Von Christian Klemm
12.04.2010
Medienkolumne

Bloggen gegen Kuba

Nach dem Tod des Oppositionellen Orlando Zapata und den Protesten gegen die kubanische Regierung in Miami und Los Angeles wird in der deutschen Presse wieder ausführlich über Kuba berichtet. Doch die Berichterstattung ist – und das schon seit vielen Jahren – in der Regel politisch einseitig. Von einer »Diktatur des Brüderclans Castro« (»Tagesspiegel«) und einem »Gulag in der Karibik« (»Welt Online«) ist zu lesen. Ähnlich tendenziös berichten deutsche Medien über die Volksrepublik China oder die Bolivarianische Republik Venezuela.

Oppositionelle haben es nach Ansicht der konservativen Medienanstalten in diesen vermeintlich totalitären Staaten schwer. So die 34-jährige Journalistin Yoani Sanchez. Auf der Internetseite www.desdecuba.com führt sie den Blog »Generacion Y«, eine Art virtuelles Tagebuch. Darin schildert Sanchez seit knapp drei Jahren aus ihrer Sicht Fehlentwicklungen und Unzulänglichkeiten des kubanischen Staates.

Ihr Blog wird in 17 Sprachen übersetzt und hat mehrere Millionen Zugriffe monatlich. Mittlerweile ist die Bloggerin über Kuba hinaus bekannt und ihre Beiträge werden von internationalen Zeitungen gedruckt, zum Beispiel von der »tageszeitung« (taz) aus Berlin.

Für ihren Blog wurde Sanchez international mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Weblog-Award der Deutschen Welle und dem Maria-Moors-Cabot-Preis, einer der ältesten Journalistenauszeichnungen in den Vereinigten Staaten. Außerdem zählte das »Time«-Magazin die Autorin zu den 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2008.

Die Texte von Yoani Sanchez haben einen ähnlichen Duktus wie die ihrer bereits zitierten Kollegen aus der Bundesrepublik. Die Beiträge gehen mit der Regierung in Havanna hart ins Gericht. Ihr Blog ist befangen, wie es die bürgerlichen Medienlandschaft bei uns ist.

Für viel Aufregung sorgte die Verhaftung von Sanchez im November des vergangenen Jahres. Auf offener Straße seien sie und ihr Kollege Orlando Luis Pardo von Männern in ein Auto gezerrt und körperlich misshandelt worden, so die Kubanerin später auf ihrem Blog. Darin ist von einer »Salve von Schlägen« die Rede, die auf sie niederging. Medien auf beiden Seiten des Atlantiks berichteten ausführlich über die Ereignisse. Offensichtlich ist Yoani Sanchez' Aufmerksamkeit im Ausland darauf zurückzuführen, dass sie die Meinung der Gegner der kubanischen Revolution vertritt.

Nicht alles, was Sanchez auf »Generacion Y« schreibt, lässt sich überprüfen. Trotz der schweren Misshandlungen konnte der BBC-Reporter in Havanna, Fernando Ravsberg, der sie wenige Tage nach den Vorfällen zu Gesicht bekam, keine »Hämatome, Stellen oder Narben« bei ihr feststellen. Hat Sanchez die Fakten vielleicht doch nicht ganz richtig dargestellt?

Die »Causa Sanchez« reißt alte Wunden auf: Denn eine eigene Meinung ist ein Grundrecht, auch und gerade in einem sozialistischen Staat. Wer dieses Recht unterbindet, wiederholt Fehlentwicklungen, die auch in Osteuropa bis 1989 geschehen sind. Dort wurden Regimegegner pauschal als Konterrevolutionäre bezeichnet und aufs Abstellgleis geschoben. Diese Deckelung hat dazu beigetragen, dass der »realexistierende Sozialismus« scheiterte. Sie hat dem kapitalistischen Westen einen Teil der Munition geliefert, um den Sozialismus zu diskreditieren. Diese politische Linie kann keine Orientierung für fortschrittliche Staaten heute sein.

Im Tagesgeschäft lassen »Bild«, »Spiegel« und »Stern« Vertreter der deutschen außerparlamentarischen Opposition kaum zu Wort kommen. Wird aber über »Schurkenstaaten« wie Kuba, China oder Venezuela berichtet, machen Springer und Co. eine Drehung um 180 Grad: »Dissidenten« wird viel Platz eingeräumt, offizielle Quellen werden dagegen kaum zitiert. Ein Phänomen, das im Fall Kuba zum Dauerzustand geworden ist.