Von Jürgen Amendt
29.03.2010

Ein Weg zur Integration?

Als Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren Deutschland besuchte, brachte er einen brisanten Vorschlag mit: Für die hier lebenden Türken müsse es auch türkischsprachige Gymnasien geben. Vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Türkei hat Erdogan seine Forderung erneuert.

In der Politik, aber auch in der türkischen Gemeinde in Deutschland stößt Erdogans Idee fast einhellig auf Ablehnung. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, bezeichnete Äußerungen des türkischen Regierungschefs, wonach Türken zunächst ihre Muttersprache beherrschen müssten, um besser Deutsch lernen zu können, als »schlicht falsch«. Für den Präsidenten des konservativ geprägten Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, ist klar, dass von den hier lebenden Türken nicht nur Integration, sondern auch Assimilation verlangt werden müsse. Der Grünenpolitiker Christian Ströbele stieß sich am nationalen Unterton, mit dem Erdogan seine Forderung begründete.

In der Tat dürften für Erdogan kaum bildungspolitische Überlegungen ausschlaggebend sein. Schon bei seinem Deutschland-Besuch vor zwei Jahren war zu bemerken, dass in der türkischen Politik nach wie vor die Kräfte tonangebend sind, die in ihren ehemaligen Landsleuten nach wie vor eine Art »Auslandsvertretung« der Türkei sehen. Mit der Lebenswirklichkeit der türkischen Migranten, die mittlerweile in der zweiten und dritten Generation in Deutschland beheimatet sind, hat ein solches Anspruchsdenken wenig gemein.

Das gilt vor allem für den Bildungsbereich. Nur eine Minderheit der deutsch-türkischen Jugendlichen schafft den Sprung aufs Gymnasium, viele beherrschen weder die deutsche noch die türkische Sprache ausreichend. Türkischsprachige Gymnasien kämen also allenfalls für einen kleinen, erlesenen Kreis der Einwanderergesellschaft in Frage. Wichtiger wäre es, Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache an deutschen Gymnasien zu lehren sowie einen regulären islamischen Religionsunterricht einzuführen.

Allerdings widersprechen nicht alle Vertreter der türkischen Gemeinde in Deutschland Erdogans Forderung. Der Hamburger Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan kann der Idee des Ministerpräsidenten durchaus Gutes abgewinnen. Von der nationalistischen Ideologie Erdogans befreit, könnten türkischsprachige Gymnasien in Deutschland durchaus sinnvoll sein, sagt der Psychologe und Erziehungswissenschaftler. Allerdings sollten sie auch von deutschen Schülern besucht werden können, um einer Segregation der jungen Türken entgegenzuwirken. Als Vorbilder sieht Uslucan die griechischen Gymnasien, die es hier schon seit Jahrzehnten gibt.

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