Von Christina Matte
03.04.2010

Jagd und Macht

In der Schorfheide wird eine Pelzmütze Erich Mielkes ausgestellt. Aber nicht nur das

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Faktenreich, gut bebildert

Gemeinde Schorfheide, Ortsteil Groß Schönebeck. Die Museumsscheune am Jagdschloss lädt zur Ausstellung »Jagd und Macht« ein, nun auch zu deren zweitem Teil. Mitte März wurde er eröffnet, im Beisein von Mitgliedern der Brandenburger Rot-roten Koalition, kommunalen Amtsträgern und Vertretern der Tourismusindustrie. Eine Marke wird kreiert, die Marke »Schorfheide«. Die Schorfheide: Seit fast tausend Jahren war sie Jagdgebiet der Mächtigen.

Widmete sich Teil eins der Exposition dem Jagen seit Ende des Kaiserreichs bis zur Zerschlagung des Faschismus, befasst sich Teil zwei mit der Zeit von 1945 bis zum Scheitern des Sozialismusversuchs 1989. Die Ausstellungsgestaltung oblag dem Berliner Ausstellungsbüro »Frey-Aichele-Team«. Das Drehbuch und die historischen Forschungen erstellte der Diplomhistoriker Dr. Burghard Ciesla, unterstützt vom jagderfahrenen Leiter des Schorfheidemuseums Helmut Suter. Ciesla ist kein Jäger. »Ich schieße nicht auf Tiere«, sagt er.

Während sich die Gäste der Vernissage im »sozialistischen« Jagen drängen, tauche ich erst einmal in die historische Vorzeit. 1918: Wilhelm II. dankt ab. Seinen letzten Schorfheider Hirsch hatte der Kaiser und Preußenkönig freilich schon ein paar Jahre zuvor geschossen, am 28. Februar 1914. Archivbilder einer Hofjagd: Erlegtes Wild säumt seinen Weg. So viele kapitale Hirsche – hingemetzelt. Keine kaiserliche Tafel hätte all das Fleisch tragen können. Man jagte nicht, um satt zu werden. Auch nicht, um Wildschäden vorzubeugen, dazu hatte man seine Förster. Warum dann? Privileg, Sport, Allmachtsgefühl? Man war Herr über Grund und Boden, Mensch und Tier, Leben und Tod. Bald wird der Erste Weltkrieg beginnen.

Herbst 1918, Revolution. Ich lese: Am 9. November wurden das 4. und das 14. Jägerbataillon, kaisertreue Bataillone, aus Zossen nach Berlin beordert, um die revolutionären Unruhen zu bekämpfen. An diesem Tag rufen Karl Liebknecht und Philipp Scheidemann nahezu zeitgleich die Republik aus. Die »freie sozialistische Republik«, wie sie die Spartakisten wollen, wird es nicht geben. Dafür die Weimarer Republik als Allianz von Sozialdemokraten, Junkern und Militärs. Die Oberförster der Schorfheide bleiben auch weiterhin dem Geist der verblichenen Kaiserzeit verhaftet und lehnen die neuen Jagdherren ab. Ein Foto aus dem Bestand der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt den ersten Reichspräsidenten mit einem erlegten Rothirsch. Die Attitüde der Macht, was bedeutete sie dem Sohn eines Schneidermeisters? Immer wieder stoße ich auf die Verbindung von Jagd und Diplomatie. Noch bis 1853 war Jagdrecht ein Vorrecht des Adels gewesen, der häufig auch den diplomatischen Dienst stellte. Erst in Folge der bügerlichen Revolution war das Jagdrecht an den Besitz von Grund und Boden gebunden worden – eine Demokratisierung. Ob Ebert auch aus Leidenschaft jagte? Ich hätte es gern gewusst.

Von der Weimarer Republik zur Machtübernahme der Nazis. 1933: Ein lebensgroßer Hermann Göring. Auch der zweite Mann des NS-Staates hat die Geschichte der Schorfheide geprägt. Der preußische Staat übereignete ihm ein 120 Hektar großes Areal zwischen Großem Dölln- und Wuchersee – unentgeltlich. Sein Jagdhaus ließ Göring aus Mitteln des Staatshaushaltes errichten. Er nannte es »Carinhall«, nach seiner ersten Frau, Carin Axelina Hulda von Kantzow, geborene Freiin von Fock. Schon 1931 war sie an Tuberkulose verstoren. Ab 1936 wurde das Jagdhaus zum prächtigen Herrensitz ausgebaut. Gäste im Waldhof waren unter anderem der italienische Faschistenführer Benito Mussolini und der britische Außenminister Lord Edward Halifax. Göring: »Diplomaten folgen gern einer Jagdeinladung. Auf der Pirsch lassen sich die Probleme oft leichter meistern als am Grünen Tisch.« Adolf Hitler, der an der Jagd keinen Gefallen fand, sprach von »grüner Freimaurerei«. Darauf ein selbstbewusster Göring: »Nun, meine Herren (...), er hat das braune und ich das grüne Revier übernommen.« Göring, Reichsforst- und Reichsjägermeister, beleibt und harmlos wirkend, initiierte die Gestapo und »erfand« die Konzentrationslager. Während der Flächenbombardierung deutscher Städte, mit der die britische Royal Air Force im Frühjahr 1942 begann, blieb die Schorfheide verschont. Es sollte die deutsche Luftwaffe sein, die am 26. April 1945 ihren letzten Bombenangriff auf das von der Roten Armee besetzte Eberswalde flog und die Stadt weitgehend zerstörte.

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Jagdhornbläser. Außen rechts Revierförster Kubatzki

Das folgende Ausstellungskapitel: »Jagd unter dem Roten Stern«. Ich erfahre, dass bereits am 2. Oktober 1945 auf Beschluss der SMAD große Waldflächen der Schorfheide als Jagdrevier für das sowjetische Militär reserviert wurden – die Besatzer mussten sich selbst versorgen. Allerdings war nur Offizieren die Jagd erlaubt, die Soldaten hungerten und wilderten. Deutschen wurde die Jagd verboten, aus gutem Grund: Man wollte ihnen keine Waffen mehr in die Hand geben. Auch die deutsche Bevölkerung hungerte. Und wilderte. Infolge des Jagdverbots kam es zu einer Schwarzwildplage: Tausende Hektar Saatfläche wurden durch Wildschäden vernichtet. Dies führte ab 1947 zur Lockerung des Jagdverbots; die gereglte Jagd mit der Waffe wurde Deutschen wieder gestattet.

Da der Pulk Brandenburger Prominenz das »sozialistische Jagen« verlassen hat, um sich im gegenüberliegenden alten Jagdschloss an Wildsuppe und -gulasch zu laben, habe ich jetzt auch hier freie Bahn. Vorweg: Wer befürchtet, Ausstellungsteil zwei stieße ins Horn des Zeitgeistes und in das des Boulevards, der irrt. Zum Halali geblasen und verbockt haben es Erich Honecker und seine Jagdgenossen letztlich selbst. Die Ausstellung spannt einen größeren Bogen: Keine Macht hatte je Bestand. Eine Binsenweisheit? Möglich. Doch keine Macht hat sie je geglaubt.

Auch im neu eröffneten Ausstellungsteil: Sachlichkeit und Faktenreichtum. Am 25. November 1953 erlangte das DDR-Gesetz zur Regelung des Jagdwesens Gesetzeskraft. Anders als in der Bundesrepublik wurde das Jagdrecht vom Eigentum an Grund und Boden getrennt. Man sprach von der »Jagd des Volkes«: Das Wild wurde volkseigen, Jäger durften Jagdflächen und weitgehend auch Jagdwaffen unentgeltlich nutzen, die Jagd durfte nur kollektiv ausgeübt werden, das Jagdwesen unterlag staatlicher Leitung. So weit, so gut.

Ich wähne mich auf weiter Flur allein, als der anfangs als Gesprächspartner viel umlagerte Helmut Suter nochmals in der Museumsscheune vorbeischaut. Der bekennende Jäger hat nicht nur am Ausstellungsdrehbuch mitgearbeitet, er hielt zur Eröffnung auch eine Rede. Zeit hat er leider nicht mitgebracht. Er zeigt nur auf die Fotokopie eines Dokuments: Sein Aufnahmeantrag in die Jagdgemeinschaft Groß Schönebck war 1978 abgelehnt worden. Man vermisste bei ihm »hervorragende Leistungen bei der Entwicklung und Festigung der DDR« sowie »eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, verbunden mit der Verteidigungsbereitschaft«. Vor dem Hintergrund herrschender Jagdpraxis muss man das als Witz werten. Über den Suter nicht lachen kann. Leider gibt es von nun an kaum noch etwas zu lachen.

Mit der Akkreditierung von Botschaften in der DDR war 1954 das Diplomatenjagdgebiet Schorfheide entstanden. Wie nur konnte Walter Ulbricht das Gästehaus von Görings »Carinhall« als persönliches Rückzugsdomizil nutzen? Besitzergreifende Geste von Siegern, wie die Geschichte sie seit Jahrhunderten kennt? Vor der Folie einer entstehenden sozialistischen Gesellschaft nicht auch eine Instinktlosigkeit? Warum präsentierten sich gerade sozialistische Machthaber nicht mit einer neuen Ästhetik? Auch Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, mit dem Ulbricht sich gut verstand, fand offensichtlich nichts dabei, Ulbrichts Einladungen in die Schorfheide zu folgen. Von Ulbricht weiß man, dass er kein passionierter Jäger war. Sonst hätte er Lunte gerochen. Suter gab in seiner Rede eine jagdinterne Lesart von Ulbrichts Entmachtung durch Erich Honecker: Als sich ein Machtwechsel in Moskau abzeichnete und Leonid Breshnjew, zu dem Ulbricht kein gutes Verhältnis hatte, die Bühne betrat, soll Ulbricht zu Willi Stoph, Erich Mielke und Honecker gesagt haben: »Jetzt müsst ihr Jäger mal ran!« Fatal, dass er Breshnjew bei dessen Besuch am 10. Oktober 1964 mit Honecker auf eine Kanzel setzte: Die beiden verstanden sich blendend! 1971 wurde Ulbricht von Moskau »zum Abschuss freigegeben«.

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Ort geheimer Diplomatie: Jagdschloss Hubertusstock

Oberster Jagdherr der Schorfheide war nun Erich Honecker. Schon 1960 hatte er sich die Zustimmung Ulbrichts geholt, hier unter Federführung der NVA ein Staatsjagdgebiet einzurichten. Was bedeutete das? Zunächst bedeutete es, dass das Jagdgebiet in diplomatischer Hinsicht wiederbelebt wurde. Zum Zentrum großer und kleiner Diplomatie avancierte das Jagdschloss Hubertusstock, das übrigens einst König Friedrich Wilhelm IV. errichten ließ. Gäste in Hubertusstock waren unter anderen Franz Josef Strauß, Herbert Wehner, Jochen Vogel, Helmut Schmidt und Berthold Beitz.

Was bedeutete die Einrichtung des Staatsjagdgebietes noch? Es bedeutete, dass zum Ende der DDR 20 550 Hektar der Schorfheide von einem 200 Kilometer langen Wildzaun umgeben waren. Es bedeutete, dass der Wildbestand aufgrund ganzjähriger Fütterung etwa vier Mal so dicht wie normal war, was zu starken Verbiss- und Schälschäden führte. Es bedeutete, dass zwei Drittel der Schorfheide Erich Honecker zur Verfügung standen, der das Jagdhaus Wildfang nutzte, dass der »Schießer« Günter Mittag sich am Trämmersee bei Schluft niederließ, Horst Sindermann in Neu-Rehluch und Erich Mielke in Neuhaus. Es bedeutete, dass alle entstehenden Kosten über den Verteidungshaushalt abgerechnet wurden. Während »einfache« Jäger in ihrem Leben vielleicht ein einziges Mal das Glück haben, einen Medaillen-Hirsch zu schießen, soll allein Honecker in der Schorfheide 500 Stück männliches Rotwild erlegt haben, darunter mindestens fünf Gold-, 37 Silber- und 83 Bronzemedaillen–Hirsche. Seine letzten sechs Hirsche schoss er am 8. November 1989, als die Staatsanwaltschaft begann, gegen ihn zu ermitteln

Was »sozialistische« Staatsmänner bewog, über ihre repräsentativen und diplomatischen Pflichten hinaus exzessiv der Jagd zu frönen, dürfte in den Bereich der Psychologie fallen. Und warum pflegten Männer, die aus kleinen Verhältnissen stammten, ein aristokratisch-imperiales Hobby? Vielleicht war ein Gesellschaftsentwurf, der die Verhältnisse einfach umkehrte – nach dem Motto »Wer früher unten war, ist jetzt oben« –, ja einfach zu schlicht gewesen, als dass er hätte erfolgreich sein können?

Der kleine Empfang im Schloss ist vorbei, die meisten Gäste haben sich verabschiedet. Auch Werner Kubatzki will nun wieder nach Hause, nach Eichhorst. Dort ist er seit 40 Jahren Revierförster. 22 Jahre seines Revierförsterlebens hat Kubatzki in der DDR und 18 im vereinigten Deutschland verbracht. Er hätte sich gewünscht, dass man aus den Jagdgesetzen der DDR und denen der Bundesrepublik »jeweils das Beste rausgenommen und etwas Neues gemacht hätte«. Seit 1993 gilt auch im Osten das bundesdeutsche Jagdgesetz, das einmal das modernste der Welt war – in der Weimarer Republik erdacht und später von Göring durchgesetzt. Das Prinzip der Jagdkollektive ist aufgehoben und das Jagdrecht wieder an den Besitz von Grund und Boden gebunden. Wer mindestens 75 Hektar besitzt, »darf jagen, was er will«, sagt Kubatzki. »Und weil das Wild immer weiterzieht, von einem Besitz zum anderen, ist keine einheitliche Wildbewirtschaftung mehr möglich. Heute steht ein junger Hirsch in meinem Revier, ein junger Hirsch wird nicht angerührt. Morgen steht er beim Nachbarn, und der schießt ihn. In der DDR konnte ein Hirsch alt werden. Wenn er nicht das Pech hatte, im Gebiet der Staatsjagd zu leben.«

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