Ernst Röhl
06.04.2010
Flattersatz

Der sagenhafte Nepp im Web

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Hört mal her, ihr Abzocker! Wehe, ihr blockiert mein Faxgerät weiterhin mit euern Müll-Angeboten! Ich bin kein Chef und brauche keinen Designer-Chefsessel »Europa« mit geschwungenen Armlehnen und stufenlos höhenverstellbarer Sicherheitsgasdruckfeder, vom Fußkreuz mit fünf Doppelsicherheitsrollen ganz zu schweigen (statt 990,00 jetzt nur noch 149,50 Euro). Behaltet eure Gesundheits-Rettungspakete, die meinen Geldbeutel öffnen sollen für euren Abwehrkampf gegen Fußpilz, Mundgeruch und Impotenz! Ich hab keinen Fußpilz, keinen Mundgeruch, und die Impotenz soll mein süßes Geheimnis bleiben. Und ihr Bauernfänger vom Swiss Money Report, verschont mich gefälligst mit euren Investmentofferten, mit Aktien, Platin, Gold und all den »Megarenditen von 1000 Prozent oder gar 10 000 Prozent«! Solcher Unrat des Konsumismus macht sich unter den Stichwörtern Spam und Spammer inzwischen sogar schon in Wörterbüchern breit.

Pausenlos entquellen meinem Faxgerät unerbetene Angebote in so gewaltigen Mengen, dass ich alle naselang das Farbband wechseln muss, Kostenpunkt jedes Mal 25 Euro. Auch mein Briefkasten ist immer randvoll mit Post, die bei mir den Kaufrausch wecken soll. Frustriert glotze ich auf die Adresse und stelle fest, dass alle Angebote wieder an einen Zeitgenossen namens Ernst Rökl adressiert sind.

Daraus schließe ich, dass ein paar Medaillengewinner der Legastheniker-Olympiade meinen Namen ursprünglich falsch gelesen haben müssen und ihn nun fehlerhaft rund um den Erdball vermarkten, weil der Rest der Adresse ja stimmt. Und es sind beileibe nicht bloß die Faxe und Briefe. Per Telefon meldet sich ständig irgendein Call-Center, um mir zu dem dicken Mercedes zu gratulieren, den ich Glückspilz gewonnen habe.

Hinzu kommt der Nepp im Web. Jede zweite E-Mail stammt von einem Fräulein, das mit mir ein Date verabreden möchte, bei dem ich – als Kenner – beurteilen soll, ob die neue Busenvergrößerung ihr Geld tatsächlich wert ist. Und zwischendurch meldet sich auch noch Michael M. Macpherson aus Edinburgh: »Hello from Scotland!« Mike erwartet, dass ich von meinem Konto eine kleinere fünfstellige Summe abhebe, die wir demnächst gemeinsam in ein bombensicheres Geschäft investieren werden.

Die Münchner, dachte ich immer, wären fein raus. Der Verein gegen betrügerisches Einschenken garantiert, dass sie im Wirtshaus eichstrichgerecht bedient werden. Wer aber schützt sie gegen die Tricks der Abzocker? Diese zahlen für Adressen mit Bankverbindung besonders gut. 14 verschiedene Internet-Firmen, darunter Glücksspielanbieter, buchten vom Konto ein- und derselben Wolfsburger Rentnerin insgesamt 932 Euro ab, und es ist nur ein schwacher Trost, dass nicht bloß Rentnerinnen gefährlich leben, sondern auch die Spammer selbst. Der russische Spammer Wardan W. Kuschnir wurde erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden. Und ein US-Bundesgericht verurteilte den Spammer Sanford Wallace zu einer Schadenersatzzahlung von 230 Millionen Dollar. Ein unverdient mildes Urteil, finde ich.

Woher kriegen die »Adressgenerierer« die Adressen? Vom Einwohnermeldeamt? Nein, sagen Fachleute, solche Daten könnten sie woanders günstiger kaufen, sonst gerne. Die Datenschützer sind stolz auf ihre Gesetze; soviel Macht wie der Verein für betrügerisches Einschenken aber haben sie leider nicht. Experten behaupten, die Adressen ausnahmslos aller volljährigen Deutschen seien längst im Umlauf – bis zum letzten Mann und bis zur letzten Frau. Doch es irrt, wer annimmt, die Adress-Kriminellen fänden deshalb keine neuen Opfer mehr.

Ein Herrchen in Münster staunte nicht schlecht, als Webgauner seinen Hund Jerome per E-Mail in einem Mahnschreiben »letztmalig« aufforderten, nun aber endlich die 100 Euro zu überweisen, die er ihnen für die Nutzung kostenpflichtiger Internet-Seiten schulde. Welch ein Vertrauen in die Bildungsrepublik Deutschland und ihre begabten vierbeinigen Freunde!

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