17.04.2010
8. ND-Lesergeschichten-Wettbewerb

Mit den Jahren wird das Jahr immer kürzer

Je älter man wird desto schneller vergeht die Zeit. Diesen Satz meiner Oma habe ich nicht nur einmal gehört und fand ihn als Kind blöd. Wie sollte das denn gehen? Mehrmals versuchte ich, allerdings vergeblich, meine Oma davon zu überzeugen, dass diese Aussage so nicht stimmen kann. Ich hatte keine Ahnung davon, dass ich, jetzt wo ich 55 Jahre werde, selber das Gefühl habe.

Mit sechs oder sieben Jahren freute ich mich immer über den Frühling, weil da das Wetter schöner wurde und wir Kinder nicht mehr die blöden Strümpfe mit Leibchen tragen mussten. Es war endlich wieder Zeit für Kniestrümpfe. Da ich auch damals schon nicht die Dünnste war, hatte ich am Abend immer Rillen an den Beinen, vom Gummi, welches sich tagsüber in meine Waden knipste.

Am 1. Mai wurde sich immer schick angezogen, es war ja schließlich ein Feiertag. Mein Vater zog sich seinen hellen Trenchcoat an und nahm einen Regenschirm mit, nicht zu vergessen die rote Nelke im Knopfloch. War nun das Wetter schön, durfte ich die Kniestrümpfe anziehen – weiße. Mir wurde von Mutti eine schöne Frisur gemachte, ich hatte lange Haare, und Mutti sah auch toll aus, sie hatte rote Lippen und trug Ohrringe. Wir trafen uns dann mit Vati, der war schon vorgegangen und hatte sich mit seinen Kollegen und Kolleginnen getroffen. Der Fanfarenzug spielte und wir marschierten an der Tribüne vorbei, und wir winkten den Mitgliedern der Bezirksleitung freundlich zu.

Danach wanderten wir alle gemeinsam oftmals zu einem Arbeitskollegen, welcher ein Haus mit Garten hatte. Für mich wohnte er damals sehr weit weg, es sind nicht einmal fünf Kilometer. Aber, ehrlich gesagt, ich bin damals schon nicht gerne gelaufen. Dort wurde dann gefeiert. Da wir in Thüringen wohnen, gab es natürlich Bratwürste und Kartoffelsalat und rote Brause für uns Kinder manchmal auch grüne. Die wurde dann aber plötzlich verboten, denn Waldmeister wäre gefährlich, heute nicht mehr, so ändern sich die Laborergebnisse.

Die Väter tranken Bier und »Weißen« und die Mütter Bowle. Es war ja, wie schon erwähnt, Feiertag, also wurde auch gefeiert. Wir spielten Karten oder Würfeln und hörten die Musik etwas lauter als sonst. Abends fuhren wir mit dem O-Bus nach Hause. Für mich dauerte es dann immer ewig, bis wir uns wiedertrafen. Auch die Ferien lagen in weiter Ferne. Also, die Zeit verging mir zu langsam.

Heute nun frage ich mich: Es ist 2010 und schon April, wie schnell vergeht denn die Zeit? Wir leben schon 20 Jahre in einer neuen Gesellschaftsordnung, und bald ist wieder 1. Mai. Ist er nun ein Feiertag, oder sollten wir ihn als Kampftag sehen? Ich denke, beides stimmt.

Einige Kinder der ehemaligen Arbeitskollegen unserer Eltern sind heute noch befreundet. Wir haben sichere Arbeitsplätze, z. Z. Kurzarbeit oder einen 30-Stunden-Job, aber zufrieden leben wir nicht.

»Vom Eise befreit …« dazu brauchen wir noch sehr, sehr viel Wärme, also los, geben wir sie weiter!

Martina Grupe
99099 Erfurt

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