Von Christian Klemm, Managua
09.04.2010

Bertolt Brecht im Knast von Matagalpa

Ein deutsches Projekt versorgt seit 23 Jahren die Armen in Nicaragua mit Büchern

1
Vor dem Bibliobus drängeln sich die Schulkinder des Colegio Alejandro Vega Matus

Pünktlich um 6.30 Uhr lässt Reybil Cuaresma den Motor an. Managua, die nicaraguanische Hauptstadt, ist bereits zum Leben erwacht: Kinder in Uniform sind auf dem Weg zur Schule, vollgestopfte Busse knattern durch die Straßen und fliegende Händler bieten an den Kreuzungen der Millionen-Metropole ihre Waren an. Cuaresma und sein vierköpfiges Team von der Biblioteca Alemana-Nicaraguense (deutsch-nicaraguanischen Bibliothek) machen sich auf den Weg nach Matagalpa, einer Stadt in den nördlichen Bergen des größten mittelamerikanischen Landes. Sie sind im »Bibliobus Bertolt Brecht«, einem umgebauten Kleintransporter der Marke Toyota, unterwegs. Ihre Ladung: etwa 400 Bücher und Zeitschriften, bestimmt für die Gefangenen des staatlichen Gefängnisses in Matagalpa.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt sind die Fünf am Zielort angekommen. Die Sonne brennt schon am frühen Morgen, nur der Wind macht die Hitze in der Bergregion etwas erträglicher. Das Gefängnis ist von einer Mauer umzogen; Zäune und Stacheldraht sichern das Gelände. Um das Gefängnis betreten zu können, müssen Besucher eine Schleuse passieren. Mobiltelefone und Kameras werden dort von den Beamten beschlagnahmt.

Knackis auf der Suche nach guten Büchern

Die Knackis betreten in Kleingruppen den Bibliobus. Es ist eng. Viel Zeit zum Stöbern bleibt den Insassen nicht, denn die Mithäftlinge warten schon in ihren Zellen, dass auch sie sich Bücher aussuchen können. Immer wieder werden Gedichte des nicaraguanischen Dichters Ruben Dario nachgefragt. Ebenso stehen Romane von Paulo Coelho, Jorge Bucay und Isabel Allende bei den Gefangenen hoch im Kurs. Aber auch Märchen, Geschichtsbücher und Politisches wecken die Neugierde der Gefangenen.

Zum Teil wird im Gefängnis gelesen, um der Langeweile für einige Stunden zu entkommen, sagt Eddie im Gespräch mit ND. Er sitzt seit fünf Jahren in Matagalpa ein und hilft Cuaresma und seinen Kollegen einmal im Monat bei der Ausleihe. »Die Bücher werden aber auch als Ergänzung zum Unterricht genutzt«, so der Nicaraguaner. Im Gefängnis ist es für die Gefangenen möglich, einen Schulabschluss nachzuholen. Etwa 100 Gefangene leihen an diesem Tag rund 200 Bücher aus.

2
Reybil Cuaresma saß schon am Steuer des Robur (unten), der bis 1995 über die Berge Nicaraguas fuhr.

Seit 1987 fährt der Bibliobus durch Nicaragua. Er steuert regelmäßig die Gefängnisse in Chinandega, Granada und Matagalpa sowie das Frauengefängnis »La Esperanza« bei Managua an. Außerdem bringt er Bücher in Schulen nach Nindiri, Niquinohomo, der Geburtsstadt des Nationalhelden Augusto C. Sandino, und Laguna de Apoyo. Gegründet wurde das Projekt von Elisabeth Zilz. Die Bibliothekarin, heute stolze 87 Jahre alt, kam 1984 mit der ökumenischen Gruppe »Gerechtigkeit und Frieden« erstmals in das Land der Seen und Vulkane. Wie viele andere Linke war auch sie mit der sandinistischen Revolution, die 1979 über die US-hörige Somoza-Diktatur siegte, solidarisch und verrichtete Feldarbeit in einer Kooperative in der Nähe der nicaraguanisch-honduranischen Grenze.

Das erste Fahrzeug für das Projekt Bibliobus kam aus Ostdeutschland, gibt Zilz Auskunft und schwelgt in Erinnerungen aus Revolutionszeiten. Es war ein Kleinbus der Marke Robur, Modell LD 3002, gebaut in Zittau, Ostsachsen. Im Gegensatz zur Bundesrepublik, die die Sandinisten als Agenten Moskaus verteufelte, griff die DDR dem befreiten Nicaragua großzügig unter die Arme. Der Robur hat bis 1995 seinen Dienst getan. Seitdem kurvt Reybil Cuaresma, der mit einer Unterbrechung von vier Jahren seit 1987 am Steuer des Bibliobusses »Bertolt Brecht« sitzt, mit dem Toyota durch Nicaragua. »Bei der Ankunft des Bibliobusses steht den Menschen die Freude ins Gesicht geschrieben«, sagt er nicht ohne Stolz.

Nach der Revolution ging es weiter

Die deutsch-nicaraguanische Bibliothek in Managua ist eine öffentliche Einrichtung. Nur ein Obolus von 10 US-Dollar, etwa 200 nicaraguanische Cordobas, muss im Jahr gezahlt werden, um Bücher aus dem gesamten Sortiment ausleihen zu können. Elisabeth Zilz führte das Projekt auch nach der Abwahl der Sandinisten 1990 weiter. Die Regierung war zwar plötzlich eine andere, sagt sie rückblickend, »doch die Menschen waren nach wie vor dieselben«. Seit 2001 ist die Bibliothek mit rund 12 000 Büchern in spanischer Sprache im Stadtviertel linda vista (schöner Ausblick) untergebracht.

Seit August vergangenen Jahres ist die Österreicherin Tina Reiter für die öffentliche Bibliothek und ihre zwölf Mitarbeiter verantwortlich. 2009 wurden etwa 9000 Bücher im Bibliobus und rund 45 000 Bücher in der Bibliothek ausgeliehen. Regelmäßig ist Zilz auf der Buchmesse in Frankfurt am Main und wirbt Spenden für die Bibliothek in Managua. Vergangenes Jahr haben Zilz und Reiter rund 600 Bücher aus Frankfurt mitgebracht. »Die spanischen Verlage kennen mich schon«, so die Rentnerin gegenüber ND.

3

Finanziert wird der Bibliobus durch den gemeinnützigen Verein »Pan y Arte« (Brot und Kunst) in Deutschland. Dessen Vorsitzender ist Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen. Wie Zilz war auch Scherf Brigadist im sandinistischen Nicaragua. Der Verein betreibt dort drei weitere Projekte: die Künstlerprojekte »Casa Tres Mundos« (Granada) und »Musica en los Barrios« (Managua) sowie den Aufbau des Dorfes Malacatoya. Außerdem erhält die Bibliothek einen Zuschuss von 5000 US-Dollar jährlich vom nicaraguanischen Parlament.

Die Fahrt mit dem Bibliobus von Managua zum Colegio Alejandro Vega Matus dauert etwa eine Stunde. Die staatliche Schule liegt nur wenige Kilometer von dem Dorf Nindiri entfernt. Eine Buckelpiste abseits der Haupstraße führt dorthin. Es ist staubig und heiß, Hühner laufen über die Straße und die Häuser der Einwohner sind in einem erbärmlichen Zustand. Auch der Sportplatz, auf dem nachmittags Baseball und Fußball gespielt wird, hat schon bessere Tage gesehen. Etwa 530 Kinder lernen im Colegio, der Schulbesuch ist kostenlos.

Daniel Ortega, Präsident Nicaraguas und Vorsitzender der Frente Sandinista de la Liberacion Nacional (FSLN – Sandinistische Befreiungsfront), treibt den Ausbau des öffentlichen Schulsystems voran. In seiner gegenwärtigen etwa dreijährigen Amtszeit ist es seiner Regierung gelungen, die Analphabetenquote der erwachsenen Bevölkerung von etwa 20 Prozent unter 4 Prozent zu drücken. Zweifellos ein großer Erfolg der FSLN. Dennoch, auch im Colegio Alejandro Vega Matus zeigen sich die Defizite des öffentlichen Schulsystems in Nicaragua: In den Klassen sitzen bis zu 40 Schüler und es fehlt an Büchern und anderen Unterrichtsmaterialien.

Michael Ende und Erich Kästner an Bord

Ruckwärts fährt Cuaresma den Bibliobus auf den kleinen Schulhof. Heute hat er ausschließlich Kinderbücher und Jugendliteratur an Bord. »Emil und die Detektive« von Erich Kästner und »Momo« von Michael Ende liegen unter anderem im Bus für die Kinder bereit. Ebenso sind Bilderbücher sowie Comics im Angebot. Jeder Schüler kann ein Buch ausleihen und bis zum nächsten Besuch des Bibliobusses im kommenden Monat zu Hause lesen.

Die Schüler in ihren Schuluniformen drängeln sich vor die schmale Treppe, die in den Bus führt. Sie durchforsten das Sortiment, und schon nach wenigen Minuten sind die meisten fündig geworden und bringen ein Buch zur Ausleihe. Dann schrillt die Klingel. Die Schule ist zu Ende und die Kinder gehen nach Hause. Im Ranzen ein Buch der deutsch-nicaraguanischen Bibliothek in Managua.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken