Der Sozialwissenschaftler lehrt an der Universität Osnabrück.
Foto: ND/Burkhard Lange
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Nach ihrem Selbstverständnis sind die Kirchen Häuser Gottes in der Zeit – und daher durchaus fehlbar. Allerdings beschloss man schon im Mittelalter, dass auch ein sündiger Priester ungeschmälert die Sakramente austeilen dürfe. Mittlerweile sind Hunderte von Jahren vergangen, wir sind in der Moderne angekommen. Für die Kirchen, zumal die katholische, bedeutet das ein Problem. Das aufgeklärte Bewusstsein in der pluralistischen Gesellschaft lehnt den Geltungs- und Wahrheitsanspruch einer allein selig machenden Religion und Kirche ab. Will diese ihre Anhänger halten bzw. vermehren, wird sie sich auf die aktuellen Bedingungen einlassen müssen. Zu diesen zählt auch eine von der kirchlichen Institution unabhängige Öffentlichkeit, die angesichts der bekannt gewordenen (und noch verborgenen) Fälle sexuellen Missbrauchs an Abhängigen geradezu aufschreit.
Im Grunde hat die katholische Kirche ab der monarchischen Wende im vierten Jahrhundert das Erbe der Cäsaren angetreten und ins (nicht nur) Geistliche gewandelt. Seither ist ihr monolithische Geschlossenheit das höchste kirchenpolitische Gebot. In deren Namen propagierte sie die »gesunde Lehre« von Zucht, patriarchalischer Ordnung und Gehorsam gegen die weltliche und kirchliche Obrigkeit (Titus 2, 1-10) und schritt blutig gegen Ketzer ein.
Auf genau dieser Linie agiert der jetzige Papst und sucht, die »Aufweichungen« durch das Zweite Vatikanische Konzil Mitte der 1960er Jahre zu beheben. Sein Anliegen ist es, den Tanker Kirche unangekratzt über die Runden zu bringen. Dafür braucht er ein höriges und diszipliniertes Personal, das seine Libido auf die Jungfrau Maria, Jesus und ihn lenkt.
Der Zölibat, übrigens nirgendwo in den Evangelien vermerkt, ist ein Mittel zu diesem Zweck. Er beraubt die priesterlichen Individuen der menschlichen sexuellen Wesensäußerung und bindet sie darüber an das Über-Ich des Apparats. Ähnliches gibt es ebenfalls in anderen Institutionen und ist vor allem eine Machination der Macht. Innere Demokratie kann und soll es nicht geben. Die Leibfeindlichkeit des Christentums (einer bestimmten Lesart desselben) schlägt in den Skandalen, die jetzt ans Licht kommen, Kapriolen. Es verschlägt nichts, dass diese auch in anderen Einrichtungen bis hin zur Familie anhängig sind.
Die protestantische Kirche ist in diesem Zusammenhang bislang ungeschoren davongekommen. Das liegt vor allem an der nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten liberalen, ja mitunter gar linken Wende. In diesem Prozess sind viele kirchengeschichtlich überlieferte Positionen geschleift worden oder im Fluss. Die Verteufelung des Körpers und seiner Lüste stehen nicht mehr im Schwang, sind doch die PfarrerInnen in der Regel verheiratet, wie übrigens in der orthodoxen Kirche auch. Insoweit scheint sie Tendenzen der Moderne eher zu entsprechen.
Der Leib ist des Geistes Tempel. Dies zu propagieren ist das gute Recht der Kirchen. Da haben sie durchaus gegen Sexualisierung, Beliebigkeit und Pornografie sozialethische Maßstäbe ins Feld zu führen. Diese zielen vor allem darauf ab, dass jeglicher sexueller Kontakt freiwillig zu geschehen habe. Hörigkeit verzerrt ihn dagegen unaufhebbar.
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