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Von Caroline M. Buck 18.03.2010 / Kino & Film

Karrieren

Das ganze Leben liegt vor Dir von P. Virzì

Das Ende vom Studium sah aus wie ein hoffnungsvoller Anfang. Summa cum laude, mit höchstem Lob, der Abschluss sollte sich sehen lassen. Auch wenn das Studienfach Philosophie war und damit nicht eben marktgängig, auch wenn das Durchschnittsalter der weißhaarigen Prüfer wenig Hoffnung macht auf eine rege Nachfrage nach akademischen Nachwuchskräften an Roms philosophischen Fakultäten.

Für Marta (Isabella Ragonese) wird die erste Lektion ihrer Arbeitssuche trotzdem die sein, dass man leichter Karriere macht, wenn man das Studium nicht bis zum Abschluss durchhielt, sondern irgendwo quer einstieg – alle Bewerbungen bleiben vergeblich. Schließlich ist sie froh, einen Job als Babysitterin zu bekommen, ein Zimmerchen zum Wohnen inklusive. Und weil das natürlich nicht reicht zum Leben, arbeitet sie bald umschichtig mit ihrer neuen Vermieterin im Call Center eines amerikanischen Haushaltsgeräteherstellers.

Angekommen im Prekariat, findet Marta das Interesse ihrer jungen, weiblichen, deutlich weniger gebildeten Kolleginnen an Reality TV-Shows wie »Big Brother« zunächst ganz possierlich, den täglichen Klatsch über die verehrte Claudia (Sabrina Ferilli), Schichtleiterin und Sklaventreiberin mit Zuckerbrot und Peitsche, und ihr Verhältnis zu – oder doch mit? – dem hauseigenen Guru Claudio (Massimo Ghini), Leiter der italienischen Firmenzentrale. Einer Firma mit betrügerischer Absicht, wie sich bald herausstellt, streng hierarchisch organisiert, mit kollektiven Motivationsgesängen zu Schichtbeginn für die weiblichen Akquirenten am Telefon und archaischen Veitstänzen zum Aufputschen für die – durchweg männlichen – Vertreter im Außendienst, sowie vielen dunkel gekleideten Sicherheitskräften.

Der Gewerkschafter Giorgio (Valerio Mastandrea), der schließlich die kathartische Entladung auslöst, hat mit der Anwerbung der Firmenbelegschaft wenig Glück, weil die meisten Zeitarbeiter ihren Job als Zukunftschance ernstnehmen. Am Ende bekommt aber nur Marta die Chance auf mehr, schon weil Regisseur Paolo Virzì aus einem Buch der sardischen Bloggerin Michela Murgia schöpfte, die darin eigene Erfahrungen verarbeitet.

Weil Marta die einzige ist, die die Schriften Heideggers in Verbindung setzen kann zu den gruppendynamischen Strickmustern von Callcentern und Reality TV – oder die auf die Idee käme, der Tochter ihrer Wohnungsgenossin Platons Höhlengleichnis als Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen –, hat sie auch als Einzige den Verstand, die finale Befreiung aus der Prekariatsmühle nicht nur zur Pizza-Party im nächsten Einkaufszentrum zu nutzen, sondern als Karriereschritt – in ihrer eigentlichen Berufung, der Philosophie.

Alle arbeitslosen Nicht-Akademiker werden sich wohl mit »Big Brother« trösten müssen. Auf die Solidarität des Regisseurs können sie jedenfalls nicht hoffen. Der pflegt nur so lange einen attraktiven Mustermix aus musical-inspiriert naivem Optimismus und der Entlarvung gut verborgener Schlagschatten, bis Martas Schäfchen sich aufs Trockene gerettet hat.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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