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Von Marie Gerlach 23.03.2010 / Nord-Süd

Warum hätten wir miteinander reden sollen?

Fachgespräch über Ost-West-Solidarität mit Nicaragua zeigt Parallelen und Unterschiede auf

Die nicaraguanische Revolution 1979 inspirierte in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik das Entstehen einer Solidaritätsbewegung. Ein Thema, dem die Stiftung Nord-Süd-Brücken jüngst ein Fachgespräch widmete.

Nachdem im Sommer 1979 die Diktatur des Somoza-Clans gestürzt worden war, reisten Tausende von engagierten Menschen« aus der damaligen Bundesrepublik und der DDR nach Nicaragua. Sie hatten das Ziel, die sandinistische Revolution beim Aufbau einer sozial gerechten Gesellschaft zu unterstützen und anzutreiben. Nicaragua präsentierte sich Anfang der 80er Jahre als ein neuer hoffnungsvoller, revolutionärer Weg, der für die vielen »Solidaritätsmenschen« eine Motivation darstellte, am Wiederaufbau des Landes teilzunehmen.

Das im Links-Verlag Berlin erschienene Buch »Aufbruch nach Nicaragua« hat genau diese breite Solidarität zum Thema. Und es erzählt von Begegnungsgeschichten zwischen Ost und West, von den sehr verschiedenen Motivationen der damaligen Helfer und Helferinnen. Einige von ihnen hatte die Stiftung Nord-Süd-Brücken vorletzte Woche zu einem Fachgespräch ins Haus der Demokratie eingeladen. Neben den Herausgebern Erika Harzer und Willi Volks diskutierten auch der erste Direktor des Karl-Marx-Hospitals in Managua, Dr. Hermann Schaller, und Klaus Hess vom Informationsbüro Nicaragua aus Wuppertal über ihre aufregende Zeit im revolutionären Nicaragua. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass es nach dem Sturz Somozas viele neue Arbeitsfelder gab, in denen es sich lohnte, solidarisch vor Ort zu helfen und Unterstützung zu gewährleisten: zum Beispiel in der landesweiten Alphabetisierungskampagne, bei der angestrebten Landreform oder in der gesundheitlichen Grundversorgung. Unterschiede gab es aber bei den Absendern der Solidarität. Während sich der bundesdeutsche Staat auf Seiten der US-amerikanischen Außenpolitik positionierte und die Solidarität von linken Gruppen, Studenten, kirchlichen Gemeinschaften und Gewerkschaften geübt wurde, war die Solidarität in der DDR anders strukturiert. Es gab zum einem die Solidarität als Staatsdoktrin und auf der anderen Seite durchaus eine individuelle und bunte Seite der internationalen Unterstützungsarbeit.

Diese Form des »Helfen-Wollens« kam oftmals gerade aus kirchlichen Gruppen. Jene Solidarität wurde aber staatlicherseits oft als bedenklich empfunden, weil sie schlecht zu kontrollieren war. Widerspruch kam an diesem Abend bei der Frage auf, warum Ost- und West-Engagierte in Nicaragua so wenig Kontakt miteinander hatten. »Warum sollte ich mit denen reden?«, fragte Dr. Schaller ehrlich und erfrischend, während Klaus Hess betonte, der Dialog sei immer wichtig.

Unterschiedliche Akzente setzten die Beteiligten auch bei der von der Moderatorin Erika Harzer formulierten Frage nach der Einschätzung und heutigen Bedeutung der Solidarität mit Nicaragua. Hat die Unterstützung etwas gebracht oder erweisen sich einige frühe Ambitionen heute als falsch? Einige kritische Stimmen im Publikum wurden laut, die die Solidarität und altruistischen Ambitionen der Engagierten in Frage stellten. Zudem hat sich Nicaragua politisch verändert. Seit 2006 ist der einstige Revolutionsheld Daniel Ortega wieder an der Macht, und die Einschätzungen über die »neuen Sandinisten« gehen weit auseinander.

Aber Nicaragua ist noch immer eines der ärmsten Länder in der Region Mittelamerikas. Und deswegen ist hier noch immer Solidarität gefragt. Dies betonte der Mittelamerika-Referent Will Volks vom INKOTA-netzwerk, das nach wie vor entwicklungspolitische Projekte in dem Land fördert. Und hier motivieren auch die eigenen Erfahrungen aus den jungen Revolutionsjahren Nicaraguas. »Das Land hält mich für immer in seinem Bann«, bemerkte Willi Volks schmunzelnd zum Abschluss. Und diesem Bekenntnis konnten sich dann wiederum viele Engagierte aus Ost oder West anschließen.

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