Von Lucía Tirado
22.03.2010

Es hätte so sein können

Das Büro für kontrafaktisches Denken im Theaterdiscounter

Theaterdiscounter »ich bin nicht dagewesen«
Theaterdiscounter »ich bin nicht dagewesen«

Stünden Stühle nahe dem Eingang zur peformativen Schau »Ich bin – nicht – da gewesen«, würden sich die Besucher im Theaterdiscounter sicher gleich niederlassen und abwarten wollen, was geschieht. Aber dann ginge das Vorhaben von Peggy Mädler und Julia Schleipfer nicht auf, mit ihrem Büro kontrafaktisches Denken eine Ausstellung zum Konjunktiv zu zeigen. Die Besucher sollen sich also durch den Raum bewegen, um Fotos zu betrachten, Gegenstände zu inspizieren, an Hörstationen zu verharren und Texte zu lesen.

Dabei geht um den Rückblick auf die Geschichte einzelner Personen, um Entscheidungen oder Ereignisse und die These, dass sie hätten anders verlaufen können. Die Ausstellung hat den Haken, dass alle geschilderten Ereignisse gar nicht stattgefunden haben. In der Art des kontrafaktischen Denkens gehalten, wären die geschilderten Dinge möglich gewesen. In der Alltagssprache hat man dafür den Spruch: Hätte der Hund nicht, hätt' er den Hasen...

Lediglich ein Objekt der Schau mit 28 Stationen ist eine Fälschung. Die Sache, um die es dabei geht, hat sich tatsächlich ereignet. Also, wenn es nicht so gekommen wäre, wie es kam, erzählt die Schau, dann hätte es sein können, dass Al Gore anstelle von Bush Präsident der USA geworden wäre. Ein Mann wäre vielleicht Atomkraftgegner geworden, statt in einem Atomkraftwerk zu arbeiten. Eine Frau hätte vielleicht gerade diesen Mann und nicht einen anderen geheiratet. Und was könnte ein Mensch leisten, wenn man allein die Größe seines Gehirns zum Maßstab im Vergleich zur Hirnmasse einer Krähe machen würde, die so manchen überraschenden Trick drauf hat.

So geht man also durch eine »Wenn-Welt« und kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass durchaus mehr als nur ein Exponat eine wahre Geschichte erzählt. Denn es wäre dumm, in einem Lebenslauf den Einfluss von Zufällen außer Acht zu lassen. Lässt sich alles ruhig betrachten, ist der Performance-Teil der Schau etwas für starke Nerven. Ein Musiker könnte dort einen kompletten Titel spielen, was jedoch nicht geschieht. Ein Sprecher brächte eine ganze Geschichte zustande, wenn er sich konzentrierte. Auch kann man sich dort an einen Tisch setzen, um ein Gespräch über den Konjunktiv zu führen. Das taten längst nicht alle Besucher bei der Eröffnung der Schau. Dennoch regte es viele von ihnen an, sich danach über Mögliches und alles Mögliche auszutauschen.

So bringt diese vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Schau Gedanken in Bewegung. Und vielleicht schärft sie auch das Bewusstsein dafür, wie oft man dem Konjunktiv täglich begegnet. Politiker benutzen ihn oft, um sich in ihren Aussagen nicht festlegen zu müssen. Journalisten brauchen ihn wiederum, um sich von vagen Aussagen der Politiker abzugrenzen. Und manchmal begegnet einem das kontrafaktische Denken so gar nicht kunstwissenschaftlich, wie es die Aussteller angegangen sind. Da hatte ich mal ein Wortwechsel mit einem Kollegen von einer Boulevardzeitung. Ich zu ihm: Warum haben Sie das so geschrieben? Die Fakten stimmen doch gar nicht. Er zu mir: Na und? Es hätte aber so sein können.

Bis 28.3., täglich 20 Uhr, Theaterdiscounter, Klosterstraße 44, Mitte, Telefon 28 09 30 62, www.theaterdiscounter.de

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