16.04.2010

Der Saboteur von Sachsenhausen

Der Leipziger Arbeiterjunge Karl Stenzel war elf Jahre in Nazihaft

»Ich habe den Faschisten den Kampf angesagt.« ND-
»Ich habe den Faschisten den Kampf angesagt.«

»Es war eine Hundsgemeinheit«, schimpft Karl Stenzel. »Abseits vom Rathausplatz standen ungefähr 30 Neonazis. Als wir unsere Kundgebung eröffneten, marschierten sie an, begleitet von Polizei. Auf jeden Nazi kam ein Polizist. Kaum hatten wir mit der Verlesung der Namen der jüdischen Opfer in Zossen begonnen, insgesamt 80, fingen die Nazis an zu brüllen: ›Lüge, Lüge‹ und ›Heil Hitler‹. Die Polizei stand daneben, sagte nichts, schritt nicht ein.« Die Empörung sitzt tief. Sie speist sich aus schlimmsten Erfahrungen unter der Nazidiktatur. Elf von zwölf Jahren des »Tausendjährigen Reiches« saß Karl Stenzel, der am 23. April seinen 95. begeht, in faschistischen Gefängnissen und Lagern.

Der Sohn eines Schlossers, der auch Schlosser wird, gehört der Kommunistischen Jugend an. Die Stenzels wohnen in Leipzig-Ost, einem Arbeiterviertel. Kurz vor dem 1. Mai 1933 sucht ihn ein HJ-Führer auf: »Hör mal, zum Tag der Nationalen Arbeit marschierst du mit uns.« Das kommt für Karl nicht in Frage: »Ich habe ihm einen Vogel gezeigt.« Am 2. Mai kommen SA-Leute, verschleppen Karl in ihr »Knüppelheim« und quälen ihn einen ganzen Tag lang. Für Karl ist das Wesen des Faschismus nunmehr ganz konkret. Er ist jetzt umso aktiver dabei, die Hitlerdiktatur zu bekämpfen. Mit seinen Gefährten vom KJVD klebt er nachts Plakate und malt Parolen.

Im Juni 1933 greift die Gestapo zu. Fünf Monate muss Karl im KZ Sachsenburg verbüßen. Nach seiner Entlassung macht er unbeirrt weiter. Klebt und malt. Malt und klebt. Und wieder wird er verhaftet. Im November 1934. Diesmal wird es lange, sehr lange dauern, bis er sich wieder einen freien Menschen auf freiem Grund nennen darf. »Ich habe nach elf Monaten Untersuchungshaft noch sechs Jahre Zuchthaus aufgebrummt bekommen.« Drei Jahre sitzt er in Waldheim ab. Dann wird er ins Emsland geschickt. Er wird ein Moorsoldat. Als die Wehrmacht Polen überfällt, sperrt man ihn in Hamburg-Fuhlsbüttel weg.

Überall, wohin er kommt, erfährt Karl Solidarität. »Ich hatte einmal drei Wochen strengen Arrest. Da kommt man ausgehungert in seine Zelle zurück. Ich fand ein paar Stücke Rauchfleisch, ein paar Scheiben Brot, Marmelade und Margarine in meinem Schrank.« Fatal, Karl stürzt sich heißhungrig auf die Gabe seiner Zellengenossen. »Ich hatte vier Wochen Leibschmerzen.«

Lektionen in Mitmenschlichkeit gibt Karl dann selbst weiter – in Sachsenhausen. Im KZ bei Oranienburg ist er zunächst Vorarbeiter der Häftlingspoststelle. »Das war eine wichtige Funktion. Einfachen Häftlingen war es verboten, in eine andere Baracke zu gehen, ich durfte. So war ich in der Verteilung der Lebensmittel, die wir der SS mausten, eine wichtige Stelle.« Beim »Mausen« machen Horst Sindermann und Max Reimann mit.

Die letzten neun Monate ist Karl Vorarbeiter in der Granatenproduktion im Außenlager Falkensee. Die Sabotage polnischer Häftlinge ist zu offenkundig. Ein Pole bricht den Hartmetalleinsatz im Schneidestahl zu früh aus. Der Meister tobt: »Das hat der mit Absicht gemacht!« Die Polen sprechen bei Karl vor: »Vorarbeiter, kannst du nicht was machen?« Karl geht zum Meister: »Lassen wir doch die Sache ruhen. Der ist wahrscheinlich eingeschlafen.« Der Meister wiederholt: »Nein, das hat der mit Absicht gemacht. Ich muss Meldung machen.« Wenn Sabotage gemeldet wird, kommt der Galgenwagen aus Sachsenhausen. Vor versammelter Mannschaft wird dem Deliquenten die Schlinge um den Hals gelegt. »Da konnte ich nicht anders, ich sagte dem Meister: ›Sie müssen auch an sich denken. Der Junge wird aufgehängt, Sie bleiben hier. Was denken Sie, was passiert, wenn der Krieg aus ist? Hier, an dieser Maschine hängen sie Sie auf. Die warten nur darauf.‹« Karl weiß, seine Drohung ist heftig. Aber es geht gut aus. »Der ist mir den ganzen Tag nicht vom Hacken gegangen, hat immer wieder beteuert, dass er keine Meldung macht.« Dennoch, Karl ist sauer. Er beschwert sich beim illegalen Lagerkomitee: »Wenn eure Leute solche Dummheiten machen, wieso muss ich meinen Kopf riskieren?« Das Komitee gibt die Weisung aus: keine individuelle Sabotage mehr, nur mit Stenzels Genehmigung.

Karl weiß, wie man es anstellt, ohne erwischt zu werden. Seine Aufgabe ist es, die Arbeitskommandos einzuteilen. Er kennt jede Maschine, kann jede bedienen und weiß, wo sie emfpindlich ist. Die Herstellung einer Granate erfolgt in fünf Arbeitsgängen, an fünf hintereinander aufgestellten Maschinen. In den Rhytmus der Produktion gilt es einzugreifen. Im Warenmagazin lässt er sich einen Kasten mit den Stahlstäben zeigen und befindet: »Der Stahl ist falsch geschliffen. Der geht zurück.« Ein Stahlstab hält zwei Stunden. Wenn kein Ersatz mehr da ist, stehen die Maschinen still. Karl spielt dem Ingenieur Empörung vor: »Was ist das für eine Schweinerei! Nicht mal genügend Stäbe sind vorrätig.«

Ein anderes Beispiel: Wenn die Granathülsen fertig gestanzt und geschliffen sind, werden sie in einem Farbkarussell gespritzt. Karl lässt die Häftlinge in der Werkhalle wissen, dass er Felix sprechen möchte. Felix ist Franzose und fährt den Elektrokarren. »Felix kam und ich sagte ihm, was ich vorhatte. Er sagte: ›Klar, kann ich machen.‹« Felix fährt in die Spritzerei: »Das ist die falsche Farbe.« Er lädt die Töpfe auf, fährt sie weg und kommt nicht wieder. Die Arbeit ruht. Der Ingenieur schimpft.

Derweil Karl an weiteren Möglichkeiten zur Sabotage tüftelt, rollt die Front näher heran. Im Lager Falkensee bildet sich ein Befreiungskomitee, den Aufstandsplan schmiedet ein Franzose. Auch Karl bekommt ein Kommando. Die sowjetischen Kriegsgefangenen bestehen auf ihrem eigenen. »Sie haben uns informiert, dass sie mitmachen, aber nicht unter unserem Befehl stehen.« Klar für Karl: »Das war eine Frage der Ehre für die Russen.« Stalin hatte verkündet, es gebe keine sowjetischen Kriegsgefangenen, nur Überläufer.

Am 21. April 1945 kommt der Befehl zur Evakuierung. Drei Häftlinge, darunter Reimann, gehen zum Kommandanten: Es gäbe zu viele Kranke, die könnten nicht auf Marsch; man würde am Ort bleiben, wenn er mit seiner Truppe an die Front müsse. Der Kommandant ist einverstanden. Die SS zieht ab. Fünf Tage später feiern die Häftlinge mit Sowjetsoldaten ihre Befreiung.

Die ausführliche Geschichte des Karl Stenzel, notiert von Karlen Vesper, ist nachzulesen in »Licht in dunkler Nacht. Zwölf Gespräche mit anderen Deutschen« (von Kurt J. Goldstein bis Markus Wolf; Vorwort Heinrich Fink, Pahl-Rugen-stein, 141 S., br., 12,90 €; erhältlich beim ND-Bücherservice).

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