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Von Gunnar Decker 24.03.2010 / Feuilleton

Hoffnung ist nur nagelgroß

Im Kino: »Precious« von Lee Daniels – die Geschichte eines gedemütigten Mädchens, das ein Ich sein möchte

Dies ist keine Erfolgsgeschichte. Oder doch, aber eine der anderen Art. Da hält jemand stand auf verlorenem Posten. Jede Emanzipation beginnt mit Widerstand gegen das Außen. Wieviel Prügel kann ein Mensch einstecken, wieviel Leiden aushalten, ohne davon gebrochen zu werden? Manchmal sehr viel.

Das hier mitzuerleben hat etwas Schockierendes, aber irgendwann fangen wir Zuschauer an, dieses Mädchen anders zu sehen, in seiner ganzen anmutigen Stärke. Glaube nicht dem hoffnungslosen Bild von dir, dass deine Umwelt dir einredet! – Precious, eine fünfzehnjährige, unförmig dicke Afroamerikanerin, vollgestopft mit Fastfoot, kann weder lesen noch schreiben, ein Ghettokind von heute. Aber dieses Mädchen ist jemand, der nicht mehr länger Irgendjemand, sondern er selbst sein will. Dabei vereinigt Precious alles auf sich, was einen Menschen um die Chance seines Lebens betrügt. Sie scheint von Anfang an dazu verdammt, zu den Verlierern zu gehören.

Precious lebt allein mit ihrer Mutter von der Fürsorge. Wenn ihr Vater kommt, dann nur, um sie zu vergewaltigen. Das macht er seit vielen Jahren, bereits das zweite Mal ist sie von ihm schwanger. Die Mutter, apathisch-brutal, hasst nicht den Mann deswegen, sondern sie. Wie fühlt man sich da als junge Frau? Gabourey Sidibe aus Harlem spielt Precious nicht nur, sie versteht sie wie jemand, der hier sein alter ego getroffen hat. Sie sagt: »Precious fühlt sich so, als wäre sie die hässlichste Person im Raum. Sie ist sehr traurig und kämpft darum, jemand anderes zu sein, sie strengt sich an, normal zu sein, weil sie denkt, dass sie das nicht ist.«

Gabourey Sidibe ist ein Ereignis, ohne sie verlöre der Film seine Kraft und seinen Charme. »Hollywood bringt diese Art Mädchen nicht hervor«, sagt Regisseur Lee Daniels. Zweifellos steht »Precious«, nimmt man nur seinen Inhalt, sofort in Verdacht, sämtliche Klischees über Schwarze in Amerika auf sich zu vereinigen. Aber das stimmt nicht. »Push« von Sapphire ist in den USA ein Kultbuch, nicht nur, aber vor allem für Schwarze. Als Regisseur und Produzent Lee Daniels es las, wusste er sofort, das dies sein Thema war. Und tatsächlich ist nun der schier unwahrscheinlichste aller Fälle eingetreten: Es gelang ein hochmusikalischer, ein geradezu leichter Film, der seine tonnenschwer wiegende Problematik in jenen Rhythmus bringt, der allein über das Gglücken eines Films entscheidet. Das ist voller Witz und Komik, denn ohne die sähen wir hier eine pure Zerstörungsgeschichte.

Precious trägt eine Last, von der man gar nicht glauben kann, dass ein Mensch sie jemals tragen könnte. Gedemütigt, von niemandem geliebt, missbraucht und misshandelt – wird aus solch einem Kind nicht unweigerlich ebenfalls einer völlig verrohter Erwachsener? Doch wenn es besonders schlimm ist, wenn ihre Mutter sie wieder beschimpft und schlägt, dann träumt sie sich weit fort, dorthin, wo die Menschen gut und sie selber schön ist. Sie will noch einmal von vorn beginnen und zu Schule gehen.

Es gibt immer eine Chance, sagt uns dieser von mehreren prominenten Afroamerikanern, darunter der Talk-Institution Oprah Winfrey, mitproduzierte Film. In den USA lief er unerwartet erfolgreich. Sechsmal wurde er für den Oscar nominiert, Mo´Nique als Precious´ so unerklärlich sadistische Mutter Mary gewann ihn als Beste Nebendarstellerin.

Hoffnung ist nur nagelgroß, heißt es bei Mörike, aber allein, dass es sie gibt, ist entscheidend. Auch hier inmitten von Verwahrlosung und Gewalt in Harlem. Niemand kann sagen, er habe nicht die Chance gehabt, anders zu werden, nur weil die Umstände dagegen sprachen. Das Schöne: »Precious« wirkt niemals wie ein Film, der Botschaften verbreitet. Wir erleben die Geschichte einer Selbstfindung und die ist – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dunkle Weise poetisch.

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