Sexuelle oder physische Gewalt an Schulen und Internaten – in der DDR war das kaum ein Thema, beim geringsten Verdacht wurden Jugend- und Schulämter aktiv. Doch auch ein permanentes Klima von Angst und Abwertung schadet jungen Menschen, weiß die Autorin aus eigener Erfahrung.
Wir standen im Kreis im Flur der Schule. Ein großer Kreis, gebildet von 25 etwa 13- und 14-Jährigen – der späteren 9 A. Verlegenheit hing über uns, wie Erwachsene machten wir höflich Konversation. Jemand riss ein Späßchen, eine andere sagte: »Na dann. Bis später.«
Das war im Frühsommer 1980. Noch wussten wir nicht, was uns erwarten sollte in den kommenden vier Jahren. Kurz darauf hockten wir uns auf der Pelle, in der Kreisstadt im Süden der DDR: ein Haufen von traurigen, wütenden, verlorenen, pubertätsgeschüttelten jungen Menschen. Das Ziel, ein Spezialabitur mit erweitertem Sprachunterricht, lag noch in weiter Ferne. Zwei Drittel der Klasse waren im Internat untergekommen, pendelten jeden Samstagnachmittag nach Hause und Sonntagabend zurück – so wie ich. Mein neues Heim, ein Vierbettzimmer in einer umgebauten Villa, teilte ich mit anderen, die ebenso verunsichert und verloren waren wie ich. Keine Harry-Potter-Hogwarts-Romantik. Von heute auf morgen war für uns die Kindheit vorbei. Wir fühlten uns zu jung, um ganz auf eigenen Beinen zu stehen, und zu reif für die Abhängigkeit und das Korpsdenken, auf das uns manche in der Schule einschwören wollten.
Jugendliche – wer nahm uns ernst, respektierte uns? Halbwüchsige sind weder Fisch noch Fleisch, haben keinen Platz im gesellschaftlichen Gefüge. Sie gelten als Kinder im »schwierigen« Alter, als »unreife« Erwachsene. Gleichzeitig ist dem Lebensabschnitt zwischen 14 und 18 Jahren eine besondere Leuchtkraft eigen, eine Intensität, die weit ins Leben strahlt. Verunsicherung prägt diese Zeit, eine ganze Welt bricht zusammen und muss neu errichtet werden, das Selbstbild schwankt und befindet sich in permanenter Auflösung. Eine Zeit, die Begleitung braucht, Respekt, Verständnis. Die Weichen ins Leben. Die Reifeprüfung.
Das erste Jahr war das schlimmste. Lehrer verpassten uns eine Art Gehirnwäsche, als seien wir wilde Tiere, die gezähmt werden müssen. Wir »grünen Neuner« sollten begreifen, dass das, was wir bisher gelernt hatten, nichts wert war. Wir sind nichts wert, setzte sich als Botschaft fest. Leistungsdruck, der weniger dazu diente, Leistungen abzufragen, als Druck zu erzeugen, Abwertungen. Wie wir uns klein machten, wenn unser Klassenlehrer X. siegesgewiss in die Runde blickte: »So, wen legen wir denn heute rein?« Und wie er sich danach die Hände rieb, zufrieden schmatzte und die schlechte Note verkündete – oft mit Seitenhieben garniert, die auf sehr Persönliches zielten.
Gefährlich waren die Fächer, die obligatorisch mit einer mündlichen Leistungskontrolle begannen. Einige Lehrer tratschen über uns in ihrem Kabüffchen in der obersten Etage. Undurchschaubar, womit man in ihr Visier geriet: gute oder schlechte Leistungen, kritische Diskussionsbeiträge, weil er oder sie beim Rauchen gesehen worden war, oder einfach nur so? Der Unglücksrabe war dann in mehreren Fächern gleichzeitig »dran«, wurde immer wieder aufgerufen und so lange geprüft, bis sich ein nächstes potenzielles Opfer präsentierte.
Das Bestreben, in den kritischen Unterrichtsstunden gegen alles gewappnet zu sein, trieb unser Arbeitspensum in die Höhe – und das war eh kaum zu schaffen. Wenn ich heute zusammenrechne, komme ich auf ein Pensum von etwa 35 bis 39 Unterrichtsstunden pro Woche, inklusive Samstagsunterricht. Hausaufgaben, FDJ-Veranstaltungen oder »freiwillige« Arbeitseinsätze mussten in der restlichen Zeit erledigt werden.
Kein Refugium, kein Rückzugsbereich, kaum Raum für Privates. Der Stress, immer von anderen umgeben zu sein. 24 Stunden unter Aufsicht. Übergriffe und Grenzverletzungen. Auch sexueller Art. Oft schob sich der Internatsleiter Y., ein beleibter und sich jovial gebender Mann, schnaufend in unser Zimmer, wenn wir uns gerade umzogen und leicht bekleidet waren. »Wir sind doch eine große Familie«, sein Standardspruch. Wir kamen nie auf die Idee, Y. des Raumes zu verweisen oder unsere Privatsphäre einzufordern. Wir kicherten über ihn. Auch als einmal eine von uns eine halbe Stunde splitterfasernackt im Kleiderschrank gesessen hatte, in den sie in letzter Not gesprungen war.
Eingesperrt von zwei bis vier – Hausaufgabenzeit. Es war uns verboten, nach dem anstrengenden Schultag zu ruhen. Regelmäßig trieb uns Frau Z. aus den Betten. Hager und weiß bekittelt, durchwühlte sie zudem gern Schränke und Schubladen, Briefe, Unterlagen und Bücher, während wir in der Schule waren. Schamgefühl kannte sie nicht: »Was, Sie nehmen schon die Pille?«, fragte sie mich ganz ungeniert, nachdem sie die Packung in meinem Nachtisch gefunden hatte. Indes ihr Mann, einer der Kabuff-Lehrer, uns mit dem Fernrohr beobachtete und im Unterricht unseren Tagesablauf kommentierte: Wir hätten wieder so lange auf den Fensterbrettern gesessen. Ob wir denn keine Hausaufgaben zu erledigen gehabt hätten. Z. und seine Frau waren unangreifbar. Alle wussten, dass die Neugier dieses Paares nicht nur privater Natur war. Anscheinend genossen sie ihre Macht über uns und andere Lehrer.
Angst und Abwertung – Grunderfahrungen wie diese reichen Menschen über Generationen weiter. Uns umgaben Leute, die selbst in ihrer Jugend nur wenig Wertschätzung erfahren hatten. Unsere Lehrer, unsere Eltern: Kriegskinder, durch Gewalt und Bomben und Hunger traumatisiert, aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, überlasteten Müttern, abwesenden Vätern. Darauf konditioniert, ihre emotionalen Bedürfnisse in den Schrecken der Kriegs- und den Entbehrungen der Nachkriegszeit zu unterdrücken. Drei Generationen, die nach 1945 die Karre aus dem Dreck gezogen und vielleicht geglaubt hatten, mit dieser gigantischen Kraftanstrengung, dem Neuanfang, alles hinter sich zu lassen. Was wusste man damals über Traumata, über das Schweigegebot, das sie begleitet und das es eigentlich zu brechen gilt.
Wie gut, dass heute Fälle von Machtmissbrauch an Abhängigen öffentlich gemacht werden, dass immer mehr der Überlebenden den Mut finden, ihre furchtbare Geschichte zu erzählen, und dass ihnen geglaubt wird. Erwachsene haben Verantwortung und egal, was einer erlebt und durchlitten hat – Gewalt an Schutzbefohlenen wie Kindern und Jugendlichen, Behinderten, Pflegebedürftigen ist durch nichts zu rechtfertigen. Und Gewalt lauert nicht nur in den kirchlichen Internaten oder Reformschulen der Bundesrepublik. Bis heute gehört sie zu den Kasernen, Gefängnissen, den Flüchtlingsunterkünften, ist zu Hause, wo Menschen in Strukturen von Isolation und Abhängigkeit leben müssen, von Macht und Unterwerfung. Ein Staat sei daran zu messen, wie er mit den Schwachen umgehe, haben wir damals oft gesagt. Gemeint haben wir: Wie er mit uns umgeht.
ND veröffentlicht gerne Leserbriefe, in denen ehemalige DDR-Bürger in ihren Erfahrungen das DDR-Schulsystem loben, kritische Artikel mit Schlussfolgerungen für das Heute, jedoch nicht so gerne.
Deshalb sei hier mein nicht veröffentlichter Leserbrief angefügt:
"Wenn Frau Engelmann sich bei ihrer Internatszeit in der DDR an Angst,
Abwertung und Demütigung erinnert, dann wird das wohl so gewesen sein.
Welchen Grund sollte sie denn haben, darüber etwas Falsches zu schreiben,
zumal es ja ihr sehr persönliches Erleben und eigene Traumatisierung
betrifft. Wenn die Leserbriefschreiber im dazu im ND schreiben, dass sie
das nicht nachvollziehen können, weil sie ganz anderes erlebt haben, dann
werden sie damit wohl auch Recht haben. Es gab sie nicht, "die DDR". Sie
wurde zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ganz
unterschiedlich erlebt. Schon wenn ich mich mich meiner Schwester, die 2
Jahre jünger als ich, in die gleiche Schule ging, bemerken wir, dass jeder
seine Schulzeit ganz anders erlebt hat und schütteln teilweise den Kopf
über die Erlebnisse des Anderen.
Die Wahrheit muss der Schlussfolgerungen wegen gesagt werden, die sich aus
ihr ergeben, meinte einst Brecht. Für mich wäre die Schlussfolgerung:
Niemals würde ich mein Kind in eine Ganztagesschule schicken, auch wenn
die "moderne Pädagogik" und auch linke Bildungspolitiker diese neuerdings
als Segnung anpreisen. Ganztägiges Eingesperrtsein bedeutet immer
Unterdrückung: durch Erzieher, die Gruppe, das Zeitregime, für Kinder
spätestens ab der Pubertät eine Strafe. Womit hätten sie die verdient?"
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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