Nur selten dürfte ein Fußballspiel in der achten Liga so viel Aufsehen erregen wie die Partie zwischen Roter Stern Leipzig (RSL), dem Sechsten in der Staffel 2 der Bezirksklasse Leipzig, und dem Tabellenletzten FSV Brandis. Dass die Partie, die heute um 18.30 Uhr auf »neutralem« Grund im Sportpark Beucha angepfiffen wird, überregional Beachtung findet, hat indes weniger sportliche als politische Gründe. Als Brandis und Roter Stern sich am 24. Oktober erstmals begegneten, wurde zwei Minuten gekickt. Dann stürmten 50 Neonazis, bewaffnet mit Eisenstangen und Holzlatten, das Feld und prügelten auf Leipziger Spieler und Fans ein. Ein Anhänger erlitt schwere Augenverletzungen, weitere wurden ebenfalls in Mitleidschaft gezogen.
Ob die Partie vom 8. Spieltag, die einer Entscheidung des regionalen Verbands zufolge wiederholt werden muss, auch zustande kommt, war lange Zeit unklar: »Es gab viele Diskussionen«, sagt eine Sprecherin von Roter Stern. Viele Spieler und Fans seien wegen der Gewalt weiter traumatisiert; zudem habe es Stimmen gegeben, wonach man nach den Übergriffen nicht zur Tagesordnung übergehen könne. Am Ende habe die Mehrheit dafür plädiert, ein politisches Zeichen zu setzen, so die Sprecherin: »Wir überlassen den Nazis nicht das Spielfeld.«
Der Sport freilich wird heute nur Nebensache sein, heißt es in einer Erklärung des Vereins. Bereits um 17 Uhr soll es in Brandis eine Demonstration geben, mit der darauf aufmerksam gemacht werden soll, dass die Attacke vom Oktober »nur krasser Auswuchs einer inakzeptablen Normalität« sei: Neonazis trieben im Umfeld vieler Fußballvereine in der Region ihr Unwesen; Spieler und Fans von Roter Stern, der sich als antifaschistisch orientiert versteht, werden regelmäßig angepöbelt, so beim Auswärtsspiel am Montag in Beilrode. Dort waren erneut Neonazis am Spielfeld präsent. Entschiede man sich, in einem solchen Umfeld nicht mehr spielen zu wollen, so heißt es in der Erklärung, »dann bräuchten wir kaum noch anzutreten«.
Sportlich zeitigte der Überfall offenkundig Wirkung. Als Aufsteiger war Roter Stern furios in die Saison gestartet und hatte acht Spiele in Folge gewonnen. Die beeindruckende Serie riss mit der Attacke: Seither hat der Verein sechs Spiele verloren und konnte daneben nur noch ein Unentschieden und zwei Siege verbuchen. »Der Gedanke an Brandis spielt immer mit«, sagt die Sprecherin: »Manche haben sich gefragt, warum sie sich das überhaupt noch antun.« Die Spiele von Roter Stern finden seither allesamt unter Polizeischutz statt. Dass ein Verein wegen seiner antifaschistischen Positionen beschützt werden müsse, sei bezeichnend für die Situation, heißt es beim Verein.
Erleichtert ist man immerhin über die juristische Aufarbeitung. Nach der Attacke seien 35 Ermittlungsverfahren eingeleitet und 20 abgeschlossen worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gestern dem ND. In 15 Fällen wurde Anklage wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung erhoben. Zwei Täter wurden bereits verurteilt – einmal zu zwei Jahren und zwei Monaten, einmal zu drei Jahren Haft. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Gegen einen dritten Beteiligten, der wie die Verurteilten in U-Haft genommen wurde, findet die Hauptverhandlung im Mai statt. Von vier Tätern ist ND-Informationen zufolge bekannt, dass sie bei Kommunalwahlen für die NPD kandidierten.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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