Gemeinsam sind wir stark– linker Journalismus ist mir etwas wert!
    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Ich habe bezahlt.

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login
  • Ich beteilige mich später
Von Jürgen Amendt
27.03.2010

»Darüber reden ist das Wichtigste«

Mit viel Engagement und wenig staatlicher Unterstützung kümmert sich in Berlin die Beratungsstelle »Tauwetter« um Männer, die als Kinder sexuelle Gewalt erlitten haben

1
In Berlin arbeiten Thomas Schlingmann (li.) und Jörg Schuh in der bundesweit einzigen Beratungsstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden.

Eigentlich können Thomas Schlingmann und Jörg Schuh der katholischen Kirche dankbar sein. Durch die Offenlegung von sexueller Gewalt an katholischen Einrichtungen haben sie seit einigen Wochen viel zu tun. Die beiden arbeiten bei »Tauwetter«, einer Berliner Beratungsstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Seit der öffentlichen Diskussion nach dem Bekanntwerden der Vorfälle am Berliner Canisius-Kolleg und in der Folge in anderen Schulinternaten hätten sich die Anfragen von betroffenen Männern nahezu verdoppelt, sagt der Geschäftsführer von »Tauwetter«, Jörg Schuh.

2
Etwa jeder zwölfte Junge wird Opfer sexueller Übergriffe. Nur wenige reden später darüber.

Die Beratungsstelle in einem Kreuzberger Hinterhof ist bundesweit einmalig. Im Unterschied zu entsprechenden Angeboten für missbrauchte Mädchen und Jungen, bekommen Männer, denen als Junge sexuelle Gewalt angetan wurde, kaum professionelle Hilfen. »Tauwetter« bietet selbst keine Therapien an, sondern vermittelt den Kontakt zu Therapeuten. »Psychologen oder Therapeuten, die für diese Problematik spezialisiert sind, gibt es aber nur wenige«, sagt Thomas Schlingmann. »Wir haben auch schon Ratsuchenden empfohlen bei ›Wildwasser‹ nachzufragen, wenn sie aus Orten kommen, wo es sonst gar kein Angebot gibt«, beschreibt Thomas Schlingmann die Situation. Optimal ist diese nicht, denn eigentlich sind Organisationen wie »Wildwasser« für Mädchen und Frauen zuständig.

1995 hat er den Verein »Tauwetter« aus der Taufe gehoben, später eine Ausbildung als Traumafachberater absolviert. Der 52-Jährige war damals in einer Selbsthilfegruppe und stellte fest, dass man(n) über das Thema sexueller Missbrauch von Jungen kaum redet. Das liegt sicherlich nicht daran, dass Jungen deutlich seltener Opfer von sexuellen Übergriffen werden als Mädchen. Schätzungen zufolge wird etwa jedem fünften Mädchen und immerhin jedem zwölften Junge im Alter bis zu 16 Jahren sexuell Gewalt angetan. Allerdings sprechen Frauen offener als Männer über die Gewalterfahrung und für Beratung und Therapie gibt es mittlerweile bundesweit ein enges Netz an Hilfsangeboten.

Anders beim »starken Geschlecht«: Für gewöhnlich wollen sich Männer nicht über eine Opferrolle definieren lassen; sie wollen Stärke demonstrieren und keine Schwäche zeigen. »Man(n) will stark sein und hat von Kindesbeinen an den Spruch gehört, ›ein Indianer kennt keinen Schmerz‹«, sagt Thomas Schlingmann. Viele schweigen deshalb aus Scham über das Erlittene, andere, weil sie davon ausgehen, dass man ihnen eh nicht glaubt. Genährt werden solche Verschweigungshaltungen durch die Klischees, die in der Öffentlichkeit nach wie vor über Pädophile existieren. Vor Kurzem hieß es in einem Text einer Nachrichtenagentur: »Früher lauerten pädophile Triebtäter ihren jungen Opfern auf dem Spielplatz auf. Heute melden sie sich in Chatrooms an.« Überschrieben war der Artikel mit »Der böse Onkel wartet im Internet«. Da ist es wieder, das Klischee vom schmierigen Pädophilen, der sich an Kinder voller Heimtücke und Hinterlist heranschleicht. Das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Pädophilen macht, sieht ungefähr so aus: Verklemmtes Muttersöhnchen mit Bauchansatz und Halbglatze, Polyacryl-Pollunder und »Schwulen-Tasche« am Handgelenk.

Mit der Wirklichkeit hat dieses Abziehbild wenig gemein. Der »böse Onkel« ist in den meisten Fällen ein »guter Onkel«. Ein Viertel der Täter stammt aus dem familiären Umfeld, die Hälfte aus dem sozialen Nahfeld (Sportvereine, Jugendeinrichtungen, Kirche, Schule) und nur ein Viertel der Täter war den Opfern vorher nicht bekannt. Aber auch in diesen Fällen stimmt das Bild vom schmierigen Päderasten nicht, der sich im Park gezielt seine Opfer aussucht, betont Jörg Schuh. Viele Täter arbeiten in einem Umfeld, in dem sie viel mit Kindern zu tun haben: Als Trainer, als Erzieher, als Betreuern in Jugendgruppen. Studien zufolge haben etwa ein Prozent der Männer pädophile Neigungen. Auf die Bevölkerung in Deutschland umgerechnet bedeutet dies, dass bis zu 250 000 Männer zur Risikogruppe zählen. Pädagogische Berufe üben auf diese Personen eine besonders große Anziehungskraft aus. Meist, so Jörg Schuh, sind das professionell arbeitende und engagierte Menschen, die auf Erwachsene einen guten Eindruck machen, die bei den Kindern oft beliebt sind, die ihre Sorgen und Nöte oftmals besser als andere verstehen. Kurzum: Es sind Menschen, denen Eltern bereitwillig ihre Kinder anvertrauen.

Natürlich wäre es falsch, Männer und Frauen, die in pädagogischen Berufen arbeiten, in denen sie viel mit Kindern zu tun haben, unter Generalverdacht zu stellen«, betont Jörg Schuh. Ein enger persönlicher Kontakt lasse sich beispielsweise in Heimen, Internaten oder in der Jugendhilfe nicht vermeiden bzw. sei Voraussetzung für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit. Pädagogische Einrichtungen müssten allerdings entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen, um die Gefahr eines sexuellen Übergriffs zu reduzieren, fordert Jörg Schuh. Zur Prävention reichen seiner Meinung nach schon einfache Regeln. »Eine gute Einrichtung im Jugendbereich zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, dass ein Kind niemals längere Zeit allein mit einem Betreuer oder einer Betreuerin ist.«

Die beste Prävention aber ist es, Kinder psychisch und emotional zu stärken, betont Thomas Schlingmann. In der Regel suchten sich die Täter nämlich Kinder aus, die wenig Selbstbewusstsein ausstrahlen und emotional vereinsamt wirken. Das geht nicht über Zwei-Tage-Seminare in Schulen, in denen Kinder zum Schluss gelernt haben, laut »Nein« zu schreien. »Unsere Gesellschaft spricht Kindern systematisch das Recht ab, eigene Gefühle zu haben und nimmt ihre Probleme oftmals nicht ernst«, kritisiert Schlingmann. Diese Missachtung beginnt schon dann, wenn etwa die Wahrnehmung eines Kindes in einer bestimmten Situation in Zweifel gezogen wird, weil sie sich mit der der Erwachsenen nicht deckt. Das Kind mag ja objektiv im Unrecht sein, fatal ist aber, wenn ihm dies als falsche Wahrnehmung der Realität gedeutet wird.

Kinder entwickeln so eine gestörte Beziehung zu ihren eigenen Gefühlen und ihrer eigenen Wahrnehmung«, beschreibt Thomas Schlingmann die Folgen. »Wenn es dann zu einer Grenzüberschreitung durch einen Erwachsenen kommt, vertrauen sie dem eigenen Gefühl nicht mehr.« Sie schrecken davor zurück, Erwachsenen davon zu erzählen, dass ihnen etwas Schlimmes angetan wurde, da sie bislang die Erfahrung machten, dass ihren Schilderungen sowieso nicht geglaubt wird. Nicht selten, so der Therapeut, verdrängen die Opfer die Gewalterfahrung über viele Jahre. Durch ein Ereignis wie die derzeitige Missbrauchsdebatte in den Medien gerät das Erlebte aber wieder ins Bewusstsein zurück. 80 Prozent der Betroffenen, die sich bei »Tauwetter« melden, sind zwischen 35 und 40 Jahre alt. »Manchmal rufen Männer an, die mir erzählen, dass ihnen bei jedem Fernsehbericht, jeder Zeitungsgeschichte über missbrauchte Kinder schlecht wird und sie das Gefühl haben, selbst einmal Opfer geworden zu sein, nur erinnern können sie sich nicht mehr«, berichtete Thomas Schlingmann aus seiner Beratungspraxis. Schlingmann hält es daher für besonders wichtig, dass das Personal von Einrichtungen wie der Schule eine feste Vertrauensbasis zu den Kindern entwickelt. »Schüler brauchen Lehrer oder Erzieher, denen sie sich bedingungslos mit ihren Problemen anvertrauen können.«

80- bis 90 Prozent der Täter sind Männer, Frauen sind also in der Minderheit. In der Regel sind die Frauen zusammen mit Männern aktiv. Es gibt allerdings auch die »Einzeltäterinnen«. Thomas Schlingmann berichtet von einem jungen Mann, der bis zum 25. Lebensjahr mit seiner Mutter in einem Bett schlief. »Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, was während der Zeit seiner Pubertät an diesem Ort passiert ist.« Dass es zu sexuellen Übergriffen durch die Mutter kam, wurde ihm erst im Laufe einer Therapie deutlich, die er eigentlich aus einem anderen Grund aufsuchte. »Das ist nicht untypisch«, sagt Thomas Schlingmann. »Viele sind zum Beispiel wegen ihrer Alkoholsucht in therapeutischer Behandlung und stoßen erst hierbei auf das lange zurückliegende Missbrauchserlebnis.«

G enerell gilt: Je länger der sexuelle Übergriff verdrängt wird, desto schlimmer die Folgen. Das Trauma gleicht einem Schwelbrand, der ausbricht, wenn er Energiezufuhr von außen erhält. Das kann eine plötzliche Lebenskrise wie Arbeitslosigkeit oder Verlust des Partners sein. »Manche Männer versuchen ihre Seelenqual durch übermäßigen Sport oder Arbeitssucht zu bekämpfen«, sagt Thomas Schlingmann. Andere suchen – meist unbewusst – einen Beruf, der sie permanent in die Nähe des Missbrauchsthemas führt: Sie werden Psychologen, studieren Pädagogik. Ein Beispiel dafür ist der Schriftsteller Bodo Kirchoff, der als Schüler an der Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach sexuell missbraucht wurde. Seine Sexualität habe »bis heute etwas Verwahrlostes«, schreibt er, dem er ständig sprachlich zu begegnen suche. Er habe sogar sein Studium (Psychoanalytische Pädagogik) danach ausgesucht. Brechen solche oder ähnliche Ausweichstrategien aber weg, kommt es häufig zum Zusammenbruch, sagt Thomas Schlingmann.

Ein Volk von seelisch verkrüppelten Missbrauchsopfern sind wir dennoch nicht. Das mag auch daran liegen, dass die menschliche Psyche stärker ist als manches Leid, das dem Menschen angetan wird. Man kann auch ohne Therapie über eine sexuelle Gewalterfahrung hinwegkommen, betont Thomas Schlingmann. »Eine stabile Beziehung, ein stabiles familiäres Umfeld kann helfen, selbst einen heftigen Missbrauch zu verarbeiten«, sagt auch Jörg Schuh. Wichtig sei, dass man z.B. mit dem Partner darüber spreche. Entgegen landläufiger Meinung ist es in vielen Fällen auch gar nicht notwendig, gleich zur Polizei zu rennen und Anzeige zu erstatten. Der erste Schritt sollte sein, eine Beratungsstelle aufzusuchen. »Darüber reden ist das Wichtigste«, betont Thomas Schlingmann.

Der Verein »Tauwetter« feiert in diesem Jahr ein 15-jähriges Bestehen. Viele Jahre hat sich ihre Einrichtung nur durch Spenden notdürftig über Wasser gehalten. Vom Senat gab es jährlich lediglich eine Finanzspritze in Höhe von 6100 Euro für Sachmittel. Die letzten zweieinhalb Jahre profitierte »Tauwetter« von Zuweisungen aus Lottomitteln. Damit konnten zwei Halbtagsstellen finanziert werden. Als Jörg Schuh Ende letzten Jahres beim Senat eine Anschlussfinanzierung beantragte, erhielt er jedoch eine Abfuhr. Die Haushaltsmittel für 2010/11 seien bereits verplant, »Tauwetter« habe es versäumt, rechtzeitig einen Bedarf anzumelden, teilte die zuständige Senatsverwaltung für Gesundheit mit. »Der Senat sah offensichtlich damals die politische Notwendigkeit nicht«, kritisiert Thomas Schlingmann.

Dem Verein wurde wohl auch seine Unerfahrenheit zum Verhängnis. Wer die Politik und die Verwaltung für seine Belange gewinnen will, darf nicht nur auf den gesunden Menschenverstand der politisch Verantwortlichen setzen. Man muss Lobby-Arbeit leisten, Klinken putzen, die richtigen Leute kennen und diese zum richtigen Zeitpunkt kontaktieren. »Man braucht halt die richtigen Türöffner«, sagt Jörg Schuh. »Jetzt wissen wir es besser«, meint der »Tauwetter«-Geschäftsführer. Der Senat hat in Aussicht gestellt, dass für den Haushalt 2012/2013 wieder mehr Geld fließen kann. Auch die aktuelle Missbrauchsdebatte war sicherlich bei diesem Sinneswandel hilfreich. Bis es aber soweit ist und wieder regelmäßig größere Summen fließen, arbeiten die fünf Mitarbeiter im 2. Hinterhof/3. Aufgang in der Kreuzberger Gneisenaustraße weiterhin überwiegend ehrenamtlich und hoffen auf die Spendenbereitschaft der Bevölkerung.

www.tauwetter.de

Spendenkonto. Postbank Berlin, Bankleitzahl 10 010 010, Konto.: 777 977 106

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken