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Von Velten Schäfer 26.03.2010 / Berlin / Brandenburg

Die böse Chefin einfach mal austauschen

Beim Legislativen Theater im Heimathafen Neukölln spielten Familien ihre Zeit- und Geldprobleme zwischen Kindern und Job durch

Sie will endlich mal wieder ausgehen, mit ihrer besten Freundin. Es ist schon Freitag abend, alles ist lange abgemacht und sie steht auch schon in der Tür. Doch da bekommt er einen Anruf. Ein guter Freund und alter Bekannter, der aber auch wichtig sein könnte für die Karriere. Wer setzt sich durch – und wer steckt zurück? Schnell spitzt sich der Streit zu, es fallen Sätze wie »liebst Du mich noch?« und »dann gehe ich eben gleich ganz«. Muss das so sein, oder gibt es eine andere Lösung?

»Der Job, die Zeit, das Kind« hieß der Abend des Legislativen Theaters Berlin, der sich am Mittwochabend im Heimathafen Neukölln an solchen Standardsituationen aus dem (post)modernen Elternalltag versuchte. Beim »Legislativen Theater«, das als Methode in den Neunzigerjahren in Brasilien entstand, gibt es kein festegelegtes Ende. Stattdessen versuchen Moderatoren, die die Szene an entscheidender Stelle »einfrieren« können, das Publikum dazu animieren, selbst auf die Bühne zu gehen und durch einen gezielten Eingriff das Ende der Szene zu verändern. Zusätzlich gehören zum Szenarium der von Augusto Boal erfundenen Theatermethode stets Verantwortliche aus Politik und Wirtschaft, von Verbänden und aus der Rechtspflege, die nach den Problem-Szenen nach Lösungsmöglichkeiten gefragt werden können – und die bei dieser Gelegenheit, was Boal besonders wichtig war, die realen Anliegen der Menschen in spielerisch überzeichneter Weise vor Augen geführt bekommen.

Am Mittwoch war dies unter anderen Rainer Maria Fritsch (LINKE), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Soziales. Und schon die erste Intervention brachte ihn ein wenig in Bedrängnis. Der Pärchenstreit auf der Bühne endete nämlich damit, dass eine junge Frau mit Kind auf dem Arm, die als Nachbarin den Streit gehört habe ihre Hilfe anbietet. »Ich bin auf Hartz IV und arbeite 14 Stunden am Tag ehrenamtlich«, begründet sie ihr Angebot ganz aus dem echten Leben – und schlägt sogleich die weitreichendste politische Lösung vor: bedingungsloses Grundeinkommen. Das wiederum wird in der Partei von Fritsch bekanntlich nicht ohne Emotionen debattiert. Fritsch rettet sich einstweilen in Anmerkungen zur Finanzierbarkeit – »Ich persönlich finde das schwierig« – während Petra Meyer vom DGB Berlin-Brandenburg dieser Frage ausweicht und stattdessen die Frauenrolle im Problem-Sketch lobt: »Ich finde es gut, dass sie so sehr gekämpft hat.« Und das Publikum signalisiert mit den zuvor ausgegebenen roten, gelben und grünen Kartons, dass es die Szene »realistisch« findet.

In dieser Art geht es weiter. In der zweiten Szene wird das Kind plötzlich krank und die Kita ruft am Arbeitsplatz an. Die Sache endet in einer Abmahnung – »zu Unrecht«, wie die hinzugezogene Rechtsanwältin Katja Ponert später auf der Bühne sagt, denn Krankheit darf nie disziplinarisch bestraft werden.

Auch bei dieser Szene gibt es eine »Intervention«: Eine ältere Frau aus dem Punblikum geht auf die Bühne und »ersetzt« die Chefin – die »neue« ist viel kooperativer und sucht nach einer einvernehmlichen Lösung.

Realistisch oder nicht? Gerade diese Szene wurde nicht via Farbkarton abgefragt. Cornelia Upmeier von »Erfolgsfaktor Familie«, einer Netzwerk-Aktion des Bundesfamilienministeriums bejaht die Frage allerdings. Auch wenn sie wenig später zugeben muss, dass es bundesweit erst 2700 Unternehmen seien, »die sich zu diesem Thema bekennen.«

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