Als Igor Stravinsky 1913 seinen »Sacre du printemps« in Paris uraufführt, ist im Theater der Teufel los. Zu dissonant, zu anders, zu primitiv, zu früh. Das juwelengeschmückte Publikum tobt. Sieben Jahre und eine Oktoberrevolution später lebt Stravinsky mit Frau, vier Kindern und deren Amme als Revolutions-Flüchtling in einer Pariser Pension. Coco Chanel hat Geld, und sie hat Interesse. An Stravinsky. Als Künstler. Und als Mann. Mit einer Großzügigkeit, hinter der nicht allzu versteckte Absichten stecken, lädt die Modeschöpferin den Komponisten und seine Familie ein, in ihre Villa vor den Toren von Paris zu ziehen, wo der Maestro doch viel besser komponieren könne. Der sträubt sich ein wenig, nimmt die Geste dann doch an. Und findet sich in einer schwarz-weiß-eierschalfarbenen Eleganz wieder, die ganz und gar nicht kindgerecht ist, sich aber wunderbar als Setting für eine leidenschaftliche Eskapade eignet. Die dann auch prompt ihren Gang nimmt.
Während Madame Stravinsky, schwer tuberkulös, den farbfreien Geometrien der stilbeflissen modernistischen Einrichtung durch rote Ethno-Decken Wärme und die persönliche Note zu geben sucht, die ihr vor lauter Eleganz abgehen, und mit blassblauen Augen beobachtet, was sich da anbahnt, macht Stravinsky sich erst mal über das Klavier her. Und lässt sich dann, nicht allzu lange widerstrebend, von der Hausherrin verführen. (Hausfrau wäre hier eindeutig ganz das falsche Wort.) Während die Kinder im Garten toben und die bettlägerige Gattin schweigend leidet, wenn unten im Arbeitszimmer das Klavier verstummt, streifen Chanel und Stravinsky schwarz-weiße Kleidung ab, um sich bildschön auf schwarz-weißen Teppichen, Sofas, Bettdecken zu lieben.
Was klingen könnte wie eine reine Ausstattungsorgie, der Traum jeden Kostümbildners, ist in Jan Kounens Inszenierung ganz klar der Zusammenstoß zweier Welten. Die Schnittmenge, die den russischen Exilanten und mehrfachen Familienvater und die finanziell wie emotional unabhängige Unternehmerin vereint, ist die Kunst. Das aber will Stravinsky nicht anerkennen. Als er Chanel erzählt, sie verkaufe ja bloß Stoffe, und damit ihre Kunst herabsetzt, herrscht plötzlich Eiseskälte zwischen den beiden. Dass seine Gattin just diesen Moment wählt, sich mit den Kindern in das Meeresklima von Biarritz mit seiner russischen Exilgemeinde zurückzuziehen, lässt die gegenseitige Ernüchterung nach der grenzensprengenden Leidenschaft in der plötzlich leeren Villa physisch greifbar werden.
Anna Mouglalis ist eine spröde Coco, schwanenhalsig elegant, willensstark bis zur Unbarmherzigkeit und auch beruflich eine rechte Menschenschindern. Mads Mikkelsen als Stravinsky ist von stillerer Egomanie, aber Egomanie ist es doch. Ein schöner Film, auch wenn die ganze Affäre vielleicht nur in der Fantasie eines Romanautors existierte.
Chris Greenhalgh: Coco Chanel & Igor Strawinsky. Roman, aus dem Englischen von Nathalie Lemmens. Edition Elke Heidenreich bei C.Bertelsmann, 352 S., geb., 22,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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