte sein Glück als selbst ernannter Unternehmer in Ost und West gesucht. Wie im Internet und in den Drucksachen des Bundestags nachzulesen ist, haben er und einige Mittäter Anfang der 90er Jahre die elektronische Steuerung für eine unterirdische Giftgasfabrik beschafft und – trotz Embargo – über Belgien nach Libyen exportiert. Ein von Anfang an dubioses Geschäft, in das die Firma Siemens und die Geheimdienste etlicher Länder involviert waren.

Obwohl es für die Beteiligung des BND laut Bundestagspapier »keine tatsächlichen Aspekte« gab, ermöglichte die Mitwisserschaft »der Dienste«, dass die Beteiligten – darunter pinkanterweise ein Zürcher Rechtsanwalt namens Josef Ackermann – neben unbekannt und ungenannt bleibend hohen Gewinnen mit relativ niedrigen Haftstrafen davon kamen.

Verwoben mit seinen Erlebnissen in Libyen und Syrien ist Crusius' Gefängnistagebuch. Die Verhältnisse in den JVA (ehemalige DDR-Häftlinge werden sie als nahezu idyllisch empfinden) und der Kuhhandel mit der ach so unabhängigen bundesdeutschen Justiz nehmen in Crusius' Buch breiteren Raum ein als viele Details des riskanten libyschen Deals. Dabei ging es offensichtlich nur um eins: Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde ein ernstzunehmender Gegner benötigt. Libyen, an Ölgewinnen reich, wollte (und will? und soll!) als höchst gefährlich gelten – wobei im Hintergrund dafür gesorgt war, dass die gelieferten Anlagenteile niemals funktionieren. Worauf die Libyer entsprechend reagierten. Ein zusätzliches Risiko, das Regierungen, Geheimdienste und skrupellose Geschäftemacher in und aus aller Welt kaum abschreckt. Dazu ist der legale, viel mehr noch der illegale Handel mit Kriegsgerät und Zubehör zu lukrativ.

Offenherzig liefert der Insider Crusius alarmierende Beispiele für das, was unter der so harmlos klingenden Marke globaler Handel möglich ist. Im Internet kann man unter www.detlev-crusius.com mehr darüber nachlesen.

Dass Crusius sich als Autor gelegentlich in den Zeitformen verheddert, die Nebenfiguren blass bleiben und der eine oder andere Satz überflüssig ist, mag man verzeihen. Den Wert seiner brisanten Aufzeichnungen, von denen trotz der kargen Sprache eine eigenartige Sogwirkung ausgeht, mindern die Einwände nicht.

Detlev Crusius: Absturz. Ein autobiografischer Roman. Dittrich Verlag. 352 S., geb., 19,80 €

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