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Vignette: Chow Ming
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Akira Endo ist mein neuer wissenschaftlicher Held, seitdem ich selber Statine einnehme. Durch seine Entdeckung der Statine rettete er Millionen Menschenleben vor dem Herzinfarkt.
Statine sind Medikamente, die den Cholesterinspiegel, genauer das »schlechte« Cholesterin (LDL – low density lipoprotein), drastisch senken. Von 1994 bis 2004 sank die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den USA immerhin um 33 Prozent. Fachleute führen das auch auf die Statine zurück.
Endo wuchs im kalten Norden Japans auf, wo ihn sein Vater mit den Pilzen in den Wäldern vertraut machte. Besonders faszinierte ihn ein Pilz, der Fliegen tötete, für Menschen aber ungefährlich war, ein Verwandter unseres Fliegenpilzes. Als Endo nach dem Studium zur Firma Sankyo kam, blieb er den Pilzen treu: Zuerst fand er in einem davon ein Enzym, das die Fruchtsaftproduktion ergiebiger machte. Das Produkt war ein Hit und die Firma schickte Endo zur Cholesterinforschung in die USA. Mitte der 60er Jahre wurde klar, dass Cholesterin eine zentrale Rolle bei Herzkrankheiten spielt.
Cholesterin gelangt durch die Nahrung in den Körper oder wird in der Leber gebildet. Nahrung mit vielen gesättigten Fettsäuren führt zu Herzproblemen. Man wusste inzwischen, dass sich der Cholesterinspiegel im Blut senken lässt, wenn man die sogenannte HMG CoA Reduktase hemmt, ein Enzym der Cholesterinsynthese. Zurück in Japan machte sich Akira Endo auf die Suche nach geeigneten Hemmstoffen. Zweieinhalb Jahre lang untersuchte er 6392 verschiedene Pilze – eine Sisyphus-Arbeit.
Warum wieder Pilze? Endo nahm richtig an, dass Pilze in der Natur Bakterien attackieren, indem sie deren cholesterinhaltige Zellwände angreifen. Und tatsächlich: Im August 1973 wurde Endo (wie sein Vorbild Alexander Fleming) ausgerechnet bei einem Pinselschimmel fündig. Penicillium citrinum wächst auf Orangen. Der hemmende Stoff – Compactin genannt – funktionierte allerdings bei Laborratten nicht. Da schlug ihm ein Kollege Hühner vor. Immerhin: Legehennen bilden eine Menge Cholesterol für ihre Eier. Tatsächlich wirkte das Mittel bei Hühnern.
Die Firma blieb jedoch skeptisch, nur sein unmittelbarer Chef glaubte noch an Endo. Mit seiner Hilfe startete im Krankenhaus der Uni Osaka ein streng geheimes Experiment, das heutzutage wahrscheinlich an einer Ethik-Kommission scheitern würde: Eine 18jährige Patientin hatte aufgrund eines Gendefekts extrem hohe Cholesterinwerte. Das Mädchen erfuhr nicht nur die heilende, sondern als erste auch eine der Nebenwirkungen der Statine: Muskelschmerzen. Doch die Dosis konnte verringert werden, die Schmerzen verschwanden. Die Patientin in Japan lebt noch heute. Mit dieser Dosis ging bei anderen Patienten das Cholesterin ebenfalls zurück, um ganze 27 Prozent. Damit war auch Sankyo überzeugt. Endo jedoch kündigte ganz unjapanisch und wurde Professor an der Noko University in Tokio.
Inzwischen war auch die Firma Merck auf der Suche nach Statinen. 1978, nur zwei Jahre später, fand das Unternehmen einen weiteren Pilz, dessen Lovastatin genannter Wirkstoff 1987 in den USA als erstes Statin unter dem Namen Mevacor auf den Markt kam. Mitte der 90er Jahre brachten Statine Milliarden Umsatz. Auch heute ist ein Statin – diesmal von Pfizer – mit 12 Milliarden US-Dollars im Jahr umsatzstärkstes Arzneimittel. Endo selber bekam nicht einen Cent von Sankyo für die Entdeckung der Statine.
Der inzwischen pensionierte Forscher schrieb mir eine freundliche E-Mail aus Tokio: »2004 fand ein Doktor bei mir einen zu hohen Cholesterinwert: Das LDL lag bei 155 Milligramm pro Deziliter.« Nicht ahnend, wen er vor sich hatte, empfahl ihm der Arzt natürlich ein Statin. Endo nahm es eine Weile, verzichtete dann aber und brachte den Cholesterinwert durch gesundes Essen und körperliche Übungen auf 130 herunter. »Wie sagen wir Japaner? Der Indigo-Färber trägt selber weiße Hosen.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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