Von Julian Bartosz, Wroclaw und Irina Wolkowa, Moskau
12.04.2010

Eine Woche Staatstrauer in Polen

Präsident Lech Kaczynski und zahlreiche hochrangige Politiker bei Flugzeugabsturz getötet

Nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski ist Polen in tiefer Trauer versunken. Das Flugzeug des Staatschefs und seiner Begleitung war am Sonnabend beim Anflug auf das westrussische Smolensk abgestürzt. Politiker in aller Welt würdigten am Wochenende den polnischen Politiker.

»Die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt«, sagte Polens Ministerpräsident Donald Tusk am Sonnabend nach einer Krisensitzung seines Kabinetts. Gemäß Verfassung übernahm Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski die Amtsgeschäfte des Staatschefs und ordnete in einer seiner ersten Amtshandlungen eine einwöchige Staatstrauer an.

Kaczynski und seine Delegation wollten an einer Gedenkfeier in Katyn teilnehmen, wo sowjetische Einheiten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs etwa 4000 ermordete Polen verscharrt hatten. An Bord der Tupolew TU-154 saßen nach polnischen Angaben neben Kaczynski dessen Ehefrau Maria der polnische Generalstabschef Franciszek Gagor, Nationalbankchef Slawomir Skrzypek und Vizeaußenminister Andrzej Kremer. Auch zahlreiche Parlamentarier sowie nahezu die gesamte Führung der polnischen Armee waren unter den Passagieren. Laut der vom russischen Katastrophenministerium veröffentlichten Passagierliste befanden sich 97 Menschen an Bord: 89 Mitglieder der polnischen Delegation und acht Besatzungsmitglieder.

Zum Gedenken an die Opfer des tragischen Flugzeugabsturzes hielt das ganze Land am Sonntagmittag für zwei Minuten inne. Vor dem Parlament in Warschau würdigte Ministerpräsident Donald Tusk seinen früheren politischen Widersacher mit einem Kniefall. Die Prachtallee vor dem Präsidentenpalast im Zentrum von Warschau wurde schon am Sonnabend zum Ort nationaler Besinnung. Auch in der Nacht zum Sonntag riss der Strom der Menschen, die dem Staatsoberhaupt die letzte Ehre erweisen wollten, nicht ab. Selbst junge Leute, die nicht unbedingt zur Wählerschaft des nationalkonservativen Präsidenten zählten, zeigten Betroffenheit. Der Platz vor dem Präsidentensitz glich einem Meer aus Kerzen und Blumen.

Auch im Ausland zeigten sich Politiker schockiert über das Unglück. Der Absturz, so der russische Premier Wladimir Putin, sei nicht nur für das polnische Volk, sondern auch für Russland eine Tragödie. Die von ihm geleitete Staatskommission werde gemeinsam mit der polnischen Seite eine gründliche Untersuchung vornehmen und den Angehörigen der Opfer, die inzwischen in Moskau eingetroffen sind, jede Hilfe zuteil werden lassen. Zuvor hatte Putin zusammen mit Präsident Dmitri Medwedjew, der ebenfalls sehr betroffen wirkte, in dessen Residenz in Moskau eine geweihte Kerze für die Opfer entzündet.

»Der heutige Verlust ist verheerend für Polen, die USA und die Welt«, erklärte US-Präsident Barack Obama am Sonnabend. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle zeigten sich gleichermaßen erschüttert über den Tod Kaczynskis und seiner Begleitung; Bundesinnenminister Thomas de Maizière ordnete Trauerbeflaggung am Tag der offiziellen Trauerfeier für den Präsidenten an.

Für Polens politische Klasse wird der Tod so vieler Spitzenpolitiker und Staatsbeamter zur Bewährungsprobe. Innerhalb von zehn Wochen sollen nun vorgezogene Präsidentenwahlen stattfinden. Ursprünglich sollte das neue Staatsoberhaupt erst im Herbst gewählt werden. Der Parlamentspräsident und amtierende Staatschef Komorowski, den seine Regierungspartei Bürgerplattform bereits zum Kandidaten ernannt hatte, musste unerwartet schnell seine staatsmännische Qualität unter Beweis stellen. Angesichts des nationalen Dramas gebe es heute »keine Rechte und keine Linke«, sagte er in einer Fernsehrede an die Nation.

Der Sarg des polnischen Präsident war am Sonntagnachmittag in Warschau eingetroffen. Die Leichen der anderen Opfer waren nach Moskau überführt worden, wo sie von Angehörigen in Empfang genommen wurden. Russische und polnische Ermittler begannen inzwischen mit der Auswertung der beiden Flugschreiber. Als Unglücksursache wurde menschliches Versagen angenommen. Von den russischen Behörden wurde ein Pilotenfehler für die Katastrophe verantwortlich gemacht.